Ist der Klassiker noch immer ein besonderes Spiel? Zwei Meinungen
Am Samstag ist es wieder soweit: Borussia Dortmund und Bayern München, die beiden grössten deutschen Fussballklubs, im direkten Duell um die Vormachtstellung in der Bundesliga. Ein «Muss» für jeden Fussballfan, oder vielleicht doch nicht? Ist der Klassiker immer noch ein spezielles Spiel? Unsere Redaktoren sind geteilter Meinung.
Andy Maschek sagt: Ja
Die Wahrheit steht in der Tabelle. Und sie ist eindeutig. Der FC Bayern München liegt in der Bundesliga einsam und alleine an der Spitze. Nur ein Wunder – und sie sind auch im Fussball äusserst selten – kann die Münchner noch vom Gewinn des 35. Meistertitels in der Klubgeschichte abhalten. Und auch wenn die Dortmunder am Samstag daheim dem Team von Vincent Kompany die Lederhosen ausziehen sollten, wird Bayern am Ende die Schale in die Höhe stemmen. Da bin ich sicher.
Zu gefestigt sind die Münchner, zu fragil die Dortmunder. Dass sie in der Champions League in den Playoffs hängengeblieben und trotz 2:0-Sieges im Hinspiel gegen Atalanta Bergamo ausgeschieden sind, ist ein Alarmsignal – und ein Armutszeugnis. Bereits zum dritten Mal in dieser Saison hat die Borussia in der Königsklasse vier Tore kassiert, zuvor war das schon gegen Juventus und Manchester City der Fall. Die Defensive – inklusive Goalie Gregor Kobel, der mit seinem Patzer ein Grund für das Ausscheiden war – wirkte so gegen Atalanta, den Siebten der Serie A, bisweilen vogelwild und überfordert. In den sozialen Medien wurden die Dortmunder danach mit Häme und Spott übergossen. Und das nicht zu Unrecht.
Am Samstag folgt also der Klassiker. Ein Spiel, auf das ich mich trotz allem freue. Weil es halt einen speziellen Reiz ausstrahlt. Auf der einen Seite sind da die Bayern, die nach wie vor das Triple anpeilen. Sie lechzen nach weiteren Titeln und zeigen teilweise prickelnden, offensiven Champagner-Fussball. Die Lust auf Tore ist bei Harry Kane, Michael Olise und Luis Diaz riesig, und sie werden sich den Spass nicht nehmen lassen wollen, die Dortmunder in deren Stadion nicht nur zu schlagen, sondern zu deklassieren. Wenn die Borussia hinten wieder so inferior spielt wie gegen Atalanta, droht eine saftige Watschn.
Auf der anderen Seite ist die Saison für die Borussia mehr oder weniger gelaufen. Im Pokal (gegen Leverkusen) und in der Champions League war schon Lichterlöschen, wobei durch das Out gegen Bergamo auch budgetierte Millionen entgehen. Gegen die Bayern geht es nun darum, Wiedergutmachung zu betreiben, die Ehre zu retten und wenigstens die Hoffnung (und die stirbt bekanntlich zuletzt) auf einen Titelgewinn am Leben zu erhalten.
Letztmals feierten die Dortmunder in der Liga im November 2018 einen Heimsieg gegen die Bayern, gewannen 3:2. Trainer bei der Borussia war damals Lucien Favre, im Tor stand Marwin Hitz – und die Bayern wurden von Niko Kovac gecoacht, was zeigt, dass das Warten nun gefühlt ewig dauert. Die Dortmunder sind entsprechend gefordert, werden sich im Klassiker zerreissen, was den Zuschauern wie mir zugute kommen wird. Aber auch die Gefahr beinhaltet, dass sie am Druck und den Bayern zerbrechen. So ist die Ausgangslage trotz der eindeutigen Tabellensituation brisant. Und freue ich mich auf ein spezielles Spiel.
Patrick Y. Fischer sagt: Nein
Die grossen Klassiker dieser Fussball-Welt? Natürlich Real Madrid vs. Barcelona, Liverpool vs. Manchester United oder Inter Mailand vs. Juventus Turin. Seit den 1990er Jahren und dem Aufstieg von Borussia Dortmund zum ersten Rivalen des FC Bayern München haben auch unsere deutschen Nachbarn «ihren» Klassiker, wobei der im internationalen Vergleich aktuell an Bedeutungsverlust leidet.
Denn in jüngerer Vergangenheit lässt der Reiz der Duelle zwischen BVB und FCB zumindest für neutrale Fussballfans zu wünschen übrig. Rein sportlich ist der bajuwarische Rekordmeister dem westfälischen Herausforderer nämlich seit geraumer Zeit enteilt und das ist nun mal die Grundlage für eine Affiche, die die Fans Mal für Mal von ihren Sitzen reisst. Sage und schreibe zwölf Meistertitel haben die Münchner seit der letzten «Schale» des BVB im Frühling 2012 gewonnen, in diesem Jahrzehnt nur einen von bislang 13 Klassikern dem Rivalen überlassen. Das sind Zahlen, wie wir sie aus Frankreich und dem «Derby de France» zwischen PSG und Marseille kennen. Und von diesem Duell würde kaum jemand ausserhalb der «Grande Nation» behaupten, dass es zu den aufregendsten weltweit gehört.
Natürlich, an einem bestimmten Tag ist der BVB immer noch fähig, die Bayern zu ärgern, ja ihnen vielleicht sogar einen oder drei Punkte abzuknüpfen. Von Dauer sind diese raren Glücksmomente jedoch nicht - weder für den neutralen noch für den Dortmunder Fan. Und das liegt auch daran, dass die Borussia in den letzten Jahren eigentlich nie den Eindruck erweckte, wirklich daran zu glauben, den grossen Rivalen entthronen zu können. Dass «Schwarz-Gelb» sogar in den bajuwarischen Krisenjahren 2022/23 und 2023/24 hinter den Münchnern blieb, spricht in dieser Beziehung Bände. Nicht einmal in München selbst würde man sich derzeit genötigt sehen, von einer ernsthaften Herausforderung zu sprechen.
Und so hat es sich für mich zumindest momentan auch mit dem Reiz erledigt, den ein wirklich grosses (weil bedeutungsvolles) Spiel so an sich hat. Dortmund und Bayern können am Samstag ein 8-Tore-Spekaktel abliefern, der BVB sich auf den Kopf stellen – ein wirklich besonders Spiel ist der deutsche Klassiker für mich solange nicht, bis sich Dortmund endlich wieder einmal dazu aufrafft, Bayern analog der Leverkusener-Ausgabe 2024 auf die Pelle zu rücken. Vielleicht dann wieder im nächsten Jahr.