Aurèle Amenda: Von der Frankfurter Bank zurück auf den WM-Zug
Wenn die Schweiz morgen Freitag und kommenden Dienstag gegen Deutschland und in Norwegen testet, ist auch er wieder dabei: Aurèle Amenda, Verteidiger von Eintracht Frankfurt. Das alleine wäre allerdings keine Mitteilung wert, schliesslich gehört der 22-jährige bereits seit eineinhalb Jahren zum erweiterten Kreis von Yakins Auswahl, ohne dabei jedoch gross in Erscheinung getreten zu sein. Das könnte sich nun mit Blick auf die WM (und weitere Zukunft) ändern: Zum ersten Mal seit seinem Wechsel nach Deutschland ist Amenda nämlich als Bundesliga-Stammspieler angereist.
Ein jäh gebremster Aufstieg
Als YB im Dezember 2021 dem erst 18-jährigen Aurèle Amenda einen Profivertrag gab, tat es das, weil es im jungen Seeländer den Prototypen eines neuen, spielstarken Innenverteidigers sah. Ausgestattet mit gutem Antizipationsvermögen, starker Physis und Ruhe am Ball – Attribute, die Amenda schon als Junior bei YB und in der Schweizer U19 gezeigt hatte. Besonders in der U21, wo er an der EM 2023 als jüngstes Teammitglied überzeugte, verblüffte er mit seiner fortgeschrittenen Reife und Konstanz. Logisch erhielt Amenda unter Trainer Raphaël Wicky auch regelmässige Einsätze in der Super League – und wusste diese zu nutzen.
Mental robust und spielintelligent, wurde das Talent auf dem internationalen Transfermarkt rasch zum Objekt der Begierde. Schliesslich machte Eintracht Frankfurt im Februar 2024 das Rennen – für eine Ablösesumme von rund zehn Millionen Euro Ablöse (plus möglichen fünf Mio. Euro in Boni). Amenda sollte an der Seite von Captain Robin Koch zum Eintracht-Stabilitätsfaktor der Zukunft aufgebaut werden, doch der Plan geriet ins Stottern. Bereits im ersten Jahr in „Mainhattan“ verpasste der 1,97m grosse Hühne aufgrund eines Syndesmosebandrisses mehrere Monate und schaffte es im Anschluss nicht, sich gegen die starke Konkurrenz durchzusetzen. Unter Trainer Dino Toppmöller kam Amenda so nur vereinzelt zu Spielpraxis, was sich auch in der vergangenen Hinrunde nicht wirklich ändern sollte. Nach und nach verlor der Bieler darob auch sein Selbstbewusstsein, es schien, als hätte sich das grösste Schweizer Defensivtalent mit seinem Wechsel zur Eintracht verpokert.
Zurück im Geschäft
Im Winter 2025/2026 war schliesslich offensichtlich, dass sich etwas ändern musste. Amenda liebäugelte mit einem Wechsel, liess sich von Eintracht-Sportdirektor Markus Krösche aber zum Bleiben überreden - zum Glück. Denn mit dem Trainerwechsel von Toppmöller zu Albert Riera Mitte Januar, begann für den Schweizer eine ganz neue Phase. Auf einmal gehörte der zweifache Schweizer Meister – begünstigt durch Verletzungen der Konkurrenten Kristensen und Theate – zum Stamm und überzeugte. Acht Mal in den vergangenen neun Spielen kam Amenda über 90 Minuten zum Zug und entwickelte sich zu einem der zentralen Stabilisatoren der „neuen“ Frankfurter Defensive. Im Spiel gegen St. Pauli stellte der spielstarke Rechtsfuss dabei mit 168 Ballkontakten sogar einen neuen Klubrekord auf, gewann durchschnittlich 63% seiner Zweikämpfe und bewies so, dass sich der Klub auch in einer neuen, deutlich grösseren Rolle auf ihn verlassen konnte. „Er hat den Mut, das Spiel zu öffnen, bringt Ruhe in hektische Phasen“, lobte Riera seinen Schützling kürzlich, der sich zu einem der Schlüsselfaktoren des defensiven Turnarounds unter dem spanischen Übungsleiter entwickelt hat. Erhielt die Eintracht unter Toppmöller und dem Interims-Trainerduo Meier/Schmitt noch weit über zwei Gegentore pro Spiel, hat sich dieser Wert in den letzten sieben Partien bei unter einem Gegentreffer pro Partie eingependelt. Nicht zuletzt dank konstant guten Leistungen von Aurèle Amenda.
Weltmeisterliche Perspektiven?
Amendas positive Entwicklung wird aber natürlich nicht nur am Main gern gesehen. Auch im Umfeld der Schweizer Nationalmannschaft dürfte man die Fortschritte des ehemaligen Captains der U19 mit Wohlwollen zur Kenntnis genommen haben. Schliesslich ist der Mann mit kamerunischen Wurzeln eine der grossen Zukunftshoffnungen im Schweizer Fussball. Zwar ist die Nati auf der IV-Position mit Manuel Akanji (30) und Nico Elvedi (29) vorderhand noch gut aufgestellt, natürlich aber schadet es nicht, wenn mit Amenda und Luca Jaquez (VfB Stuttgart) zwei vielversprechende 22-Jährige für mehr Breite und Variabilität auf dieser Position sorgen. In ein paar Jahren könnte der Bieler Hühne, der seine Mitspieler gerne aktiv führt, geradezu prädestiniert dafür sein, von Akanji die Rolle des strategischen Abwehrchefs und Taktgebers zu übernehmen.
Bis dahin dürfte aber noch einiges an Wasser den Main hinunterfliessen - in Frankfurt und natürlich auch im Kreis der Nationalmannschaft. Für sie steht im Sommer erst ein Mal die voraussichtlich letzte WM um die Generation der ehemaligen U17-Weltmeister Xhaka und Rodriguez an, idealerweise mit einem Amenda, der in den USA, Kanada und Mexiko erste Erfahrungen auf dieser Stufe sammeln kann, ohne dabei direkt ins kalte Wasser geschmissen zu werden. Und falls doch, würde sich der Eintracht-Senkrechtstarter der letzten beiden Monate wohl auch diese Aufgabe zutrauen. Erst einmal aber gilt es, sich mit anhaltend guten Leistungen den Platz in Frankfurts Startelf und natürlich in Murat Yakins WM-Kader weiter zu verdienen.