Shiffrin unter Druck, Rast hadert und Holdener mit Vorfreude
Heute werden an den Olympischen Spielen die letzten Ski-Medaillen vergeben. Im Slalom der Frauen ist Mikaela Shiffrin die Topfavoritin, auch wenn sie zuletzt an Olympia mit Problemen zu kämpfen hatte. Oder wird sie von den Schweizerinnen gestoppt, die in Cortina noch keine Medaille gewinnen konnten?
Die Statistik ist eindeutig: Acht Slaloms haben die Frauen in diesem Winter bestritten, siebenmal triumphierte Mikaela Shiffrin. Auf den kurzen Ski ist sie eine Klasse für sich, hat von ihren 108 Weltcupsiegen 71 im Slalom gefeiert. Und 2014 gewann sie in Sotschi Olympia-Gold. So weit ist alles klar, die Amerikanerin wäre die logische Siegerin.
Doch da ist eben auch der Olympia-Fluch. An den Spielen 2022 in Peking war Shiffrin eine der tragischen Figuren. In der Abfahrt belegte sie den 18. Platz, im Super-G wurde sie Neunte. Im Slalom, Riesenslalom und in der Kombination erreichte die das Ziel nicht, was so untypisch ist für die Amerikanerin, die nur äusserst selten ausscheidet. Sie weinte damals auf der Piste. Es war ein sportliches Desaster, dass sie ohne Edelmetall blieb.
Auch in Cortina sieht es nicht gut aus. In der Team-Kombi rechneten alle damit, dass das Duo Breezy Johnson/Shiffrin Gold gewinnt – doch es blieb nur Rang 4. Im Slalom waren 14 Fahrerinnen schneller als Shiffrin, die aktuell unter einem Olympia-Trauma zu leiden scheint. Man darf gespannt sein, ob sie, die mit der Nummer 7 ins Rennen geht, dem Druck standhält und ihre Nerven im Griff hat und nach zwölf Jahren wieder Olympia-Gold in ihrer Paradedisziplin gewinnt...
Rast wie Meillard?
Die Herausforderinnen stehen jedenfalls bereits. An erster Stelle müsste man Weltmeisterin Camille Rast nennen. Die Walliserin hat es in diesem Weltcupwinter als einzige Fahrerin geschafft, Shiffrin im Slalom zu bezwingen. Sie siegte in Kranjska Gora, wurde zudem dreimal Zweite und einmal Dritte. Allerdings hadert sie mit der Piste in Cortina, schätzt diese als viel zu leicht ein und sprach gar von einer Juniorenstrecke. Ob sie den Schalter nochmals umlegen und aufs Podest rasen kann? Mut machen kann, dass auch der Slalom-Hang der Männer in Bormio als zu einfach taxiert wurde, am Ende aber mit Weltmeister Loïc Meillard ein absoluter Spezialist gewann.
Viel zuzutrauen ist dagegen Wendy Holdener. Die Schwyzerin stellte in der Team-Kombi im Slalom hinter der Deutschen Emma Aicher die zweitbeste Laufzeit auf und zeigte, dass ihr der flache Hang liegt. Und sie ist fokussiert, verzichtete kurzfristig auf den Start im Riesenslalom, um sich optimal auf den Slalom vorbereiten zu können. Das Ziel ist klar: Sie will ihre dritte olympische Slalom-Medaille, nachdem sie 2018 Silber und 2022 Bronze gewonnen hat. «Es ist eine tolle Strecke. Ich finde das cool, wenn wir auf Pisten fahren, die wir nicht jedes Jahr im Weltcup haben», sagt sie nun.
Holdener – die Frau für spezielle Rennen
Dass sie eine Frau für die speziellen Rennen ist, zeigt ein Blick in die Statistik – da stehen fünf Olympia- und neun WM-Medaillen. «Ich mag dieses Spezielle an Grossanlässen. Mich reizt es, auf einen bestimmten Moment bereit zu sein», so Holdener, in deren Sammlung Slalom-Gold aber noch fehlt. 2019 schied sie an der WM 2019 in Are als Halbzeitführende im zweiten Lauf kurz nach dem Start aus, als sie ein Tor verpasste, Weltmeisterin wurde Shiffrin, die ihr schon zwei Jahre zuvor an der WM in St. Moritz vor der Sonne gestanden war. Slalom-Silber gab es auch im letzten Winter an der WM in Saalbach hinter Camille Rast. Und an den Olympischen Spielen 2018 in Pyeongchang, als die Schwedin Frida Hansdotter fünf Hundertstelsekunden schneller war. Vor vier Jahren in Peking gewann Holdener Bronze, mit dem winzigen Rückstand von zwölf respektive acht Hundertstel auf Siegerin Petra Vlhova und die zweitplatzierte Katharina Liensberger.
Wie die Schweizerinnen Rast und Holdener gehören auch die Albanerin Lara Colturi (viermal im Slalom auf dem Podest in diesem Winter), die Deutsche Emma Eicher, die Amerikanerin Paula Moltzan und die Österreicherin Katharina Truppe zum Favoritinnenkreis. Und die Schwedin Anna Swenn-Larsson hat in der Vergangenheit schon mehrfach bewiesen, dass ihr flache Strecken liegen.
Für die Schweizerinnen, für die auch die Urnerin Eliane Christen und Mélanie Meillard antreten, geht es darum, für einen versöhnlichen Olympiaabschluss zu sorgen. Vor vier Jahren in Peking eroberten die Schweizer Skifahrerinnen sieben Medaillen, nun haben sie die letzte Chance, um die ersten medaillenlosen Titelkämpfe seit der WM 2011 in Garmisch und den Olympischen Spielen 2010 in Vancouver zu verhindern.