...als wäre er nie weg gewesen: Urs Fischer weiss auch in Mainz wie's geht
Mit 2:0 besiegte der FSV Mainz im Viertelfinal-Hinspiel gestern Abend Racing Strassbourg und steht mit einem Bein im Halbfinale der UEFA Conference League. Fast noch eindrücklicher: Mit Urs Fischer an der Seitenlinie feierten die Rheinhessen im 20. Spiel bereits ihren zehnten Vollerfolg und stehen nur vier Monate nach dem Absturz auf Rang 18 auch in der Bundesliga kurz vor dem Klassenerhalt. Ein weiterer Beweis für Fischers aussergewöhnliche Fähigkeiten als Coach.
Sind Sie überrascht?
Nein, zu behaupten, Urs Fischer erhalte für seine Trainerarbeit zu wenig Lob, wäre falsch. Schliesslich ist es in der Tat so, dass der mittlerweile 60-Jährige für seine Fertigkeiten durchaus anerkannt wird, wenn auch mit Vorliebe in seiner Heimat und an jenen Standorten, an denen Fischer im Verlauf seiner Trainerlaufbahn bereits wirken durfte. Wer den Zürcher unterschätzt – was gerade im Fan-Umfeld grösserer Klubs noch gerne passiert - tut dies quasi auf eigene Gefahr, denn sein Palmarès spricht Bände. Überall wo der langjährige NLA-Crack tätig war, war er erfolgreich, ob beim FCZ (Vize-Meister 2011), Thun (Rang 4 in 2015), Basel (Meister 2016 und 2017, Cupsieger 2017) oder in Berlin (Aufstieg mit Union 2019, Qualifikation für EL und CL in den Jahren danach). Das Paradoxe daran: Für gewöhnlich sind genau jene Attribute (Bodenständigkeit, Ruhe, bedachte Rhetorik), die Fischer in der täglichen Arbeit mit seinen Teams auszeichnen, auch ausschlaggebend für die (oberflächlichen) Vorbehalte gegenüber seiner Person. Doch davon lässt sich der Vater zweier erwachsener Töchter bislang auch in Mainz nicht aufhalten.
Premiere in Mainz
Denn dort, in der rheinlandpfälzischen Landeshauptstadt, wurden Fischers Künste bislang so dringend gebraucht, wie noch an keiner seiner bisherigen Stationen. Denn die „Meenzer“ standen nach 20 überwiegend erfolgreichen Monaten unter ex-FCZ-Trainer Bo Henriksen am Abgrund, zahlten für eine überraschende Conference-League-Qualifikation mit Rang 18 im Dezember 2025 teuer. „Enter“ Urs Fischer, der gut zwei Jahre nach seiner Entlassung in Berlin beim FSV sein Comeback gab – situationsbedingt zum ersten Mal in seiner Karriere als eine Art Feuerwehrmann. Doch Fischer fand (wie so oft) schnell den richtigen Ton, verpasste der Mannschaft eine kompaktere, risikoärmere und stabilere Spielweise mit einem Fünfer-Mittelfeld, die sofort Früchte trug. Schritt für Schritt baute er auch personell ein wenig um, setze u.a. wieder vermehrt auf Captain Silvan Widmer sowie weitere „Stabilisatoren“ wie Neo-Abwehrchef Dominik Kohr, Mittelfeld-Motor Kaishu Sano und seinen ehemaligen Berliner Weggefährten Sheraldo Becker. Das Resultat: 27 Punkte in nur 15 Spielen, dank denen sich die Mainzer aus dem grössten Abstiegsschlamassel befreien konnten. Aktuell steht der Klub, bei dem einst ein gewisser Jürgen Klopp seine Weltkarriere lancierte, auf Rang 9 und verfügt mittlerweile über ein Polster von acht Zählern auf den Relegationsplatz. Zum Vergleich: Der VfL Wolfsburg, zum Zeitpunkt von Fischers Amtsantritt mit sechs Punkten Vorsprung auf Platz 15 rangiert, hat nun zwölf Punkte weniger als die 05er auf dem Konto – eine Differenz von 18 Punkten in nur zwölf Spielen.
Anstatt Abstieg plötzlich doch Europa?
Und trotzdem hat der Erfolgstrainer natürlich Recht, wenn er gefühlt in jedem Interview darauf verweist, dass Stand jetzt eigentlich noch gar nichts erreicht wurde. Nicht in der Bundesliga, wo die Mainzer in den letzten Monaten zwar Bayern, Leipzig, Hoffenheim und Stuttgart trotzten, trotzdem aber den Ligaerhalt noch nicht ganz unter Dach und Fach gebracht haben. Und nicht in der UEFA Conference League, wo der 1905 gegründete Verein zum ersten Mal in seiner Geschichte an der Schwelle zu einem europäischen Halbfinale steht. Verläuft die FSV-Formkurve aber weiterhin so konstant wie sei Fischers Amtsübernahme im Dezember, ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis sich Mainz definitiv aus dem Abstiegskampf verabschiedet. Ja,und dann könnte der Zeitpunkt kommen, an dem sich der Klub mit ganzer Aufmerksamkeit einem neuen Ziel widmen kann, dass noch vor wenigen Monaten niemand so wirklich auf der Agenda hatte: Das Endspiel der Conference League, in dem der FSV Mainz mit einem Sieg nicht nur den ganz grossen Coup landen, sondern gleichzeitig auch zum zweiten Mal in Folge sein Ticket für den europäischen Wettbewerb lösen könnte. Ein Erfolg, der wahrscheinlich auch den für gewöhnlich nüchternen Erfolgstrainer Urs Fischer ein wenig aus der Reserve locken würde.