Exklusiv – Breel Embolo: «Es wäre eine grosse Freude, eines Tages wieder das Trikot des FC Basel zu tragen»
Der Schweizer Nationalstürmer hat uns in Rennes, seiner neuen sportlichen Heimat, ein ausführliches Interview gegeben. Vom späten Wechsel in die Bretagne über die Weltmeisterschaft im kommenden Sommer bis hin zum FC Basel, seinem Ausbildungsverein: Breel Embolo spricht offen, klar – und mit ungebrochenem Ehrgeiz.
Breel, du erlebst deine erste Saison in Rennes und bereits deine vierte in der Ligue 1. Wie wohl fühlst du dich in dieser Liga und worin siehst du den grössten Unterschied zur Bundesliga?
Ich fühle mich sehr wohl. Es ist eine Liga, die mir liegt, das habe ich von Beginn an gespürt. Das Spiel ist sehr physisch, es gibt enorm viel Talent, mit robusten und schnellen Verteidigern. Ein direkter Vergleich zwischen zwei Ligen ist aber immer schwierig, weil sich vieles von Mannschaft zu Mannschaft unterscheidet – je nach Spielstil und Ambitionen. In Sachen Zweikampfhärte und individuellem Talent ist die Ligue 1 meiner Meinung nach überlegen. Das ist auch ein Grund, warum viele französische Spieler von den grössten Bundesligaklubs verpflichtet werden. Die Bundesliga ist insgesamt direkter, was oft zu sehr offenen Spielen führt.
Dein Wechsel nach Rennes kam im Sommer erst ganz spät im Transferfenster zustande. Wie lief das hinter den Kulissen ab? Hat Monaco dir signalisiert, dass man nicht mehr mit dir plant?
Ich hatte noch ein Jahr Vertrag in Monaco und bin jemand, der mit dem Projekt seines Vereins im Einklang sein möchte. Anfangs wurde über eine Vertragsverlängerung gesprochen, am Ende kam aber nie ein konkretes Angebot. Als ich aus den Ferien zurückkam, war mir innerlich alles klar.
Das heisst?
Wenn man über eine Verlängerung spricht, aber nichts folgt… Ich möchte Teil ambitionierter Projekte sein, bei denen ich spüre, dass man mich braucht. Das Interesse von Stade Rennais bestand schon länger, das wusste ich. Damals wollte ich mich jedoch voll auf Monaco konzentrieren. Als dann von Seiten der Vereinsführung Funkstille herrschte, begann ich, über eine neue Herausforderung nachzudenken.
Wie ging es weiter?
So eine Entscheidung ist nie einfach. Ich war nicht vertragslos, hatte noch ein Jahr bei der ASM, war dritter Kapitän, Teil einer Gruppe, die ich sehr mochte. Meine Familie fühlte sich in Monaco wohl. All das spielt eine Rolle. Eine Woche vor Transferschluss wurde mir schliesslich das Projekt von Rennes vorgestellt. Ich habe mich intensiv mit dem Trainer Habib Beye und dem Sportdirektor Loïc Désiré ausgetauscht. Nach diesen Gesprächen wurde alles sehr konkret. Von aussen wirkt ein Transfer oft wie eine schnelle Entscheidung, in Wahrheit ist es eine sehr grosse – mit viel Verantwortung gegenüber dem alten Klub, den eigenen Zielen und der Familie. Ich habe mir Zeit genommen und mich von niemandem drängen lassen, weder von Monaco noch von Rennes. Am Ende haben mich die Vision, der Diskurs und das Potenzial dieses Vereins vollkommen überzeugt. Ich wäre nicht hier, wenn ich nicht zu 100 Prozent hinter dem Projekt, den Zielen und den Werten von Stade Rennais stehen würde. Heute bin ich glücklich. Alles, was mir über den Klub erzählt wurde, entspricht der Realität. Rennes ist ein Verein mit sehr hohem Anspruch, und ich bin stolz, Teil dieser Familie zu sein.
Dein Trainer Habib Beye stand vor Kurzem kurz vor der Entlassung. Warst du erleichtert, dass er die Situation drehen konnte? Was gibt er dir persönlich?
Ich habe grossen Respekt davor, wie er diese Phase gemeistert hat. Er ist seinen Ideen treu geblieben, er war vom ersten bis zum letzten Tag derselbe. Er hat genauso weitergearbeitet wie zuvor und immer an uns geglaubt, auch als andere es nicht mehr taten. Dafür verdient er grossen Respekt. Schon vor meiner Unterschrift hatte ich ein langes Gespräch mit ihm, das mich sowohl menschlich als auch sportlich überzeugt hat. Er gibt uns Lösungen – auf dem Platz wie auch ausserhalb. Selbst in der Negativspirale hatten wir keine Angst. Er hat uns immer wieder gesagt, dass wir keine tote Mannschaft sind, dass wir viel Qualität haben, Chancen kreieren und Tore erzielen. Uns fehlte lediglich das Matchmanagement. Auch in Phasen ohne Siege hatte ich nie das Gefühl, dass wir ein Spiel nicht gewinnen können, wenn wir den Platz betreten. Dieses Gefühl der Ohnmacht gab es nie, weil unsere Leistungen nicht schlecht waren. Heute ist die gesamte Mannschaft stolz darauf, die Situation gedreht zu haben – für uns selbst, aber auch für den Trainer. Und gezeigt zu haben, dass wir ein sehr gutes Team mit Ambitionen für die oberen Tabellenplätze sind.
Rennes ist noch im Coupe de France vertreten, und nach dem jüngsten Ausscheiden von PSG scheint der Weg zum Titel offener. Hat dieser Wettbewerb nun Priorität?
Der Klub hat eine starke Geschichte in diesem Wettbewerb. Wenn man bei Rennes unterschreibt, versteht man innerhalb weniger Sekunden, wie wichtig der Coupe de France für den Verein und die Fans ist. Es ist zudem der direkteste Weg zu einem Titel. Natürlich ist ein grosser Favorit ausgeschieden, aber der Weg bleibt lang. Im nächsten Spiel wartet eine sehr schwierige Aufgabe in Marseille. Doch wer für Stade Rennais spielt, hat den Anspruch, jede Mannschaft zu schlagen. Um den Pokal zu gewinnen, musst du jeden Gegner bezwingen, der dir begegnet. Genau das ist unser Ziel – Schritt für Schritt.
Dieses Jahr steht für dich auch die Weltmeisterschaft mit der Nati an. Ist die Schweiz in der Lage, endlich das Halbfinale eines grossen Turniers zu erreichen?
Ja. In der Lage ist sie immer. Und sogar das Turnier zu gewinnen. 2004 hätte auch kaum jemand gedacht, dass Griechenland Europameister wird. Bei einer WM braucht es Qualität, Glück und eine Dynamik, die sich während des Turniers entwickelt. Heute gibt es sehr viele Anwärter, aber diese Mannschaft kennt sich seit Jahren. Es gibt einen Kern erfahrener Spieler und eine sehr talentierte junge Generation. Wir haben einen Umbruch erlebt, wichtige Spieler verloren, und das hat man in den ersten Monaten gespürt. Doch die Qualifikation hat gezeigt, welches Potenzial und welche Qualität in dieser Gruppe steckt. Die WM wird ein neues Turnier mit einer sehr schwierigen Gruppe: Katar hat sich stark entwickelt, dazu kommt Italien oder Wales – also auf jeden Fall eine Topmannschaft – und dann noch Kanada in Vancouver. Das wird alles andere als einfach. Aber wir haben ein gutes Gruppengefüge, verstehen uns hervorragend, fast wie eine Clique, und sind fest entschlossen, den nächsten Schritt zu machen. Wenn es das Halbfinale ist, nehmen wir es. Als Wettkämpfer willst du immer so weit wie möglich kommen – bis ins Finale und darüber hinaus. Wir wollen die Favoriten ärgern und Geschichte für die Nati schreiben.
Der Torrekord der Nationalmannschaft gehört Alex Frei mit 42 Treffern. Du stehst bei 22. Ist das ein persönliches Ziel?
Nein, daran denke ich überhaupt nicht. Ich habe mich nie über Tore definiert. Meine Rolle in der Nationalmannschaft hat sich im Laufe der Jahre stark verändert. Anfangs war ich nicht der klassische Neuner, der ich heute bin, sondern spielte eher um Seferović herum. Mir ist es genauso wichtig, Tore vorzubereiten wie selbst zu erzielen. Ich hatte ein sehr gutes Jahr mit der Schweiz, in dem ich sieben oder acht Tore erzielt habe, was mich in dieser Rangliste nach vorne gebracht hat. Aber ich denke von Spiel zu Spiel. Meine persönlichen Ziele sind immer an die Ziele der Mannschaft gekoppelt. Wenn ich treffe und wir gewinnen, ist das perfekt. Entscheidend ist aber einzig der Sieg. Das hat man auch im Spiel gegen Schweden gesehen. Ich hätte einen alten Rekord für die meisten Tore in einem Kalenderjahr brechen können. Als wir einen Elfmeter bekamen, wollte die ganze Mannschaft, dass ich ihn schiesse, doch ich habe abgelehnt. Ich wollte die gewohnten Abläufe nicht aus persönlichem Interesse ändern. Granit ist unser etatmässiger Schütze, also war es richtig, dass er den Elfmeter übernimmt. Das zeigt, dass für mich das Gleichgewicht der Mannschaft und der Erfolg immer Vorrang haben.
Xherdan Shaqiri ist nach Basel zurückgekehrt. Ist das auch für dich ein Szenario zum Ende deiner Karriere?
Wenn man in Basel aufgewachsen ist und dort grosse Momente erlebt hat, ist diese Frage völlig normal. Die früheren Spieler haben es vorgemacht: Streller, Huggel, Frei – sie sind alle zurückgekehrt. Als ehemaliger Basler denkt man automatisch darüber nach. Shaqiri ist ein aussergewöhnlicher Spieler, und was er mit dem FCB erreicht hat, ist beeindruckend. Er hat den Klub wieder dorthin geführt, wo er hingehört. Gleichzeitig nimmt das auch Druck von uns ehemaligen Baslern. Früher wurde ständig gefragt, wann wir zurückkehren, um dem Klub zu helfen, den Titel zurückzuholen. Jetzt wird der Fokus der Fans erst einmal weniger auf uns liegen (lacht). Also ja, es ist etwas, das ich im Hinterkopf habe. Aber im Fussball weiss man nie, was die Zukunft bringt. Eines Tages wieder dieses Trikot zu tragen, wäre auf jeden Fall eine grosse Freude.