Warum scheitert Alexander Zverev am Grand-Slam-Titel?
24 Stunden vor seinem Halbfinale gegen Carlos Alcaraz bei den Australian Open steht Alexander Zverev an einem Wendepunkt. 2026 könnte das Jahr sein, das seine Grand-Slam-Träume endgültig begräbt – ein Ziel, dem er seit über zehn Jahren hinterherjagt. Doch warum gelingt es dem Deutschen nicht? Während häufig mentale Defizite ins Feld geführt werden, liegt die Antwort womöglich ganz woanders. Das Problem ist tennisspezifisch. Analyse eines chronischen Scheiterns.
Es ist ein schleichendes Gift, das Beine, Herz und Muskeln angreift und wie eine latente Bedrohung über jedem Spieler schwebt, der mehr als zehn Jahre auf der Tour verbracht hat. Der körperliche und spielerische Abbau, den viele Profis beim Näherkommen an die Dreissig kaum wahrhaben wollen, trifft vor allem jene, die das Problem unterschätzen. Mit 28 Jahren beginnt Alexander Zverev seine 13. Profisaison – und sieht seinen Traum Jahr für Jahr weiter in die Ferne rücken: einen Grand-Slam-Titel zu gewinnen (und die Nummer eins der Welt zu werden). 2025 war er davon weit entfernt, sehr weit. Zum ersten Mal wirkte er kampfmüde, teilweise sogar innerlich leer. Frühe Niederlagen, herbe Klatschen, ein schwer lesbares Spiel – und die Rolle des „dritten Mannes“ hinter Jannik Sinner und Carlos Alcaraz, der er nicht gerecht wird.
Dabei hatte er am Ende der Vorsaison den Eindruck vermittelt, einen Schritt nach vorne gemacht zu haben. 69 Siege (persönlicher Rekord), der Titel in Paris-Bercy, die Nummer zwei der Weltrangliste, zwischen Sinner und Alcaraz positioniert – und das Versprechen eines offensiveren Tennis. Auch das Finale von Melbourne vor einem Jahr liess auf den ersten Major-Triumph hoffen. Die Ernüchterung war brutal. Gegen Jannik Sinner war Zverev chancenlos wie nie zuvor.
Es folgte eine lange Durststrecke, lediglich unterbrochen vom Titel in München (ATP 500), der mehr Kosmetik als Trendwende war. Allen war klar – ihm selbst zuerst –, dass das nicht reichen konnte. Ein paar Siegesserien (Stuttgart, Cincinnati, Wien) liessen Hoffnung aufkeimen, die am Saisonende umso härter zerstört wurde. Eine Abreibung gegen Sinner in Paris, das Vorrundenaus bei den ATP Finals. 2025: endgültig ein verlorenes Jahr.
Um Alexander Zverev zu verstehen, muss man zu den Anfängen zurückgehen. 2014 teilen sich Rafael Nadal und Novak Djokovic die grossen Titel. Im Sommer, nach der Rasensaison, gibt ein 17-jähriger Blondschopf sein ATP-Debüt auf grosser Bühne. In Hamburg, auf Sand, erreicht Zverev sein erstes Halbfinale auf der Tour. Schnell wird er im deutschen Tennis zum designierten Nachfolger von Boris Becker – bis heute der letzte deutsche Grand-Slam-Sieger bei den Männern (Australian Open 1996).
Ein langgewachsener Spieler aus einer anderen Zeit
Schon früh beeindruckt Zverev nicht nur durch seine Jugend, sondern durch seine Physis. Knapp zwei Meter gross, lange Hebel, ein schmaler, hochgewachsener Körperbau – alles deutet auf einen klassischen Aufschlagriesen hin. Das ist er auch geworden, aber nicht nur. Seine Beinarbeit, seine Platzabdeckung und seine Ausdauer stehen im völligen Gegensatz zu dem, was man von einem Spieler dieses Formats erwarten würde. Ganz anders als sein Bruder Mischa, ein klassischer Serve-and-Volley-Spieler alter Schule.
Als Konterspieler und Puncher von der Grundlinie fühlt sich Zverev auf Sand ebenso wohl wie auf schnellen Belägen (Rasen ausgenommen). Sein Spiel ist um die Rückhand herum aufgebaut – ein Schlag von nahezu makelloser Technik, wie in Stein gemeisselt. Daraus entwickelte er sein bevorzugtes Muster: Aufschlag durch die Mitte, gefolgt von einer flachen, longline gespielten Rückhand in die Vorhand-Ecke des Gegners.
Trotz aller Rückschläge hat Zverev die Höhen erreicht, die ihm prognostiziert wurden. Zweifacher ATP-Finals-Sieger, Olympiasieger in Tokio, 24 ATP-Titel – sportlich gehört er in den Kreis der Grossen. Und doch ist da ein deutlicher Rückstand. Gegen Federer, Nadal und Djokovic hatte er das Nachsehen, von Alcaraz und Sinner scheint er bereits überholt. Vor allem aber verfolgen ihn die Probleme seiner Jugend bis heute. Eine alte Leier für einen Spieler, der einst als Symbol der Moderne galt, heute aber eher einem vergangenen Tenniszeitalter angehört.
Um sein Ausbleiben bei Grand Slams zu erklären, verweisen Beobachter häufig auf seine Tendenz, in Drucksituationen weit hinter die Grundlinie zurückzuweichen. Seine Schläge verlieren an Durchschlagskraft, die Bälle an Länge. Das stimmt – vor allem gegen die Besten, in entscheidenden Momenten. Und fast immer geht der Deutsche als Verlierer hervor. Doch diese Schwächen treten permanent auf: in der zweiten Runde wie im Finale, gegen Tallon Griekspoor ebenso wie gegen Jannik Sinner. Der Unterschied liegt nur in der Konsequenz der Bestrafung.
Eine Technik, die neu gedacht werden muss
Wie kann ein Spieler dieses Kalibers derart schwanken? Erfahrung und Spielintelligenz sollten helfen – tun es aber nicht. Viele sprechen von einem mentalen Defizit, das ihn daran hindert, in Schlüsselmomenten mutig zu bleiben. Nach Jahren der Rückschläge mag das nicht falsch sein. Zverev selbst sagt, er müsse permanent aggressiv spielen, nicht nur punktuell. Doch Worte ohne Taten verlieren an Glaubwürdigkeit. Hinter dem schwer greifbaren Mentalproblem treten deutlichere technische Mängel zutage.
In Zeiten kompakter Schlagbewegungen ist Zverevs Vorhand eine Anomalie. Das Handgelenk ist stark abgeknickt, der Schlägerkopf zeigt nach aussen, beschreibt eine unnötige Schleife. Diese Technik ist nicht nur körperlich belastend, sie kostet auch Zeit. Wer permanent zu spät im Treffpunkt ist, hat kaum Optionen. Zverev bleibt nur eines: zurückweichen, Zeit gewinnen, im Ballwechsel überleben. Doch je weiter er nach hinten gedrängt wird, desto mehr läuft er, desto kürzer werden seine Schläge. 52 Prozent seiner Vorhände landeten im vergangenen Jahr innerhalb des Aufschlagfelds. Passivität ist keine Wahl – sie ist Überlebensstrategie.
Anfang 2024 hatte die Zverev-Familie (Vater und Bruder, beide Teil seines Teams) die Vorhand überarbeitet. Kompakter, reduzierter, effizienter. Doch mit der Zeit kehrten die alten Muster zurück: abgeknicktes Handgelenk, offene Schlägerführung, grosse Schleife. Die Vorhand bleibt das Sinnbild seiner Passivität. Der Vergleich mit der Detailversessenheit von Sinner und Alcaraz fällt gnadenlos aus.
Zverev hat bereits bewiesen, dass Veränderung möglich ist. Nach seiner schweren Knöchelverletzung im Halbfinale von Roland Garros 2022 gegen Nadal fiel er acht Monate aus. In dieser Zeit überarbeitete er vor allem seinen zweiten Aufschlag. Der Ballwurf wurde tiefer, stabiler, die Doppelfehlerquote sank. 2024 gewann er 90,2 Prozent seiner Aufschlagspiele – Bestwert seiner Karriere.
Ein Spieler, der Veränderung scheut
Novak Djokovic zeigte im vergangenen Sommer bei Roland Garros eine weitere Schwäche auf. Nachdem er zunächst von Zverevs Power zurückgedrängt wurde, nahm der Serbe das Tempo raus, spielte zentral, variierte Höhe und Schnitt, zwang Zverev ans Netz. Ein rhythmusloses, taktisch versiegeltes Match, das Zverev den Zahn zog. Auch Fritz und Medvedev haben das erkannt: Zverev mag keine Veränderungen. Gibt man ihm nichts, gibt er irgendwann alles her.
Dasselbe bei Alcaraz. Im Finale von Roland Garros 2024 akzeptierte der Spanier den Schlagabtausch, entschleunigte bewusst, spielte 26 Moonballs in den letzten beiden Sätzen – hohe, stark topspinnige Bälle, teils fünf Meter über dem Netz. Ohne Rhythmus kam Zverev nicht zu seinem +1-Spiel und verlor erneut.
Oft wirkt Zverev ratlos. „Pech“, „fehlende Aggressivität“, sagt er selbst. Wahrscheinlicher ist eine Mischung aus mentaler Blockade, technischer Begrenzung und taktischer Unflexibilität. Am Scheideweg angekommen, muss Alexander Zverev vor allem eines tun: sich selbst besiegen, um endlich den Gral zu erreichen.