Gelingt Odermatt in Kitzbühel die Vollendung?
Olympia-Gold, WM-Gold, grosse und kleine Kristallkugeln, 52 Weltcupsiege und diverse Rekorde: Das Palmarès von Marco Odermatt ist prall gefüllt. Doch ein Sieg fehlt ihm noch – der Abfahrtstriumph auf der Streif. Schafft Odi ihn am Samstag?
Marco Odermatt ist aktuell der beste Skirennfahrer der Welt. Daran zweifelt wohl niemand. Mit 52 Weltcupsiegen belegt er im ewigen Ranking hinter Ingemar Stenmark (86), Marcel Hirscher (67) und Hermann Maier (54) Rang 4 und hat seinen Legenden-Status schon zu seiner Aktivzeit längst zementiert.
In seiner persönlichen Erfolgsgeschichte fehlt aber noch der Abfahrtssieg in Kitzbühel, auf der berühmt-berüchtigten Streif. 52 Weltcupabfahrten hat der Nidwaldner bislang bestritten, acht davon auf der legendären Streif. Der Klassiker im Weltcup müsste mit all seinen Schwierigkeiten und Mutproben Odermatt eigentlich liegen, in Kitz lassen sich die Besten der Besten feiern. Didier Cuche ist mit fünf Triumphen der Rekordsieger der Hahnenkammabfahrt, bei der schon die Sicht aus dem Starthaus furchteinflössend ist und der Sprung bei der Mausefalle und danach der Steilhang grosse Überwindung kosten.
Bei der Premiere auf Rang 24
Jahr für Jahr gehört Odermatt in Kitz zu den Favoriten, in der Abfahrt hat er die Streif bislang noch nie am schnellsten bezwungen. Seine Premiere feierte er 2019, als er auf Rang 24 fuhr, mit einem Rückstand von 2,14 Sekunden auf Sieger Dominik Paris. Zweimal reichte es immerhin zum zweiten Platz – 2022, als er auf Sieger Beat Feuz 21 Hundertstel verlor. Und 2024, als er hinter 0,91 Sekunden hinter Cyprien Sarrazin lag, nachdem der Franzose schon am Vortag gesiegt hatte, während Odermatt Dritter geworden war.
Sarrazin war in jener Zeit der Überflieger schlechthin, bewegte sich immer am Limit. Er war damals eine ähnliche Figur wie heute der Italiener Giovanni Franzoni, der aktuelle Shootingstar bei den Speed-Assen, der zuletzt in Wengen den Super-G gewann und in der Abfahrt auf Rang 3 raste. Dass er auch in Kitzbühel heiss ist, zeigte er in den Trainings – er fuhr am Dienstag und am Mittwoch Bestzeit und schnupperte mit 1:52,21 Minuten am Streckenrekord. Den hält seit dem Jahr 1997 der Österreicher Fritz Strobl, der die Abfahrt in 1:51,58 Minuten bewältigte – damals natürlich noch mit einer etwas anderen Streckenführung.
Kein Bubentraum
Dieser Rekord wir am Samstag angegriffen. Auch von Marco Odermatt. Der Nidwaldner bekommt die nächste Chance. Ein Bubentraum sei der Sieg auf der Streif für ihn nie gewesen, erklärte Odi diese Woche gegenüber den Medien. Als Kind habe er von einem Start in Adelboden geträumt, nicht vom Hahnenkamm. Gleichzeitig ist die Abfahrt auf der Streif der einzig grosse Klassiker, der ihm in seinem Palmarès noch fehlt. Und so sagt er: «Es ist das grösste Rennen in unserer Sportart, und das Rennen zu gewinnen, gehört dazu, wenn man zu den Besten gehören will.»
Die Chance dazu ist gross. Mit seinen Rekord-Siegen in Adelboden und Wengen hat der 28-Jährige eindrücklich gezeigt, dass die Form stimmt. Und dass sein Erfolgsappetit trotz der vielen Siege noch längst nicht gestillt ist. «Logisch würde ich es gerne diese Woche schaffen. Ich bin gut in Form. Aber die Saison wäre nicht schlecht, wenn ich am Samstag nicht gewinnen würde. Es wäre aber schön, könnte ich meine Karriere so ‹etwas vollenden›», erklärte der Superstar und wies auch darauf hin, dass er seit dem Triumph im Super-G im letzten Jahr bereits Streif-Sieger ist: «Ich habe eine Gondel, ich habe eine Goldene Gams.»
Die Streif präsentierte sich in diesen Tagen weniger eisig und mit weniger Schlägen, ruhiger, was den Kreis der Sieganwärter vergrössert. Dazu gehört Odermatt, dazu gehören auch Franjo von Allmen und der Vorjahreszweite Alexis Monney, aber auch Franzoni, der letztes Jahr seine Kitzbühel-Premiere feierte und in der Abfahrt auf Rang 14 fuhr. «Es ist unser Sport, wenn plötzlich alles zusammenpasst. Wenn man plötzlich merkt: Ich kann gewinnen» ,sagt Odermatt über Newcomer Franzoni. «Das Gleiche haben wir vor zwei Jahren bei Cyprien Sarrazin gesehen. Giovanni kommt genau wie Cyprien und ich vom Riesenslalom, und wenn man diese Radien, dieses Gefühl gut umsetzen kann, ist man einfach schnell.» Und das bezahlt sich aus. Mit Siegen und Trophäen – und auch finanziell. 101'000 Euro ist der Sieg in der Abfahrt, im Super-G und im Slalom wert.