Das US-Gen fehlt – Shiffrin menschelt
108 Siege und 166 Podestplätze bei 298 Weltcupstarts, dazu Medaillen sämtlicher Farben bei Grossanlässen: Mikaela Shiffrin ist eine Klasse für sich. Doch an Olympischen Spielen kämpft sie plötzlich mit einem Problem.
Gerade an Grossanlässen hat die amerikanische Mentalität schon manchen Weg zu Gold geebnet. Es ist wohl eine Kombination aus Lockerheit und Zielstrebigkeit, die auf den Olymp führte, gepaart mit skifahrerischem Können und Risikobereitschaft. Eine Art US-Gen also, das die Amerikaner an Olympischen Spielen über sich hinauswachsen lässt. Namen wie Bill Johnson, Tommy Moe, Bode Miller oder auch Picabo Street, Lindsey Vonn und in diesen Tagen Breezy Johnson unterstreichen dies mit Olympia-Goldmedaillen, wobei die Liste längst nicht vollzählig ist. Der prominenteste fehlende Name? Natürlich Mikaela Shiffrin, die in ihrer einzigartigen Karriere bereits zweimal Gold und einmal Silber an Olympischen Spielen eingefahren hat, dazu kommen acht Weltmeistertitel sowie vier WM-Silber- und drei -Bronzemedaillen.
Shiffrin, diese 30-jährige Ausnahmeathletin, fährt in einer eigenen Liga. Gerade ihre Auftritte im Slalom schauen spielerisch leicht aus, so dass sie ihrer Konkurrenz mit Eleganz und Sicherheit regelmässig um die Ohren fährt. Acht Slaloms standen in diesem Winter im Weltcup bislang auf dem Programm, sieben Mal hiess die Siegerin Mikaela Shiffrin – einzig in Kranjska Gora wurde die Amerikanerin überflügelt, von der Schweizerin Camille Rast.
Auch im Riesenslalom fand Shiffrin zuletzt wieder in die Spur, wurde Ende Januar in Spindleruv Mlyn Dritte. Es war ihr erster Podestplatz nach ihrem schweren Sturz im Riesenslalom in Killington Ende November 2024, bei dem sie sich eine Stichwunde im Bauchbereich zuzog. Die Genesung verlief nicht wie gewünscht, Shiffrin musste operiert werden und kehrte erst kurz vor der WM 2025 in Saalbach-Hinterglemm auf die Rennpiste zurück. Im von Camille Rast gewonnenen Slalom wurde sie damals Fünfte, in der Team-Kombination gewann sie mit Breezy Johnson Gold.
Das war nun auch der Plan für Olympia gewesen. Shiffrin bildete in der Team-Kombi erneut mit Abfahrtsweltmeisterin und -olympiasiegerin Johnson ein Duo. Johnson erledigte ihren Job, realisierte in der Abfahrt die Bestzeit. Doch dann scheiterte Shiffrin im Slalom, verlor in ihrer Spezialdisziplin eine Sekunde auf die Bestzeit der Deutschen Emma Aicher – in der Endabrechnung bedeutete dies für die beiden US-Frauen Rang 4 hinter Österreich (Ariane Rädler/Katharina Huber), Deutschland (Kira Weidle-Winkelmann/Emma Aicher) und ihren amerikanischen Landsfrauen Jacqueline Wiles und Paula Moltzan. Die Bronzemedaille verpassten sie um sechs Hundertstelsekunden.
Nur die 15. Laufzeit!
Bei Shiffrin versagten ganz offensichtlich die Nerven. Im Slalom waren 14 Fahrerinnen schneller als sie, darunter beispielsweise die 17-jährige Italienerin Anna Trocker, die zuvor erst einen Weltcupslalom bestritten hat (und dabei im ersten Lauf ausschied). Das Schwächeln von Shiffrin erinnert an die Olympischen Spiele 2022 in Peking, an denen die Amerikanerin eine der tragischen Figuren wurde. Es war schon fast eine Sensation, dass sie damals ohne Medaille blieb. Im Slalom, Riesenslalom und in der Kombination erreichte die das Ziel nicht, was so untypisch ist für die Amerikanerin, die nur äusserst selten ausscheidet. Sie weinte damals auf der Piste. Es war ein sportliches Desaster.
Die Rückkehr auf die olympische Bühne sollte nun auch die Rückkehr zu den grossen Erfolgen werden. Doch mit ihrem Fehlstart im Kombi-Slalom zeigte Shiffrin den Gegnerinnen, dass sie nicht unverwundbar ist. Im Ziel wirkte Shiffrin geschockt, ihre zögerliche Fahrt war auch ein Zeichen an die Konkurrenz. «Mikaela zeigt eigentlich jedes Wochenende, dass sie im Slalom unschlagbar ist», sagte Silbermedaillengewinnerin Emma Aicher. «Heute hat man gesehen, dass sie einfach ein Mensch ist und keine Maschine. Vielleicht war es einfach ein schlechter Tag, aber für den Slalom muss man sie trotzdem auf der Rechnung haben.»
Shiffrin selber wollte ihre Slalom-Schlappe nicht überbewerten und sprach gegenüber den US-Medien von einem «süssbitteren» Gefühl, da immerhin ihre Teamkolleginnen Wiles und Moltzan eine Medaille gewannen. Für den Spezialslalom konnte sie ihrer Meinung nach auch etwas mitnehmen. Sie müsse lernen «diese Piste besser zu attackieren».
Klar ist aber, dass der Druck auf die Amerikanerin im Hinblick auf den Riesenslalom (15.2.) und den Slalom (18.2.) gestiegen ist. Die Konkurrenz weiss, dass Shiffrin menschelt. Dass ihr zuletzt das US-Gen fehlte. Denn während die Amerikaner oft bei Olympia über sich hinauswachsen, wackelte Shiffrin zuletzt vor vier Jahren in Peking und nun auch in Italien. Sollte das auch in den kommenden Rennen so bleiben, ist zu hoffen, dass Camille Rast und Wendy Holdener bereit stehen.