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Ist Thuns bevorstehender Titel gut für den Schweizer Fussball? Zwei Meinungen

Der FC Thun wird wohl in Kürze den ersten Schweizermeistertitel der Klubgeschichte feiern. Aber ist diese unerwartete Cinderella-Story auch ein positives Signal für den Schweizer Fussball? Unsere Redaktoren Andy Maschek und Patrick Y. Fischer sind sich nicht einig.

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Der FC Thun ist nicht zu stoppen und stürmt dem Meistertitel entgegen. © KEYSTONE/Alessandro della Valle

Andy Maschek sagt: Ja

Neun Spiele vor Schluss 14 Punkte Vorsprung auf den ersten Verfolger St. Gallen und 22 respektive 26 Punkte mehr auf dem Konto als Titelverteidiger Basel oder Erzrivale Young Boys, die eigentlichen zwei Schwergewichte der Super League: Der Blick auf die Tabelle mutet im Schweizer Fussball aktuell surreal an. Es ist eine Dominanz à la FC Bayern München, wobei die finanziellen Mittel zwischen den beiden Klubs gefühlt Lichtjahre auseinanderliegen.

Es ist legitim, sich zu fragen, ob der baldige Titelgewinn der Berner Oberländer gut ist für unseren Fussball. Es ist auch nachvollziehbar, wenn man sich Sorgen macht wegen der Ausstrahlung, schliesslich wird man sich hier oder dort fragen, was da im Schweizer Fussball los ist, wenn der Aufsteiger und Underdog die restlichen Klubs schon fast in Grund und Boden spielt. Und ja, man darf auch Bedenken wegen des Koeffizienten haben und dass die Schweiz in Zukunft weniger Plätze im internationalen Business erhält.

Aber im Endeffekt sind die Thuner als Champions vor allem auch eines: Das Produkt hervorragender Arbeit und der Lohn dafür, im richtigen Moment bereit gewesen zu sein. Jetzt, in der Saison, in der bei den Young Boys und beim FCB (zu)viel schiefging und auch Lugano oder Servette nicht bereit waren, diese Chance beim Schopf zu packen.

Ganz im Gegensatz zu den Thunern, bei denen eine positive Dynamik einsetzte, das Selbstvertrauen immer grösser und das Siegen zu einem Selbstverständnis wurde, während die Gegner trotz der viel stärkeren finanziellen Potenz immer weiter zurücklagen und immer mehr an sich zweifelten. Für mich ist ganz klar: Der FC Thun hat den Meistertitel verdient. Er hat ihn nicht geerbt, sondern herausgespielt. Nur schon die Bilanz von elf Siegen und einem Unentschieden in den letzten zwölf Spielen spricht Bände.

Die Thuner werden im Sommer wohl einige Protagonisten – Spieler oder Trainer – verlieren. Denn Erfolge wecken Begehrlichkeiten. Doch sie werden so nicht in ihren Grundfesten erschüttert. Und damit können sie auch die Basis für die Zukunft schaffen, um sich an der Spitze unseres Fussballs zu etablieren. Schritt für Schritt und mit Kompetenz und demütiger Arbeit festbeissen und die vorhandenen Mittel sinnvoll investieren.

Und auch wegen des Koeffizienten können die Bedenken getrost weggewischt werden. Weder der FC Basel, noch die Young Boys, Servette, Lugano oder Lausanne-Sport haben in dieser Saison europäisch Berge versetzt. Zudem bewiesen die Berner Oberländer in der Saison 2005/06, dass sie auch europäisch tauglich sein können, schafften den Sprung in die Champions League und gewannen dort vier Punkte. Mit dabei im Team waren damals der Mauro Lustrinelli und Andres Gerber, zwei der heutigen Thuner Erfolgsfaktoren. Und zu guter Letzt bleibt noch der Blick nach Norwegen, zu Bodö/Glimt, das Europa fussballerisch aufmischt und sich in den letzten Jahren mit einem klaren Konzept und seriöser Arbeit prächtig entwickelt hat.

Patrick Y. Fischer sagt: Nein

Der FC Thun Berner Oberland wird Schweizer Meister. Schweizer Meister? Jener FC Thun, bei dem noch immer vier Schlüsselspieler und der Cheftrainer mit dabei sind, die noch vor zwei Jahren in der Barrage an GC, dem gefühlt ewigen Tabellen-11. der Super League, scheiterten? Genau, der.

Ganz ehrlich. Der Thuner Aufstieg aus dem Nichts mag eine wunderbare Geschichte für die Berner Oberländer und ihre Region sein. Sie mag beispielhaft für das Unvorhersehbare im Sport stehen, dass wir alle so lieben. Und ja, sie mag sogar aus dem Stoff sein, der Hollywood-Drehbuchautoren träumen und Fussball-Liebhaber aus ganz Europa ungläubig auf unser Land blicken lässt. Echtes Interesse, und damit etwas nachhaltig Positives für den Schweizer Fussball, generiert sie trotzdem nicht.

Viel eher fragt man sich auch im Ausland, was in aller Welt denn in unserer Super League los ist, wenn ein Klub mit dem Potential eines FC Thun unsere Meisterschaft in Grund und Boden spielt. Ein Klub, in dem zwar vorbildlich und kontinuierlich gearbeitet wird, der aber trotzdem niemals in der Lage sein dürfte, Klubs wie Basel, Lugano oder YB auf Augenhöhe zu begegnen, bzw. sie mal locker im vierten Gang zu überholen. Ohne substantielle finanzielle Mittel (trotz Investor Beat Fahrni) und mit Spielern, die grösstenteils froh sein mussten, in Thun überhaupt noch einmal eine Chance zu erhalten, um auf höchstem Niveau zu kicken.

Gewiss, all das muss den FC Thun nicht kümmern. Im Berner Oberland holt man nach jahrelangem Verharren in der Challenge League endlich wieder das Maximum aus den eigenen Möglichkeiten heraus und tut damit genau das, was jedem anderen Klub in der Schweizer Beletage auch gut tun würde. Das dies neuerdings bereits ausreicht, um unsere Liga im kommenden Sommer in der Champions League (Qualifikation) zu vertreten, überrascht beim kommenden Meister von Präsident Gerber bis zu Trainer Lustrinelli wohl alle. Trotzdem darf man im Umfeld der Stockhorn Arena mit Recht Stolz auf das in dieser Saison geleistete sein. 

Nicht ganz so sonnig ist die Wetterlage währenddessen beim Rest der Liga -  insbesondere in Basel, Bern, Genf, Lugano oder Zürich. Die Quittung für das Versagen der etablierten Kräfte werden diese grösstenteils schon im kommenden Sommer am eigenen Leib zu spüren bekommen, wenn sie auf europäischer Bühne nur Zuschauer sein werden. Aber auch für die Liga ist eine europäische Kampagne mit einem FC Thun, aber möglicherweise ohne ein YB oder Basel, nicht förderlich. Weniger Siege, weniger (Koeffizienz)Punkte, weniger Spiele und als Folge dessen auch weniger Transfer- oder Zuschauereinnahmen sind genau die Art von Entwicklung, die der Schweizer Fussball eigentlich nicht braucht. Dennoch ist die Gefahr aktuell reell, dass die Super League in ihrem europäischen Kriechgang schon bald ungewollt an Antrieb verlieren wird.

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