Davis-Cup-Captain Severin Lüthi: Mit einem jungen Team zurück in Richtung Weltspitze
Knapp fünf Monate nach dem missglückten Aufritt gegen Indien nimmt das Schweizer Davis-Cup-Team in den kommenden beiden Tagen (6. und 7. Februar) das neue Tennisjahr in Angriff. Gegen Tunesien möchte man den zwiespältigen Eindruck vom Herbst vergessen machen und mit einem jungen Team um Leandro Riedi (24), Jérôme Kym (22), Dominic Stricker (23), Mika Brunold (21) und Doppelspezialist Jakub Paul (26) eine positive Entwicklung anstossen. Anfang Woche unterhielten wir uns dazu mit Davis-Cup-Captain Severin Lüthi (50).
Sky Sport: Severin Lüthi, Ende Woche steigen Sie mit der Partie gegen Tunesien in ihre 22. Saison als Davis-Cup-Captain. Mit welchen Gefühlen tun Sie das?
Severin Lüthi (SL): Natürlich ist mir bewusst, dass ich das Captain-Amt schon sehr lange ausübe. Es ist aber nicht so, dass ich häufig darüber reflektiere. Viel mehr ist mein Fokus so kurz vor der Begegnung mit Tunesien sehr stark auf diese Partie gerichtet.
Sky Sport: Was ist denn das Schwierigste oder Herausforderndste an der Aufgabe als Davis-Cup-Captain?
SL: Grundsätzlich ist kein Davis-Cup-Wochenende wie das andere, die Konstellation – auch innerhalb des Teams - ist immer etwas anders. Eine wichtige Komponente meiner Arbeit ist deshalb sicher jener Teil, der Abseits der Matches und Trainings stattfindet, der regelmässige Austausch mit den Spielern und ihren Trainern während des Jahres. Dabei geht es vor allem darum zu erfahren wie die Jungs gerade drauf sind, was sie beschäftigt, um schliesslich herauszufinden, wie ich den Spielern in ihrer jeweiligen Situation überhaupt helfen kann. Hätten wir zwischen den Begegnungen mehrere Monate keinen Kontakt, wäre das keine gute Voraussetzung.
Die Initiative zum Austausch kann dabei von mir ausgehen, aber auch vom Spieler – oder seinem Betreuer. Diesen Aspekt habe ich während meiner Zeit auf der Tour mit Roger (Federer) schätzen gelernt. Ich habe gemerkt, dass ich nicht für jedes Problem selber eine Lösung bereit halten muss, sondern auch sehr stark vom Austausch mit anderen profitieren kann.
"Ich hab gemerkt, dass ich nicht für jedes Problem selber eine Lösung bereit halten muss"
Sky Sport: Als Captain steht man während eines Davis-Cup-Wochenendes unter Dauerstrom, lebt jedes Match vom ersten bis zum letzten Ballwechsel mit und hat dann nur wenige Minuten, um sich wieder auf die nächste Partie einzulassen. Wie stellt sich Severin Lüthi dieser Herausforderung?
SL: Der Schlüssel liegt für mich in der Präparation. Ich versuche, mir im Vorfeld diverse Szenarien durch den Kopf gehen zu lassen, mich auf Eventualitäten vorzubereiten, um dann in einer Stresssituation nicht komplett von den Geschehnissen überrascht zu werden. An einem Davis-Cup-Wochenende kann jeweils sehr schnell, sehr viel passieren.
Energetisch ist das Alles aber kein Problem, zumindest nicht während der Davis-Cup-Woche, die natürlich auch abseits der Matches ziemlich intensiv ist. Nach einem Tie kann man da schon einmal eine gewisse Leere verspüren. Die Anspannung fällt ab und natürlich sind auch die Gespräche und gemeinsamen Momente mit dem Team plötzlich wieder weg.
Wenn wir die Spieler des aktuellen Davis-Cup-Teams mit einem Roger Federer oder Stan Wawrinka vergleichen – inwiefern hat sich mit der neuen Generation an Spielern auch Ihre Aufgabe verändert?
SL: Ich glaube hier gibt es verschiedene Aspekte zu berücksichtigen, angefangen bei mir selbst. Als ich dieses Amt 2005 übernahm war ich teilweise jünger als einige der Spieler im Team, heute könnte ich ohne Weiteres ihr Vater sein. Natürlich hat sich da im Verlauf der Zeit die Dynamik und auch der Umgang untereinander verändert. Ich habe das Gefühl, dass die heutige Spielergeneration im Vergleich zu früher eher mal hinterfragt, weshalb wir gewisse Dinge tun. Entsprechend wichtig ist es für mich und unser Innenleben, solche Fragen auch zuzulassen und sie mit ins Boot zu holen. Haben sie dort einmal Platz genommen, ziehen sie erfahrungsgemäss auch voll mit.
Sky Sport: Blicken wir kurz auf das letzte Jahr zurück, das mit der Niederlage gegen Indien zu Ende ging. Wie sind Sie persönlich mit dieser Enttäuschung umgegangen?
SL: Ich muss zugeben, dass die Enttäuschung nach der Partie gegen Indien ziemlich gross war. Nicht, weil die Niederlage möglicherweise eine Überraschung war, sondern einfach weil wir das Gefühl hatten, unsere Möglichkeiten nicht optimal ausgeschöpft zu haben.
Sky Sport: War die Begegnung mit Indien im Team seitdem wieder ein Thema?
SL: Die Verarbeitung dieser Niederlage hat schon etwas länger gedauert. Schliesslich aber haben wir die Begegnung analysiert und die richtigen Schlüsse für die Zukunft daraus gezogen. Wir haben eine junge Mannschaft mit Potential, mit der wir uns in den nächsten drei bis fünf Jahren wieder der Weltspitze nähern wollen. Da kann es auch Rückschläge geben. Aber jetzt blicken wir voraus und freuen uns auf das Duell mit Tunesien.
"Stan weiss, dass es für ihn einen Platz im Team gibt"
Sky Sport: Hätte es in der jungen Mannschaft auch noch Platz für einen Routinier wie Stan Wawrinka?
SL: Mit Sicherheit, und Stan weiss das auch. Ich tausche mich immer wieder mit Stan aus und es ist klar, dass unsere junge Mannschaft von einem Spieler wie ihm in vielen Bereichen profitieren könnte. Aber wir alle wissen auch, dass Stans Fokus in seinem letzten Jahr hauptsächlich auf der Tour liegt.
Sky Sport: Zurück zur Aktualität - was wissen Sie über die tunesische Mannschaft?
SL: Die Tunesier haben ein gutes, erfahrenes Team. Ihre Nummer 1 (Moez Echargui, ATP 142) wäre auch in unserem Team aktuell der am besten klassierte Spieler. Zudem rechne ich damit, dass Aziz Dougaz (ehemals ATP 185) gegen uns ebenfalls zum Einsatz kommen wird, obwohl er zuletzt länger verletzt war.
Auch wenn die Beiden nicht Woche für Woche auf der Tour spielen - grundsätzlich wissen wir über ihre Spielweise Bescheid und kennen ihre Ergebnisse. Zudem werden wir sicher auch den einen oder anderen Trainingseindruck aus dieser Woche mit in die finale Matchvorbereitung nehmen. Am Ende des Tages ist es aber auch wichtig, dass wir uns auf uns selbst konzentrieren und versuchen, unsere Stärken bestmöglich auf den Platz zu bringen, unabhängig davon, dass an einem Davis-Cup-Wochenende auch immer wieder einmal etwas Unvorhergesehenes passieren kann.
Sky Sport: Was braucht es, damit Captain Severin Lüthi am Samstagabend sagt: Das war gut, ich bin zufrieden?
SL: Ein Sieg wäre schön. Für mich geht es aber auch darum, dass wir uns auf jene Dinge fokussieren, die wir kontrollieren können. Dass es uns gelingt, auch bei einem Rückschlag positiv zu bleiben und an Widerständen zu wachsen. Und natürlich haben wir final den Anspruch, dieses Duell für uns zu entscheiden.