Aller Anfang ist schwer: Warum sich Lichtsteiner, Hediger & Co. so schwer tun
Vergangenen Sonntag war’s vorbei: Knapp drei Monate nach seiner Berufung zum Cheftrainer wurde Daniel Bauer (43) beim VfL Wolfsburg entlassen und durch Dieter Hecking (61) ersetzt. Im Abstiegskampf setzt der VfL also doch wieder auf Erfahrung, nachdem es mit den „jungen“ Paul Simonis (40) und Bauer nicht geklappt hat. Die Beiden stehen beispielhaft für die Anlaufschwierigkeiten junger Trainer, von denen es auch in der Schweiz das eine oder andere Exemplar gibt. Unser Blick auf drei der grössten Herausforderungen beim Einstieg ins Trainerbusiness.
1. Der alte Spieler in dir
Viele junge Trainer tragen noch immer den Spieler in sich – im Denken, Fühlen und Handeln. Statt aus der Distanz zu führen, agieren sie oft, als stünden sie noch selbst auf dem Platz. Emotionen dominieren über Reflektion, spontane Reaktionen über besonnene Führung. Dabei kommt ihnen zuweilen jene Souveränität und Selbstkontrolle abhanden, die eine Mannschaft gerade in turbulenten Momenten benötigt. Stattdessen machen sie sich so – ob bewusst oder unbewusst – selbst zum Thema, werden zum Brandbeschleuniger anstatt zum Stabilisator. Ein aktuelles Beispiel dafür liefert Stephan Lichtsteiner beim FC Basel: Anstatt Ruhe und Zuversicht zu vermitteln, rückt er mit seinen Aussagen und Gesten immer wieder ins Zentrum der Debatte, ist quasi sein eigenes, konstantes Thema. Ein Trainer aber sollte in erster Linie im Hintergrund wirken, anstatt immer wieder unbedarft Öl ins Feuer zu giessen.
2. Timing ist (fast) everything
Ein zweites Problem vieler Trainerneulinge ist das Timing. Die Sehnsucht nach der grossen Chance, gepaart mit der Angst, sie bei einer Absage möglicherweise nie wieder zu bekommen, lässt viele zu früh zugreifen. Die Folge: Sie übernehmen Teams und Aufgaben, zu den sie (noch) nicht passen oder zu einem Zeitpunkt, der denkbar schlecht ist. Hinzu kommt: Wer als Spieler viel erreicht hat, überschätzt möglicherweise seine Wirkung als Trainer. So wie z.B. Sandro Wagner, der bereits kurz nach seinem Debüt in Augsburg damit begann, seine Mannschaft mit dem FC Bayern München zu vergleichen. Mit Sicherheit im besten Willen, seinen Fuggerstädtern damit zusätzliches Selbstvertrauen zu vermitteln, aber halt auch in kompletter Ignoranz dessen, dass er seiner Mannschaft damit eine gehörige Portion an Erwartungen auf die Schultern lud. Was Wagner, schon als Spieler für seine forsche Art bekannt, unterschätzte: Vielen seiner Spieler wäre eine demütigere, realistischere Einschätzung der eigenen Möglichkeiten wohl lieber gewesen, als nun den grossen Worten des Trainers Taten folgen lassen zu müssen. Denn im Trainerstuhl zählen nicht mehr die eigenen Tore, Assists oder Pokale, sondern Demut, Menschenkenntnisse und die Fähigkeit, das richtige Gespür für die jeweilige Situation zu haben.
3. Das gewisse Etwas
Die Amerikaner nennen es den „it factor“, das gewisse Etwas einer Persönlichkeit, das am Ende auch im Profigeschäft viel eher über Erfolg und Misserfolg entscheidet, als die Taktiktafel. Besonders bei Krisenklubs, wo es für jeden Trainer von elementarer Bedeutung ist, die Spieler Kraft der eigenen sozialen, kommunikativen und fachlichen Kompetenzen vom ersten Tag an mitzunehmen. Diese Fähigkeit ist umso wichtiger, wenn ein rascher Turnaround notwendig ist. Spieler in so einer Situation sind bereits verunsichert und benötigen eine starke Persönlichkeit, die ihnen den Glauben an sich selbst und an den gemeinsamen Plan neu vermitteln kann. Ein Team muss davon überzeugt sein, dass ihm der Trainer die richtigen Lösungen und Antworten geben kann, erst Recht, falls ein Spiel verloren gehen sollte. Kann er das nicht, werden aus einer oder zwei Niederlagen bald eine ganze Serie, während der es von Spiel zu Spiel schwieriger wird, den Weg zurück zum Erfolg wieder zu finden. Genauso, wie das derzeit Dennis Hediger (FC Zürich) oder zuletzt Daniel Bauer in Wolfsburg erleben (mussten).
Und doch: Es gibt sie, die Ausnahmen, die vom ersten Tag an wie gemacht scheinen für den Trainerjob. Jürgen Klopp, zum Beispiel, oder in jüngerer Vergangenheit Fabian Hürzeler und Gerry Seoane (der dafür jetzt nach Antworten sucht) fanden sofort den Tritt und wussten zu überzeugen. Aber vermutlich sind sie eher die Ausnahmen, die die Regel vom schweren Anfang bestätigen.