Ist Schweiz gegen Deutschland nur noch ein gewöhnliches Spiel? Zwei Meinungen
Heute Abend eröffnen Deutschland und die Schweiz in Basel das Länderspieljahr 2026. Ein besonderes Spiel zum Auftakt in ein (hoffentlich) besonderes WM-Jahr oder einfach ein weiteres, unbedeutendes Testspiel? Unsere Redaktoren Andy Maschek und Patrick Y. Fischer sind unterschiedlicher Meinung.
Andy Maschek sagt: Deutschland ist noch immer speziell!
Die Schweiz gegen Deutschland. Vor noch nicht allzu langer Zeit waren die beiden Nationalteams noch gefühlt um Lichtjahre voneinander getrennt. Die Deutschen kämpften um die ganz grossen Titel mit, die Schweizer mussten sich mit ehrenvollen Niederlagen begnügen und bewegten sich höchstens im biederen Mittelmass. Dies widerspiegelt sich auch in der Bilanz der Direktbegegnungen: In 54 Spielen reichte es der Schweiz zu je neun Siegen und Unentschieden – gegenüber stehen 36 Niederlagen. Den letzten Sieg feierte die Schweiz gegen den grossen Nachbarn vor einer Ewigkeit – im November 1956 siegte die Nati von Trainer Jacques Spagnoli auswärts dank Toren von Ferdinando Riva, Josef Hügi und Robert Ballamann gegen die Mannschaft von Bundestrainer Sepp Herberger 3:1.
Allein diese Namen und Zahlen zeigen, wie sehr wir nach einem Sieg gegen die Deutschen lechzen. An der EM 2024 hätte es in der Gruppenphase fast gereicht. Murat Yakin und sein Team führten dank einem Treffer von Dan Ndoye mit 1:0 und hatten den Sieg vor Augen – bis Niclas Füllkrug mit dem Ausgleich in der Nachspielzeit sein Team rettete. So geht das Warten weiter – und endet hoffentlich heute Abend.
Denn in meinen Augen sind Duelle mit Deutschland nach wie vor besonders, ein Sieg – selbst in einem Testspiel – hätte einen besonders süssen Geschmack. Schliesslich blicke ich Woche für Woche gespannt in unser Nachbarland, wo Schweizer Spieler seit Jahren für viele positive Schlagzeilen sorgen. Der Respekt ist ihnen – und auch anderen Schweizern in den europäischen Top-5-Ligen – gewiss, unser Fussball wird in Deutschland schon lange nicht mehr belächelt. Dass Trainer Urs Fischer für seine Arbeit zuerst bei Union Berlin und nun in Mainz so gefeiert wird (fast noch mehr als in der Schweiz) – es wäre lange unvorstellbar gewesen.
Und während es früher in den Länderspielen gegen die Schweiz den Deutschen wohl in erster Linie darum ging, die Maschinerie zu ölen und mit einem programmierten Sieg für ein gutes Gefühl zu sorgen, hat sich die Schweizer Nati prächtig entwickelt und begegnet dem Team von Julian Nagelsmann mittlerweile auf Augenhöhe. Die Zeiten, als die Deutschland die «kleine» Schweiz im Fussball auf die leichte Schulter genommen hat, sind vorbei, stattdessen zollt der Bundestrainer dem Gegner ehrlich und verdientermassen Respekt und sagt: «Die Schweiz ist eine sehr, sehr gute und stabile Mannschaft mit einem sehr guten Trainer.»
So gehen Trainer Yakin, Captain Xhaka und das ganze Team heute Abend mit breiten Schultern und grossem Selbstvertrauen ins Spiel und freue auch ich mich auf einen Match, in dem die Nati den Gegner fordern und hoffentlich auch bezwingen wird. Denn auch wenn es nur ein Test im Hinblick auf die WM ist – ein Match gegen Deutschland ist ein besonderes Ereignis, der erste Sieg nach fast 70 Jahren würde speziell gut schmecken und wäre die perfekte Einstimmung auf das Länderspiel- und WM-Jahr 2026.
Patrick Y. Fischer sagt: Deutschland kommt – na und?
Ich kann mich noch gut daran erinnern. Während meiner Kindheit und Jugend in den 1980er und 1990er Jahren, konnte es die Schweiz (oder zumindest «meine» Schweiz) jeweils kaum erwarten, sich sportlich mit Deutschland zu messen. Sich im Duell mit dem grossen Bruder und Rivalen zu behaupten, zu zeigen, dass auch der Schweizer Fussball es verdient, auf internationalem Niveau ernst genommen zu werden. Und am besten funktionierte das jeweils mit einem raren Erfolgserlebnis gegen Deutschland, weshalb ich den Duellen mit dem grossen Nachbarn immer mit besonders viel Vorfreude entgegenblickte.
Und heute? Hat die Schweiz den Sprung an die erweiterte Fussball-Weltspitze längst geschafft. Eine Entwicklung, von der man zwischen der WM in England 1966 und der WM in den USA 1994, während der man kein einziges Mal an einer Endrunde teilnahm, nur träumen konnte. Mittlerweile ist die Schweiz seit über 20 Jahren ein Stammgast an den grossen Turnieren. Und Deutschland? Nur noch eine von vielen prominenten Mannschaften, denen die Schweiz in den letzte beiden Dekaden auf den Pelz gerückt ist, auch wenn unsere Nati an einem grossen Turnier (zuletzt 1:1 an der EM 2024) – oder zumindest in einem offiziellen Länderspiel (zwei Unentschieden in der Nations League 2020) – noch immer auf einen Sieg gegen den vierfachen Weltmeister wartet. Kompensiert wurde der Drang nach fussballerischen Exploits stattdessen mit Erfolgen gegen Nationen wie Spanien (WM 2010), Frankreich (EM 2021) oder zuletzt Italien (EM 2024).
Aber natürlich ist es nicht nur die Tatsache, dass es der Schweiz erfreulicherweise gelungen ist, den Abstand zur Weltspitze deutlich zu verringern, die den Spielen gegen Deutschland aus meiner Sicht ihren Reiz genommen haben. Nein, es ist ganz einfach auch so, dass die schiere Fülle von Spielen und Wettbewerben auf Klub- und Nationalmannschaftsebene für eine gewisse emotionale Sättigung bei Konsumenten wie mir gesorgt hat. Wenn gefühlt jede Woche ein vorentscheidendes Spiel irgendwo auf dem Programm steht, haben es sportlich bedeutungslose Freundschaftsduelle wie das von heute Abend besonders schwer, noch irgendetwas auszustrahlen. Erst Recht, wenn man bereits im Vorfeld der Partie lesen darf, dass beide Teams möglicherweise das komplette, neu auf elf Spieler ausgedehnte Wechselkontingent ausschöpfen werden.
Immerhin eine Sache finde ich dann doch auch noch spannend: Wird es Granit Xhaka heute Abend tatsächlich gelingen, seine für einen Schweizer Nationalspieler aussergewöhnliche Serie der Ungeschlagenheit gegen Deutschland (aktuell vier Spiele) um ein weiteres Spiel zu verlängern? Ansonsten steht das nächste bedeutungsvolle Duell zwischen der Schweiz und Deutschland schon bald auf dem Programm: Im Mai in Zürich, im Rahmen der Eishockey-Weltmeisterschaft 2026…