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4 taktische Schlüssel: Real – Bayern

Victor

Ein echter europäischer Klassiker: Real gegen Bayern ist das mit Abstand am meisten erwartete Duell der vier Champions-League-Viertelfinals. Während Bayern sowohl in Europa als auch national sein Spiel grundsätzlich im Griff hat, steht man nach dem Viertelfinal-Aus im Vorjahr dennoch unter Druck. Real wiederum muss die richtige Balance finden, um Mbappé wieder zu integrieren – und wird vermutlich versuchen, Bayerns eigene Prinzipien gegen sie zu wenden, insbesondere das mannorientierte Verteidigen.

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© IMAGO / SOPA Images

1) Zurückfallen vs. Struktur: Mannorientierung und Torabsicherung

Auch wenn Bayern den späteren Finalisten Inter im Rückspiel der vergangenen Saison klar dominiert hatte (und letztlich durch zwei Eckball-Gegentore ausschied), wurde das Weiterkommen bereits im Hinspiel verspielt. Die 1:2-Niederlage in der Allianz Arena offenbarte, wie gut Inzaghi Kompany gelesen hatte: Mit einer angepassten 3-1-4-2-Struktur brachte Inter die mannorientierten Zuordnungen durcheinander, die seit Kompanys Amtsantritt prägend sind.

Durch permanentes Positionsrochieren zerstörten die Italiener die Referenzpunkte der Bayern – und hebelten so auch deren Pressing aus.

Das war auch beim spektakulären 2:2 gegen Hamburg deutlich zu sehen: Gegner greifen vermehrt auf solche Anti-Mannorientierungsmechanismen zurück. Real, das in der Champions League regelmässig taktisch flexibel agiert, dürfte ebenfalls versuchen, sich so den Weg zum Tor zu öffnen – indem Upamecano und Tah weit aus der gedachten Achse zwischen Ball und Tor gezogen werden.

Hamburg nimmt Bayern beim Wort: Gegen das Mann-gegen-Mann-Verteidigen werden die Stürmer zu Verteidigern und die Verteidiger zu Stürmern. Kane, Karl und Gnabry sind hier in die Viererkette eingebunden, während Kim aus ihr herausgezogen wird.

So verschiebt sich der Fokus im Viertelfinale vom Spielmodell (was man selbst anbietet) hin zum Matchplan (was man dem Gegner entgegensetzt). Bayern muss daher weiterhin strategisch gegen die Verformung des eigenen Blocks arbeiten.

Im ursprünglichen Plan von Kompany ist das Pressing maximal aggressiv und ohne Absicherung angelegt: maximales Risiko, maximaler Ertrag.

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Doch nachdem man mehrfach bespielt wurde, hat der Belgier Anpassungen vorgenommen. In Topspielen verteidigt Bayern häufiger mit einem zusätzlichen Absicherungsverteidiger, behält aber die grundsätzliche, stark mannorientierte Dynamik bei.

Das war beispielsweise gegen PSG klar zu erkennen: Gnabry (als zweiter Stürmer) orientierte sich an Vitinha, dem zentralen Aufbauspieler und nicht strikt an Pacho. Kimmich, dadurch eine Linie tiefer positioniert (gegen Fabián Ruiz), schob nur dann auf Vitinha heraus, wenn Bayern kollektiv ins hohe Pressing ging und dies mit Gnabry abgestimmt war.

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Gegen PSG hat Bayern in dieser Saison sein Pressing dosierter angelegt. Gnabry orientierte sich an Vitinha, dem Bezugspunkt im Aufbau. Auf Pacho, der zunächst frei blieb, rückte Gnabry nur heraus, und Kimmich auf Vitinha, wenn es die Situation erforderte und die Bayern davon ausgingen, dass Kimmichs eigentlicher Gegenspieler (Ruiz) kurzzeitig vernachlässigt werden konnte.

Selbst in diesen aktiven Phasen blieb Upamecano als „+1“-Spieler in der Absicherung vergleichsweise vorsichtig.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass Bayern auch gegen Real auf diesen pragmatischeren Ansatz zurückgreift. Denn Real hat sich darauf spezialisiert, gegnerische Innenverteidiger aus der Position zu ziehen, insbesondere im von Arbeloa entwickelten asymmetrischen Rautenansatz, in dem Vinicius und Valverde als eine Art Hybrid aus Stürmern und Flügelspielern agieren. Valverde, aktuell in herausragender Form, ist besonders gefährlich, wenn er die Räume attackiert, die durch das Herausziehen der gegnerischen Innenverteidiger entstehen.

Gegen City wie auch gegen Atlético war das deutlich zu sehen: Arda Güler und Brahim Díaz, die offensivsten Elemente der Raute, agieren wie ein doppelter falscher Neuner und ziehen die Innenverteidiger heraus. Vinicius und Valverde positionieren sich hingegen „auf der Ecke“ in der eigenen Hälfte und warten darauf, dass ein Innenverteidiger seine Position verlässt, um dann aus der Tiefe in Richtung Tor zu starten.

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Guehi rückt auf Brahim heraus, Valverde hat dadurch das Eins-gegen-eins gegen den Außenverteidiger und zögert nicht, den Weg zum Tor anzutreten: 2:0 für Real.

2) Welche Rolle für Mbappé?

Das Problem für Real: Dieses funktionierende offensive Gleichgewicht wurde ohne Mbappé gefunden, der inzwischen von seiner Verletzung zurückgekehrt ist. Vor dem Dreierblock Arda – Tchouaméni – Pitarch hat sich Brahim Díaz als falsche Neun etabliert, eine Rolle, die ihm deutlich besser liegt als Mbappé.

Da Vinicius auf links unantastbar ist, steht Arbeloa vor einem klaren Dilemma:
Mbappé als Mittelstürmer einsetzen und dabei an Bindungs- und Anziehungskraft gegenüber den Innenverteidigern verlieren? Oder Valverde als „Neuneinhalb“ ins Zentrum schieben, um Mbappé die rechte Tiefe zu öffnen?

Beim Einsatz gegen Atlético, 13 Minuten vor dem Platzverweis Valverdes, agierte Mbappé leicht rechts versetzt zur Mitte. Brahim übernahm die Rolle von Arda Güler, der wiederum tiefer ins Mittelfeld zurückgezogen wurde und Pitarch im Aufbau ersetzte.

Folgt man der Logik des Bayern-Ansatzes in Topspielen, dürfte Brahim primär von Kimmich aufgenommen werden. Pavlović würde den zweiten Sechser (Pitarch oder Arda) kontrollieren, während Gnabry sich an Tchouaméni orientiert.

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Man kann es drehen und wenden, wie man will: In dieser Struktur wird Mbappé nicht umhin kommen, sich zumindest punktuell zurückfallen zu lassen, wenn er sich in die Mechanismen integrieren will, ohne sie zu stören.

Wie oben beschrieben: Wenn Kimmich bei Brahim bleibt und Upamecano Vinicius absichert, muss Mbappé versuchen, Tah durch Zurückfallen aus der Kette zu ziehen, um so die diagonalen Läufe Huijsen–Valverde zu ermöglichen. Gegen City war genau dieses Prinzip sichtbar: Real greift mit zwei falschen Neunern an.

Von Leipzig genutzt, die Bayern damit über weite Strecken in Schwierigkeiten bringen konnten, könnte die ‚Dreifach-Breite‘ auch für Real eine gangbare Option sein. Sie würde ein Maximum an Verwirrung bei Kimmich erzeugen und Upamecano zu einer schwierigen Entscheidung zwingen.

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Gegen Atlético zeigte sich zudem eine alternative Struktur: In einer kurzen Phase im 4-2-1-3 – mit Mbappé anstelle von Arda, fiel der Siegtreffer durch Vinicius. Eine absolut valide Option.

Allerdings wirkte Mbappé im Zurückfallen teilweise noch zu zögerlich. Beim Tor von Vinicius zwang er Trent Alexander-Arnold durch seine Positionierung zu einem überhasteten Herausrücken. Dessen unsaubere Ballführung öffnete schliesslich den Raum vor der Abwehr – den Vinicius mit seiner individuellen Klasse nutzte.

3) Defensiv-Transition von Real: aus dem Gegenpressing heraus den Aussenverteidiger isolieren

So gut Bayern vermutlich verstanden hat, wie Gegner ihre Defensivweise angreifen können, so klar werden sie auch die strukturellen Schwächen bei Arbeloa identifiziert haben. Der Spanier, geprägt von einer auf Spieler und Momente fokussierten Fussballkultur, denkt das Spiel weniger in Systemen als in individuellen Dynamiken, ganz im Sinne eines Ancelotti. Ein Spieler wird bei ihm nie einem System untergeordnet.

Das Pressing (und damit auch die offensive Umschaltphase) scheint dabei ebenso sehr darauf ausgelegt zu sein, einen kompakten Block herzustellen, wie darauf, Vinicius in optimale Bedingungen für Konter zu bringen: nahe an der Mitte, nahe am gegnerischen Tor und mit vergleichsweise geringem Defensivaufwand.

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Kompaktes Pressing von Real: Arda übernimmt die Position von Vinicius.

Eine absolut logische Entscheidung angesichts der Qualitäten des neuen „Herr Champions League“ bei Real, die jedoch dem Gegner Möglichkeiten eröffnet, sobald dieser das Pressing oder Gegenpressing der Madrilenen überspielt.

Wie gesehen, neigen die Spieler von Arbeloa dazu, sich in Ballbesitz stark zu verdichten: ein kompaktes Zentrum rund um den Ball bei Ballverlust ist also folgerichtig. Gleichzeitig macht die geringe Defensivbeteiligung von Vinicius den Aussenverteidiger zu einem oft isolierten, entsprechend verwundbaren Element, dessen Fähigkeit, Eins-gegen-eins- (oder sogar Eins-gegen-zwei-) Situationen zu überstehen, in diesem Duell entscheidend sein dürfte.

Das wurde besonders deutlich, wenn man die Offensivphasen von Atlético zusammennimmt: Ob nach Ballgewinn oder im Aufbau – die Colchoneros versuchten zunächst, Real auf einer Seite zu binden, um anschliessend auf die andere Seite zu verlagern und dort das Eins-gegen-eins gegen den isolierten Verteidiger zu suchen.

4) Defensivverhalten von Real: ebenfalls herausgezogene Verteidiger – eine Chance für Kane?

All diese Beobachtungen zum Verhalten nach Ballverlust decken sich logischerweise mit dem, was sich im eigentlichen Defensivverhalten von Real zeigt. Wie Kompany hat auch Arbeloa den klaren Anspruch, sein Mittelfeld aktiv zu unterstützen, indem er Verteidiger nach vorne herausrücken lässt.

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Mit einem Sturmduo wie Griezmann – Álvarez, das das Zurückfallen perfekt beherrscht, hat Atlético genau diese Eigenschaft gezielt bespielt, um Real ins Wanken zu bringen. Beim Tor von Lookman wird das besonders deutlich: Carvajal rückt wie ein Sechser auf Griezmann heraus – ein Verhalten, das zu klar ist, um improvisiert zu sein – und isoliert dadurch Rüdiger.

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Die Bewegung von Koke vor dem 1:0 erinnert an jene von Kimmich, wenn Bayern seine typischen Wirbel einleitet. Mit ihrer klaren Tendenz, auf zurückfallende Bewegungen herauszurücken, werden Rüdiger und Huijsen mit hoher Wahrscheinlichkeit von Bayerns gewohnten Bewegungsketten auf die Probe gestellt.

Angesichts dieser klaren Tendenz, auf solche Bewegungen aggressiv herauszurücken, dürften Rüdiger und Huijsen von den typischen bayerischen Bewegungsmustern und Rotationen stark gefordert werden.

Das eröffnet zudem die Möglichkeit für eine Anpassung im bayerischen Pressing, die durchaus Sinn ergeben könnte: Kane und Gnabry könnten Tchouaméni und Pitarch direkt aufnehmen, während Kimmich und Pavlović sich um das „doppelte falsche Neuner“-Konstrukt kümmern. So liesse sich verhindern, dass der bayerische Sechser – wie einst Rodri – im Zentrum überladen wird.

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Eine Variante, die zudem den Übergang zwischen Defensive und Offensive optimieren würde, angesichts der klaren Tendenz von Kane und Gnabry, sich regelmässig ins Mittelfeld fallen zu lassen. Vorausgesetzt natürlich, dass der Engländer einsatzfähig ist. Eine erste Antwort darauf gibt es in wenigen Stunden.

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