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Shootingstar Blanc als Dosenöffner?

Andy

Die Schweizer Speed-Frauen wurden in dieser Saison bislang arg gebeutelt. Doch beim Heimrennen in Crans-Montana setzte die Walliserin Malorie Blanc (22) mit ihrem ersten Weltcupsieg ein Ausrufezeichen. Vielleicht war es ja gar der Befreiungsschlag und Dosenöffner.

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In Crans-Montana durchgestartet: Malorie Blanc feierte in ihrem 20. Weltcuprennen ihren ersten Sieg. © KEYSTONE/Alessandro della Valle

Es war ein spezielles Rennen auf dem Walliser Hochplateau. Rund einen Monat nach der Brandkatastrophe, die mittlerweile 41 Menschen das Leben gekostet hat, gastierte der Weltcupzirkus in Crans. Die Gedanken an die Opfer und alle Betroffenen waren immer präsent, ein Hauch von Traurigkeit war dabei. Und doch gab es strahlende Gesichter. Einerseits, als Malorie Blanc im Super-G triumphierte, andererseits, als Franjo von Allmen am Tag darauf die Abfahrt gewann. Es waren die perfekten Hauptproben für die Olympischen Spiele in Italien mit den Speed-Rennen in Bormio (Männer) und Cortina (Frauen).

Speed-Frauen «an Krücken»

Malorie Blanc sorgte mit ihrem Erfolg für einen unerwarteten Hoffnungsschimmer am Himmel der Schweizer Speed-Frauen, die in dieser Saison bislang so untendurch mussten. Lara Gut-Behrami verpasst die ganze Saison bekanntlich wegen ihres Kreuzbandrisses. Ob sie ihren geplanten Rücktritt um ein Jahr verschiebt, ist offen. Ebenso offen ist die Zukunft von Michelle Gisin nach ihrem schweren Sturz im Dezember in St. Moritz, bei dem sie sich Brüche an der Halswirbelsäule, Verletzungen am rechten Handgelenk sowie einen Riss des Kreuz- und Innenbandes im linken Knie zuzog. Nach drei Operationen befindet sie sich mittlerweile in der Reha, die ihr im Idealfall ein Comeback ermöglichen sollte. Corinne Suter verpasste den Saisonstart ebenfalls verletzt und befindet sich auf der Suche nach ihrer Form. Gleich geht es Jasmine Flury, der Abfahrtsweltmeisterin von 2023, die im Dezember nach einer 22 Monate langen Zwangspause ihr Comeback gab.

Mit diesen Ausfällen und Leidensgeschichten verloren die Schweizer viel Substanz und im Hinblick auf Olympia auch viel Medaillenpotenzial, was mit einem Blick zurück auf die Spiele 2022 unterstrichen werden kann. Damals gewann Corinne Suter Gold in der Abfahrt, Lara Gut-Behrami wurde Super-G-Olympiasiegerin und Dritte im Riesenslalom. Und Michelle Gisin gewann Gold in der Kombination und Bronze im Super-G. Nun verbesserte Malorie Blanc in Crans-Montana die Schweizer Perspektiven – mit einem Sieg an einem speziellen Ort.

Die 22-Jährige wuchs in Ayent auf, 20 Autominuten entfernt von Crans-Montana. Entsprechend ging ihr die Brandkatastrophe besonders nahe. Nach ihrem Sieg erklärte sie: «Als die Hymne erklang, war alles so schön, leise. Ich habe die Emotionen der Leute gespürt. Ich bin so stolz, dass ich ihnen das schenken konnte.» Es war ihr erster Weltcuptriumph in ihrem erst 20. Rennen. Dies auf ihrer Heimpiste, auf der sie schon so viel erlebte. Vor nicht einmal zwei Jahren verletzte sie sich hier bei einem Sturz im Europacup am linken Knie, zog sich einen Riss des vorderen Kreuzbandes, einen Riss des Aussenmeniskus sowie eine Zerrung des inneren Seitenbandes zu.

Erste Sieg im 20. Weltcuprennen

Man wusste damals schon länger vom grossen Potenzial von Malorie Blanc. Ende Januar 2024 hatte sie an der Junioren-WM Medaillen gesammelt, sie gewann die Titel im Super-G und in der Team-Kombination und raste in der Abfahrt zu Silber. Der Weg nach oben schien offen, doch dann stoppte sie die erwähnte Knieverletzung. Blanc kämpfte sich zurück, gab Ende Dezember 2024 in St. Moritz ihr Weltcup-Debüt, erreichte im Super-G aber das Ziel nicht. 21 Tage später machte sie es besser. Und raste in St. Anton in der Abfahrt, in ihrem zweiten Weltcupeinsatz, auf Rang 2 – sieben Hundertstelsekunden hinter Siegerin Federica Brignone. Und nun, wiederum 385 Tage später, bestritt sie mit dem Super-G in Crans Montana ihr 20. Weltcuprennen – und feierte ihren ersten Sieg. Zum Vergleich: Gut-Behrami brauchte 13 Rennen, um erstmals zu triumphieren, Mikaela Shiffrin gewann bei ihrem 24. Weltcupstart erstmals und Lindsey Vonn feierte ihre Premiere im 59. Weltcuprennen.

Nach ihrem ersten Sieg auf oberster Stufe sagte Malorie Blanc nun: «Ich habe Mühe, das zu realisieren. Ich habe auf dieser Piste schon alles erlebt. Es ist so ein schöner Ort, es ist einfach mein Zuhause, ich liebe es hier. Ich bin so froh, es auf dieser Piste und vor diesen Leuten gezeigt zu haben. Wenn ich sie höre, habe ich kleine Ameisen in meinem Herz.»

Liebe für die Geschwindigkeit

Blanc ging den üblichen Weg durch den Nachwuchs ihres Skiklubs und des dem Walliser Skiverband angeschlossenen Skiteams Anzère. Sie bestritt FIS-Rennen und Europacuprennen, absolvierte die Sportschule in Brig. Sie ist auf den sozialen Medien weniger aktiv als viele Gleichaltrige. In einem Interview sagte sie einmal, sie sei ein Smartphone-Muffel. Lieber fährt Blanc Motorrad. Sie mag Geschwindigkeit. Das sei schon immer so gewesen. Seit sie ihrem älteren Bruder auf und neben den Pisten hinterherjagte. Der Walliser SRF-Experte und Skitrainer Didier Plaschy kam schon früh mit Blanc in Berührung und sagte einmal gegenüber dem «Walliser Bote»: «Sie hat diese unerschrockene Art, diese Liebe für Geschwindigkeit. Das haben nur ganz wenige Athletinnen.» Dazu komme ein tolles Gespür für die Unterlage, über die die Ski gleiten, die Kanten sich reinfressen.

Gegenüber der Walliser Tageszeitung «Le Nouvelliste» sagte Blanc einmal, dass ihr Vorbild Aksel Lund Svindal sei. «Ein Skifahrer mit einer seltenen Bescheidenheit – ruhig und besonnen. Und natürlich ein unglaubliches Talent», sagt sie über den Norweger, der zweimal Olympiasieger, fünfmal Weltmeister und zweimal Gesamtweltcupsieger war.

Mittlerweile ist Svindal Trainer von Lindsey Vonn. Die Amerikanerin verletzte sich in Crans-Montana am Knie und zittert um den Start in Cortina. Sollte sie dabei sein, ist sie in der Abfahrt und im Super-G eine heisse Medaillenanwärterin. Und damit auch eine Konkurrentin der Schweizer Newcomerin Malorie Blanc, die zu Beginn dieses Winters teilweise Probleme hatte, in Crans-Montana nun aber den Befreiungsschlag gelandet hat, der hoffentlich alle Schweizer Speed-Frauen beflügelt.

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