Boykott-Diskussionen statt WM-Vorfreude
Der Countdown läuft. In 97 Tagen wird die Fussball-WM 2026 mit dem Spiel zwischen Co-Gastgeber Mexiko und Südafrika eröffnet. Doch viele Probleme und Fragezeichen sorgen dafür, dass sich die Vorfreude massiv in Grenzen hält und stattdessen gar über mögliche Boykotte wird diskutiert.
Eigentlich sollte sie ja ein grosses Fest werden, die WM 2026 in Kanada, Mexiko und den USA. Und in einer «normalen Welt» würden sich die Fussballfans schon jetzt auf diese globalen Festspiele freuen, die Tage bis zum ersten Anspiel zählen. Doch in diesen Tagen ist weltweit nicht viel normal. Stattdessen dominieren politische Spannungen die Schlagzeilen. Der Krieg zwischen WM-Co-Gastgeber USA und dem Teilnehmer Iran, innenpolitische Konflikte in Nordamerika und Sicherheitsprobleme in Mexiko sorgen für ungünstige Vorzeichen und lassen teilweise Gedanken an einen Boykott hochkommen.
Im Zentrum der Debatte steht aktuell der Iran. Das Team hatte sich im März 2025 sportlich souverän für das Turnier qualifiziert – als eines der ersten Länder weltweit. In der Gruppe G wären Spiele gegen Belgien, Neuseeland und Ägypten vorgesehen, ausgetragen in Los Angeles und Seattle. Doch inzwischen ist unklar, ob die Mannschaft überhaupt anreisen wird.
Der Hintergrund ist die militärische Eskalation im Nahen Osten. Die USA greifen gemeinsam mit Israel Ziele im Iran an. Für viele Beobachter ist es ein beispielloser Moment in der Geschichte des Fussballs: Ein Gastgeberland befindet sich militärisch im Konflikt mit einem Teilnehmer der Weltmeisterschaft. US-Präsident Donald Trump reagierte auf die Diskussionen über eine mögliche Teilnahme des Iran mit bemerkenswerter Gelassenheit. In einem Interview erklärte er: «Es ist mir wirklich egal, ob der Iran teilnimmt.» Gleichzeitig nutzte der US-Präsident den Fussball als Vehikel, um seine Botschaften zu transportieren und sagte bei einem Empfang des Fussballteams Inter Miami im Weissen Haus unter den Augen von Superstar Lionel Messi Richtung des aktuellen iranischen Machtapparats: «Ich rufe erneut alle Mitglieder der iranischen Revolutionsgarde, des Militärs und der Polizei dazu auf, ihre Waffen niederzulegen.»
Defensive FIFA
Die FIFA gibt sich auf diesem heiklen politischen Parkett noch defensiv. Generalsekretär Mattias Grafström erklärte, man beobachte die Lage genau. Priorität habe eine sichere Weltmeisterschaft, an der grundsätzlich alle qualifizierten Teams teilnehmen dürften. Noch hat sich keine Nation offen für einen Boykott ausgesprochen, doch Gedankenspielereien haben längst begonnen.
In Deutschland gibt es politische Stimmen, die einen Boykott zumindest diskutieren. Einige Politiker sehen die WM kritisch wegen der Politik von Donald Trump oder äusserten Sicherheits- und politische Bedenken. Auch in Frankreich gab es vereinzelte Forderungen nach einem Boykott oder wurde eine WM-Teilnahme teilweise in Frage gestellt. Und im Senegal gibt es Diskussionen, ob ein Boykott in Betracht gezogen werden könnte. Der Grund: ein mögliches US-Einreiseverbot für Fans aus bestimmten Ländern.
Gleichzeitig wachsen auch in Nordamerika die Sorgen. In Mexiko sorgt eine Gewaltwelle nach der Tötung des mächtigen Drogenbosses «El Mencho» für Unsicherheit, besonders in Guadalajara, wo mehrere WM-Spiele stattfinden sollen. Zudem sorgt Trumps harte Einwanderungspolitik für Kritik und Boykottaufrufe, weil Visa-Beschränkungen auch Fans und Delegationen betreffen könnten, nicht nur jene des Senegal. All das überschattet ein Turnier, das eigentlich als gigantisches Sportereignis geplant war. Mit 48 Mannschaften, 16 Stadien und über 100 Spielen wollte die FIFA neue Rekorde aufstellen. Präsident Gianni Infantino sprach sogar von «104 Super Bowls».
Die WM 2026 könnte damit zu einem Turnier werden, das weniger durch sportliche Dramen als durch geopolitische Spannungen in Erinnerung bleibt. Ein Turnier, bei dem sich entscheidet, ob der Fussball wirklich über der Politik steht – oder längst mitten in ihr angekommen ist. Und ein Turnier, an das wegen hohen Kosten und Sicherheitsbedenken wohl weniger Fans als sonst üblich anreisen werden. Die Kontingente mit den fünfhundert vergünstigten Tickets pro Spiel seien sofort vergriffen gewesen, doch «das restliche Kontingent wurde wohl aufgrund der hohen Preise nicht vollständig ausgeschöpft», erklärte SFV-Mediensprecher Adrian Arnold kürzlich gegenüber dem Blick.
Schweizer Boykott kein Thema
Schon vor einigen Wochen hat auch der Schweizerische Fussballverband im Zentralvorstand über einen Boykott diskutiert, anschliessend sagte Mediensprecher Adrian Arnold: «Wir sind der Meinung, dass ein Boykott die Falschen treffen würde, nämlich die Spieler, die sich rein sportlich, unabhängig von allem, was politisch auf der Welt passiert, für die WM qualifiziert haben. Und wir sind auch der Meinung, dass ein Boykott einer Schweizer Nati oder einem Fussballteam keinen Einfluss auf die Weltpolitik hat.»
Es ist eine verständliche Sichtweise, zumal am Ende davon auszugehen ist, dass von den qualifizierten Nationen höchstens der Iran das Turnier boykottieren wird. Ob die Stimmung vor Ort WM-würdig sein wird, ist offen. Aber es ist davon auszugehen, dass trotz allem zumindest an den Public-Viewings in der Schweiz mitgefiebert und -gejubelt wird.