Sein Andenken bei Borussia Dortmund möchte Julian Brandt selbst gestalten. Nicht auf dem Abstellgleis, auch nicht als gesetzter Star, dennoch weiterhin als Schlüsselfigur.
Dass der 29-Jährige die fussballerischen Qualitäten besitzt, um diesen Plan in die Realität umzusetzen, bewies Brandt mit seiner Vorlage zum 2:0 gegen den 1. FC Köln. Maximilian Beier zog gegen den nach Platzverweis dezimierten Effzeh von der linken Seite in Richtung Zentrum und fand Brandt. Der Mann mit der Nummer 10 hatte die Übersicht und ermöglichte mit einem tollen Ball in die Tiefe den direkten Abschluss für Beier.
Es war die 69. Vorlage für den gebürtigen Bremer im BVB-Trikot. Nach sieben Jahren Borussia steuert dieser nun auf das 300. gemeinsame Spiel zu, in denen obendrauf bislang 56 Tore gelangen. Brandt und der BVB waren schon fast zum Synonym geworden.
Entsprechend war auch die Wertschätzung von Geschäftsführer Lars Ricken, als er nach Abpfiff am Mikrofon von Sky Sport überraschend die Trennung verkündete: "Ich glaube, wir können nur Dankbarkeit für ihn haben. Er hat sieben Jahre bei uns gespielt, wurde auch immer mal kritisch gesehen. Heute hat er auch wieder eine Torvorlage gemacht. Ich habe seine Quote geliebt. Er wird in ein paar Wochen 30, wir können uns ein bisschen neu orientieren, insofern kann das auch für beide Seiten eine Chance sein."
Brandt-Entdecker voller Lob
Für Sky Sport Experte Lothar Matthäus eine durchaus nachvollziehbare Entscheidung. "Natürlich will Dortmund dann im nächsten Jahr andere Wege gehen. Er (Brandt, Anm. d. Red.) ist kein Stammspieler bei Niko Kovac und er wird als Trainer bleiben", erklärt der Weltmeister von 1990 bei Sky90.
Doch Julian Brandt und Borussia Dortmund - das war nicht immer nur Wertschätzung und Hochachtung. Häufig stand der ehemalige Nationalspieler in der Kritik, Leistungslöcher und spielerische Brillanz wechselten sich ab. Dennoch überwiegt auch für Brandts Entdecker, den ehemaligen Leverkusen-Manager Jonas Boldt, die Qualität des Offensivakteurs: "Er ist einfach ein unfassbar spielintelligenter, feinfüssiger Fussballer. Deswegen kann ich verstehen, dass man manchmal das Gefühl hat, er holt zu wenig aus sich raus: Weil er am Ball eigentlich alles kann. Aber er ist sich selbst immer treu geblieben."
Es ist eine Trennung im Einvernehmen und - wenn man die Worte von Lars Ricken hört - auch eine Chance für beide Parteien. Das sieht auch Sky Sport Expertin Julia Simic so: "Die Frage ist ja auch: Was hätte er sich noch von Borussia Dortmund und Borussia Dortmund noch von ihm erhoffen können? Es war eine Berg- und Talfahrt, ging nach oben und wieder nach unten. Er ist auch kein Nationalspieler mehr, auch niemand, der noch in den erweiterten Dunstkreis gehört. Deswegen ist es vielleicht auch eine logische Konsequenz von beiden Seiten zu sagen: Wir probieren was Neues. Sowohl der Verein, der damit etwas mehr Kapazitäten hat, als auch er."
Matthäus sieht Zukunft im Ausland
Matthäus kann diesen Ansatz nachvollziehen: "Ablöse kriegt man keine, aber Brandt hat ein ordentliches Gehalt. Da spart man schon ein paar Millionen. Das kann man für neue Spieler verwenden, von denen man meint, dass sie dem BVB in Zukunft mehr helfen können als Julian Brandt es könnte."
Doch während dem BVB der Markt und somit viele Optionen offen stehen, wird das Kapitel Bundesliga für Brandt wohl im Sommer vorüber sein: "Ich gehe davon aus. In Deutschland ist mir kein anderer Verein eingefallen. Im Grossen und Ganzen glaube ich: Eher ins Ausland, bevor er hier einen Verein findet", resümiert Matthäus seine Gedanken. Zu hoch sei das Gehalt von Brandt.
Julia Simic befindet den Weg ins europäische Ausland als gerade den richtigen Schritt: "Ich würde mir wünschen, dass er noch mal was anderes von der Welt sieht. Erinnern wir uns an Toni Kroos: Der ist ins Ausland gegangen und hatte da einen komplett neuen Status."
Weiter: "Vielleicht tut es ihm im Spätherbst seiner Karriere nochmal gut, mit einem anderen Status, etwas anonymer und befreiter Fussball zu spielen", so die Co-Trainerin der Schweizer Frauen-Nationalmannschaft weiter.
Dass Brandt auf jeden Fall noch das Potenzial hat, seine Geschichte an anderer Wirkungsstätte weiter zu schreiben, hat er für Matthäus erst gegen Köln wieder gezeigt: "Mit seinem schnellen Kontakt, der Ballannahme, dann war der Ball schon wieder bei Beier und zwar dort, wo Beier keine Geschwindigkeit verloren hat", schwärmte die Bayern-Legende, "der Pass war optimal gespielt: Im richtigen Moment, in die richtige Richtung, mit dem richtigen Tempo. Alles perfekt. Und das ist Julian Brandt."