skysport.ch
Sky Sport

Live-Sport ansehen auf

Sky Sport
Meinungen Fussball

Macht Arsenal mit seiner Eckball-Strategie den Fussball kaputt? Zwei Meinungen

Sie haben es wieder getan. Am Wochenende, im Spitzenspiel gegen den Chelsea FC, mit den nächsten beiden Treffern nach Eckbällen, die den Gunners den Sieg sicherten. Bald schon könnte Arsenals Dominanz beim Corner mit grossen Titeln belohnt werden. Eine Entwicklung, die Fussball-Liebhabern ein Dorn im Auge sein muss – oder doch nicht? Unsere Redaktoren Andy Maschek und Patrick Y. Fischer sind sich nicht einig.

imago1073506020
Erst der Corne, dann das Goal: Jurriën Timber erzielte gegen Chelsea nach einer Ecke von Declan Rice für Arsenal den 2:1-Siegtreffer. © IMAGO / Offside Sports Photography

Andy Maschek sagt: Ja

Natürlich, der Zweck heiligt die Mittel. Die Wahrheit steht auf dem Totomat und in der Tabelle. Und sie sieht für Arsenal wunderbar aus: Rang 1 in der Tabelle der Premier League, fünf Punkte vor Manchester City (bei einem Spiel mehr). Und in der Champions League ohne Punktverlust den Achtelfinal erreicht, wo mit Bayer Leverkusen eine überwindbare Hürde wartet. Der Weg stimmt, der Erfolg gibt Mikel Arteta und seinem Team Recht.

Die Eckbälle sind ein Eckpfeiler für das aktuelle Arsenal. In der Premier League haben die Gunners bislang 16 Tore aus Cornern erzielt. Das sind drei mehr als jedes andere Team, gleichzeitig haben Mikel Arteta und sein Team den Rekord für die meisten Eckballtreffer in einer einzelnen Premier-League-Saison eingestellt. Diesen halten sie gemeinsam mit Oldham (1992/93), West Brom (2016/17) und Arsenal selbst (2023/24).

Die hohe Qualität bei Standardsituationen ist definitiv ein wesentlicher Grund für die aktuelle Stärke des Teams und ein wichtiger Trumpf im Titelkampf. Was früher mal der Catenaccio oder Tiki-Taka waren, sind bei den Gunners heute die Eckbälle – ein Erfolgsrezept.

Das aber für den Fussballfan irgendwann langweilig und nervend wirkt. So sagte nun auch Chris Sutton, früherer Meisterspieler mit Blackburn Rovers, nach dem Sieg gegen Chelsea: «Wieder Standard-Arsenal. Wenn sie es über die Ziellinie bringen – vielleicht werden sie dann das unansehnlichste Premier-League-Meisterteam der Geschichte sein. Die Leistung war nicht da.» Und der frühere Arsenal-Captain Patrick Vieira ergänzte: «Wenn man an der Spitze der Champions League und der Premier League steht, erwartet man von Arsenal, dass sie nach vorne spielen. Die Erwartungen sind höher, man erwartet mehr von Arsenal.»

Natürlich, solche Spiele mit solchen Toren sind keine fussballerischen Leckerbissen. Massgeschneiderte Corner-Routine-Taktiken, um Chancen zu maximieren und Tore zu kreieren, oft durch Positionsspiel, Studien der gegnerischen Abwehr und strukturierte Bewegungen im Strafraum, erzeugen Langeweile. Spieler wie Declan Rice oder Bukayo Saka haben ja grundsätzlich die Qualität, um auch aus dem Spiel heraus den tödlichen Pass zu spielen und die Fans zu begeistern und nicht nur bei stehenden Bällen für Gefahr zu sorgen.

Der «Masterplan Corner = Goal» raubt in meinen Augen dem Fussball eine grosse Portion an Attraktivität und Spannung. Aber aktuell ist er erfolgsversprechend und minimiert für Arsenal die Gefahr, in Schönheit zu sterben. Er sichert stattdessen den Gunners wertvolle Punkte und spült dem Franzosen Nicolas Jover Geld aufs Konto. Im Vertrag des Standardtrainers soll festgelegt sein, dass er für Tore nach ruhenden Bällen speziell belohnt wird. So freuen Arsenal-Treffer nach Eckbällen wenigstens ihn. Und im Endeffekt gilt halt wie erwähnt auch im Milliarden-Business Fussball: Der Zweck heiligt die Mittel. 

Patrick Y. Fischer sagt: Nein

Tatort Emirates Stadium. Wir schreiben die 21. und 66. Spielminute im Derby gegen Chelsea vom Sonntag und erleben kurze Zeit später totale Ekstase: William Saliba und Jurriën Timber haben den Gunners soeben mit zwei Kopftoren nach Eckbällen den wichtigen Sieg gegen den Stadtrivalen gesichert. Der Traum vom ersten Meistertitel seit dem Frühling 2004 – er lebt und nimmt bei fünf Punkten Vorsprung neun Spieltage vor Saisonschluss immer konkretere Formen an. Auch dank Arsenals grosser Stärke bei Cornern, ein Fakt, der Fussball-Puristen eigentlich nur dann stören kann, wenn sie keinerlei Sympathien für den Klub aus Nordlondon hegen.

Denn klar ist: Natürlich sind Arsenals 20-Plus Tore nach Eckbällen (alle Wettbewerbe) ein wichtiger Grund dafür, dass die Gunners drauf und dran sind, ihre beste Spielzeit der letzten 25 Jahre zu spielen. Mit Titelchancen in sämtlichen vier Wettbewerben (EPL, Champions League, FA-Cup, Carabao Cup) und mit der Art von Waffe, über die ein Spitzenteam verfügen muss, wenn es in den grossen europäischen Ligen und Wettbewerben ganz vorne mitmischen will. Genauso wie eine unwiderstehliche Offensive, eine Berge überwindende Mentalität oder – Gott bewahre – eine schier unüberwindbare Defensive.

Aber: Wer die Gunners auf ihre Eckbälle reduziert, tut der Mannschaft von Trainer Mikel Arteta unrecht. Nicht umsonst hat der einst für seinen «Champagner-Fussball» gelobte Klub in dieser EPL-Saison bislang die meisten Tore erzielt (58) und am wenigsten Gegentore zugelassen (22). Klar, Arsenal mag nicht mehr durch jene Dynamik und technische Brillanz beeindrucken, die den Klub zu den Blütezeiten Arsène Wengers auszeichneten, dafür aber überzeugen die Gunners Woche für Woche mit Wucht, Fussball-Handwerk auf höchstem Niveau und haben jederzeit die Möglichkeit, dem Gegner offensiv und defensiv Ungemach zu bereiten.

Und schlussendlich läuft für mich die Diskussion um Arsenals Eckbälle auch auf eine simple Legitimation hinaus: Die Gunners von Mikael Arteta haben einen der einfachsten und ältesten Spielzüge des Fussballs genommen, sich über Jahre mit ihm befasst – und ihn schlussendlich weiterentwickelt. Ähnlich dem «Tush-Push» der Philadelphia Eagles, der die Gemüter in der NFL in den vergangenen beiden Jahren zu erhitzen vermochte. Wer sich darob Sorgen um die Zukunft des Spiels macht, kann ich beruhigen. Bereits jetzt gibt es Gegner, die Arsenals Spezialität so gut imitieren, dass sie selbst zu mehr Torerfolgen kommen, ehe früher oder später ein neuer taktischer Trend die Fussball-Welt in Aufruhr versetzen wird.

Bewerte den Artikel
1 Bewertungen
Ihre Stimme wird gezählt.

News-Feed

Lesen Sie auch

Mehr anzeigen

Live-Sport ansehen auf

Sky Sport
Copyright Sky Schweiz SA © 2001-2026. Erstellt von EWM.swiss