Historisches Debakel droht: Italiener zum Siegen verdammt
Zuletzt schaute die Sportwelt nach Italien und fieberte mit den Athleten an den Olympischen Spielen mit. Heute und morgen ist Italien erneut ein Epizentrum des Sports: Folgt auf das Olympia-Fest der Fussball-Frust in Form einer Italo-Blamage in der Champions League?
Es ist noch nicht lange her, da schnupperte Inter Mailand am grossen Triumph. Am 31. Mai 2025 bestritten Yann Sommer und seine Kollegen in München den Champions League-Final gegen Paris Saint-Germain. Der Traum von der Krönung endete dann mit der 0:5-Niederlage brutal. Kaum jemand hätte da aber gedacht, dass Inter heute, 269 Tage später, die grosse Blamage droht – das Out gegen die «norwegischen Zwerge» von Bodö/Glimt.
«Zwerge» tönt natürlich despektierlich und wird den beeindruckenden Leistungen des Teams nicht gerecht, das in dieser Saison in der Ligaphase der Königsklasse schon Manchester City und Atlético bezwungen sowie Dortmund und Tottenham ein Remis abgetrotzt hat. Damit hat sich Bodö ins Rampenlicht gespielt und so schwärmte Startrainer Jürgen Klopp zuletzt von den Norwegern: «Was machen die denn da? Das ist ja der Wahnsinn! Unglaublich! Es ist so schön, dass solche Dinge möglich sind. Niemand hatte geglaubt, dass sie es auch nur in die Ligaphase schaffen würden. Und die meisten dachten wohl, was sie dort erreicht haben, sei schon ein Riesenerfolg, aber dann sei Schluss. Und jetzt? Sie machen einfach weiter!»
So weit, so gut, denn da ist ja auch die Tatsache, dass die Marktwerte der beiden Kader weit auseinander liegen. Auf rund 57 Millionen Euro beziffert das Portal «transfermarkt» das Kader des Norweger, auf rund 667 Millionen jenes der Italiener. Die Rollen des Underdogs und des Favoriten sind also verteilt.
Alles klar? Nein! Im Playoff-Hinspiel verlor Vorjahresfinalist Inter mit Yann Sommer und Manuel Akanji 1:3 und steht heute Abend im heimischen Giuseppe-Meazza-Stadion mit dem Rücken zur Wand. Ein Out gegen die Norweger wäre Sensation und Debakel zugleich, dies auch für den italienischen Fussball generell, dem eine historische Schmach droht. Und dabei war die Tendenz so vielversprechend.
Inter stand wie erwähnt im Final 2025, dazu auch 2023. In der Saison 2023/24 hatten sich Inter, Lazio Rom und Napoli immerhin für die Achtelfinals qualifiziert, und ein Jahr davor brillierte der italienische Klubfussball auf der ganzen Ebene, stellte neben dem späteren Final-Verlierer Inter (gegen Manchester City mit Manuel Akanji) mit der AC Milan und Napoli auch noch zwei Viertelfinalisten.
Und nun, drei Jahre später droht das totale Debakel. Denn nicht nur Inter Mailand steht in den Playoffs am Abgrund, auch Atalanta Bergamo und Rekordmeister Juventus Turin sind zum Siegen verdammt. Atalanta verlor das Hinspiel in Dortmund mit 0:2 und muss nun nachlegen. Immerhin hat das Team am Sonntag in der Serie A ein Zeichen gesetzt und Titelverteidiger Napoli 2:1 besiegt. Gegen Borussia mit Gregor Kobel sind nun ebenfalls mindestens zwei Tore nötig, um sich wenigstens ins Penaltyschiessen zu retten.
Ebenfalls am Mittwoch muss der italienische Rekordmeister Juventus glänzen. Das Hinspiel gegen Galatasaray ging 2:5 verloren – es ist eine schwere Hypothek für den Match in Turin. Zudem ist bei Juve der Wurm drin, am Samstag gab es in der Meisterschaft eine 0:2-Niederlage gegen Como, das Team von Coach Luciano Spalletti belegt nur Rang 5, hat 18 Punkte Rückstand auf Leader Inter. So droht im schlechtesten Fall gar eine Saison ohne europäische Auftritte – eigentlich undenkbar.
Wird die Horror-Vorstellung bald Realität?
Ebenso undenkbar war lange auch das Szenario, dass die Achtelfinals in der Champions League ohne italienische Beteiligung stattfinden. Doch nun wird diese Horror-Vorstellung für die italienischen Fans immer mehr zur möglichen Realität. Meister Napoli hat die Liga-Phase auf Rang 30 beendet und die Playoffs verpasst. Nun droht auch Inter Mailand, Juventus Turin und Atalanta Bergamo das frühe europäische Lichterlöschen. Es wäre ein historisches Debakel. Noch nie seit der Einführung der Champions League 1992 stand kein italienischer Klub unter den Top 16. Und auch zuvor, im damaligen Europacup der Meister, war das italienische Versagen eine Seltenheit: 1987 scheiterte Napoli mit Diego Maradona als einziger italienischer Vertreter in der ersten Runde an Real Madrid, während es Xamax immerhin bis in die zweite Runde und unter die Top 16 schaffte, dort aber gegen den FC Bayern München ausschied.
Dem italienischen Fussball geht es schlecht geht. Dazu passt auch das Nationalteam. Ende März wird die Squadra Azzurra versuchen, nicht zum dritten Mal in Folge eine WM-Endrunde zu verpassen. Dafür muss sie sich in einem Vierer-Playoff durchsetzen, am 26. März in Bergamo Nordirland schlagen und anschliessend auswärts gegen den Sieger der Partie Wales–Bosnien antreten. Sollte sie sich qualifizieren, treffen die Italiener am 18. Juni in Los Angeles auf die Schweiz. Es wäre die Neuauflage des Achtelfinals der EM 2024, als die Schweiz souverän mit 2:0 gewann. Es sind Zukunftsgedanken, denn nun müssen die Italiener zuerst das Debakel auf Klub-Ebene verhindern.