Duell auf höchstem Niveau
Morgen starten die Ski-Asse in Norwegen ins Weltcupfinale. Aus Schweizer Sicht interessiert vor allem eine Frage: Gewinnt Marco Odermatt zum fünften Mal in Folge die Disziplinenwertung im Riesenslalom und erweitert seine beeindruckende Sammlung von Kristallkugeln?
Ewige Nörgler haben bei Odermatt in den letzten Wochen in den Vordergrund gestellt, dass er an den Olympischen Spielen keine Goldmedaille eingefahren hat. Silber im Riesenslalom und im Teambewerb sowie Bronze im Super-G war in ihren Augen zu wenig – es ist eine eigenartige Sichtweise. Denn der Nidwaldner hat auch in diesem Winter im Weltcup wieder dominiert. Die Gesamtkugel ist ihm längst sicher, zum fünften Mal in Folge. Mit fünf Triumphen steht er nun auf einer Stufe mit dem Luxemburger Marc Girardelli, erfolgreicher ist nur Marcel Hirscher (achtmal Gesamtweltcupsieger – und alles in Serie). Den Abfahrtsweltcup hat er dreimal in Folge gewonnen, die Kugel für den Super-G viermal, daran können auch die letzten beiden Speed-Rennen in Kvitfjell nichts mehr ändern.
Anders sieht es im Riesenslalom aus, wo am kommenden Dienstag in Hafjell das letzte Saisonrennen auf dem Programm steht. Odermatt hat 48 Punkte Reserve auf den Brasilianer Lucas Pinheiro Braathen, der sich in einer Traumverfassung befindet und zuletzt sowohl in Kranjska Gora, als auch an den Olympischen Spielen in Italien triumphierte, während Odermatt auf die Ränge 5 respektive zur Silbermedaille fuhr. Pinheiro Braathen hat in seiner Karriere bislang drei Weltcupsiege im Riesenslalom gefeiert: 2020 in Sölden und 2022 in Alta Badia jeweils noch als Lucas Braathen für Norwegen und 2026 in Kranjska Gora als Pinheiro Braathen für Brasilien, dazu kommt der Triumph an den Olympischen Spielen 2026, der ihn endgültig unsterblich gemacht hat.
Momentum bei Pinheiro – aber Odermatt auf der Pole-Position
So spricht das Momentum aktuell für Pinheiro Braathen, doch aufgrund seiner Erfolge in der Vergangenheit und seinem Vorsprung in der Riesen-Wertung geht dennoch Marco Odermatt aus der Pole-Position in den letzten Riesenslalom dieser Saison. Ein vierter Platz würde ihm reichen, egal, was die Konkurrenz macht. Und das auf dem Hang, auf dem er letztes Jahr hinter Loïc Meillard und vor Thomas Tumler Zweiter wurde, während Pinheiro Braathen als Vierter knapp neben dem Podest landete. Die Riesenslalom-Bilanz von Odermatt – sie ist schlicht gewaltig. Viermal hat er die Disziplinenwertung bereits gewonnen, nun peilt er Nummer 5 an, womit er mit Ted Ligety gleichziehen würde und nur noch Marcel Hirscher (6) und Ingemar Stenmark (7) vor ihm liegen würden. Mit 29 gewonnenen Weltcuprennen in dieser Disziplin liegt Odermatt ebenfalls nur hinter den Legenden Stenmark (46) und Hirscher (31), insgesamt landete er 46 Mal auf dem Podest (bei insgesamt 102 Top-3-Klassierungen).
Ein weiterer Vorteil ist, dass sich Odermatt auf den Riesenslalom fokussieren kann, da die Kugeln in der Abfahrt und im Super-G schon im Trockenen sind, während Olympiasieger Pinheiro Braathen auch noch auf den Slalom achten wird, in dem er vor dem letzten Rennen 41Punkte hinter seinem Kumpel Atle Lie McGrath liegt.
Bei den Frauen sind vor den letzten Rennen noch drei Entscheidungen offen. Mikaela Shiffrin und die Deutsche Emma Aicher kämpfen noch um den Sieg im Gesamtweltcup, wobei Shiffrin 140 Punkte Vorsprung hat, sich wohl die sechste grosse Kugel sichern und mit der österreichischen Rekordhalterin Annemarie Moser-Pröll gleichziehen wird. Im Slalom steht Shiffrin als Disziplinensiegerin ebenso fest wie die Österreicherin Julia Scheib im Riesenslalom. In der Abfahrt werden wohl Aicher und die Italienerin Laura Pirovano die kleine Kugel unter sich ausmachen, wobei die Italienerin einen Vorsprung von 28 Punkten aufweist und am Samstag mit einem zweiten Platz alles klar machen könnte. Im Super-G hat die Italienerin Sofia Goggia die grössten Kristall-Perspektiven – sie führt 63 Punkte vor der Neuseeländerin Alice Robinson. Und in der prestigeträchtigen Nationenwertung wird die Schweiz zum vierten Mal in Folge vor Österreich gewinnen.