Déjà-vu für Sinner: Plötzlich ist in Paris alles möglich
Der Upset des Jahrzehnts? Möglicherweise war er das, der 3-6, 2-6, 7-5, 6-1, 6-1 Comeback-Erfolg von Juan Manuel Cerundolo (ATP 56) über die körperlich angeschlagene Weltnummer 1 Jannik Sinner. So bitter das frühe Aus für den Südtiroler sein mag, es macht das Turnier im Pariser Bois de Boulogne zum interessantesten Grand-Slam-Turnier der letzten Jahre. Wenn Viele plötzlich können und Einige vielleicht müssen, scheint alles möglich.
Geht nicht, gibt’s nicht
Es ist ein Element des Tennisspiels, dass diese Sportart ausmacht. Ganz egal wie einseitig ein Duell verlaufen mag, wie eindeutig ein Spieler in Führung liegt – so lange der letzte Punkt einer Partie nicht gespielt ist, ist ein Tennismatch nie entschieden. Auch nicht, wenn der weltbeste Tennisspieler Jannik Sinner auf einen Aussenseiter Namens Juan Manuel Cerundolo (24) trifft und dabei nach einer Stunde und 53 Minuten mit 6-3, 6-2 und 5-1 führt. 103 Minuten später, musste Sinner seinem argentinischen Kontrahenten nämlich zum erstmaligen Einzug in die dritte Runde eines Grand Slams gratulieren. Ein Wendung begünstigt durch körperliche Probleme beim vierfachen GS-Champion, der sich schon am Morgen nicht gut gefühlt hatte, und dennoch so unvorhersehbar und sensationell, dass sie sich zuletzt in ähnlicher Form 1973 (!) abspielte. Besonders bitter für den Italiener: Der unerwartete körperliche Einbruch kostete ihn ausgerechnet in dem Jahr die Chance auf seinen ersten Pariser Titel, in dem er während der verletzungsbedingten Abwesenheit von Carlos Alcaraz (ATP 2) die Sandplatzsaison dominierte und mit den Titeln von Monte-Carlo, Madrid und Rom in die französische Hauptstadt reiste. Dort scheiterte der letztjährige Finalist nun aber erneut früh, während die Tenniswelt in einer Sache bereits Gewissheit hat. Zum ersten Mal seit den US Open 2023 wird ein Grand-Slam-Turnier nicht mit einem Sieg von Carlos Alcaraz oder Jannik Sinner enden.
Wer packt die Chance?
Während mehr als einem Jahrzehnt wäre man bei der Frage nach dem Turnierfavoriten um seinen Namen nicht herumgekommen: Novak Djokovic, mittlerweile 38-jährige Weltnummer-4 und natürlich 24-facher GS-Champion. Und in der Tat gehört der Serbe Kraft seiner mentalen Stärke auch jetzt zum Kreis der Spieler, denen zugetraut werden muss, vom Ausfall der beiden grössten Titelanwärter zu profitieren. Fraglich ist jedoch, ob er in Paris genügend Zeit erhalten wird, um sich nach einem schwierigen Frühjahr in Form zu spielen. Ohnehin würde ein weiterer Triumph des «Djokers» die Tenniswelt nicht gross auf den Kopf stellen, sein Status als Legende des Sports ist bereits zementiert. Anders präsentiert sich die Situation da für eine Zukunftshoffnung wie seinen heutigen Gegner Joao Fonseca (19, ATP 30) und speziell für jene Generation an Spielern, die erst von den «Big Three» (Federer, Nadal, Djokovic) und anschliessend vom Duo Sinner/Alcaraz am eigenen Grand-Slam-Triumph gehindert wurde. Spieler wie den dreifachen GS-Finalisten Alexander Zverev (29, ATP 3), den zweifachen Roland-Garros-Finalisten Caspar Ruud (27, ATP 16) oder die beiden «Dauer-Viertelfinalisten» Alex De Minaur (27, ATP 7, siebenfacher GS-Viertelfinalist) und Andrey Rublev (28, ATP 13, zehnfacher GS-Viertelfinalist), die möglicherweise heimlich bereits mit dem Traum eines Triumphes in Melbourne, Paris, London oder New York abgeschlossen hatten. Nun winkt diesen Akteuren auf einmal die Chance, doch noch eines der vier grossen Monumente ihres Sports gewinnen zu können oder sich zumindest für das Finale um den «Coupe des Mousquetaires» zu qualifizieren. Dort wird in der oberen Turnierhälfte mit Sicherheit ein Spieler stehen, der vor dem Turnier nicht damit gerechnet hat. Noch im Rennen sind u.a. Felix Auger-Aliassime (ATP 6, in Paris noch nie weiter als 4. Runde), Flavio Cobolli (ATP 14, in Paris noch nie weiter als 3. Runde), die beiden Amerikaner Learner Tien (ATP 18) und Francis Tiafoe (ATP 22) sowie eine ganze Reihe ermutigter Aussenseiter.
Folgt auf Geschichte noch mehr Geschichte?
Während das Turnier bei den Herren nach Sinners Out also komplett auf den Kopf gestellt werden könnte, bleiben die grossen Überraschungen bei den Frauen bislang im Rahmen. Von den Top-Favoritinnen blieb in den ersten beiden Runden einzig AO-Champion Elena Rybakina (WTA 2) auf der Strecke, während sich Weltnummer-1 Aryna Sabalenka (Vorjahresfinalistin), Titelverteidigerin Coco Gauff (WTA 4) und die vierfache Roland-Garros-Siegerin Iga Swiatek (WTA 3) nach wie vor im Turnier befinden. Erfreulicherweise können das auch drei Schweizerinnen von sich behaupten, was es so in der 3. Runde von Paris noch gar nie gab. Heute stehen mit Belinda Bencic (WTA 11), Viktorija Golubic(WTA 82) und Jil Teichmann (WTA 170) denn auch alle drei im Einsatz und können mit unterschiedlichen Erfolgsaussichten versuchen, dem historischen Mittwoch auch noch einen historischen Freitag folgen zu lassen. Während Bencic die erstmalige Qualifikation für ein RG-Achtelfinale gegen die Amerikanerin Peyton Stearns (WTA 78) durchaus zuzutrauen ist, gehen Golubic (vs. Marta Kostyuk, WTA 15) und Teichmann (vs. Karolina Muchova, WTA 10 und Finalistin 2023) als Aussenseiterinnen an den Start. Doch das muss - wie die Erfahrung Jannik Sinners gestern zeigte - noch gar nichts bedeuten.