Sind die Young Boys nur noch ein gewöhnlicher Super-Ligist? Zwei Meinungen!
Heute Abend gibt es noch einmal die grosse Bühne: Im Heimspiel gegen Olympique Lyon kämpfen die Young Boys um die Qualifikation für die K.o.-Phase in der Europa League. Und danach? Gut möglich, dass im Wankdorf im nächsten Jahr kein europäischer Fussball mehr gezeigt wird. Ist YB tatsächlich nur noch Durchschnitt? Unsere Redaktoren Patrick Y. Fischer und Andy Maschek sind sich nicht einig.
Patrick Y. Fischer sagt: Ja
Die Tabelle lügt bekanntlich nicht. Insbesondere, wenn es sich dabei um die Google-Tabelle handelt, die einem bei der Suchanfrage nach dem aktuellen sportlichen Stand in der Brack Super League gezeigt wird. In diesem Bildausschnitt sind die Berner Young Boys auf den ersten Blick nämlich nicht zu erkennen. Der einfache Grund: Google interessieren das Mittelfeld und die Niederungen der schweizerischen Beletage herzlich wenig. Und in genau jenen Regionen bewegt sich vorderhand der BSC YB (Rang 6).
YBs Absturz ins Mittelmass ist vielleicht der schnellste, überraschendste und ja – peinlichste – der neueren Super-League-Geschichte. Weder der ehemalige Krösus GC noch Dauerrivale Basel haben es geschafft, ihren finanziellen und sportlichen Vorsprung auf die Konkurrenz innert so kurzer Zeit so gründlich zu verspielen. Und das in einer Zeit, in der die Einnahmen aus der Teilnahme an der Königsklasse, für dich sich YB in den letzten fünf Jahren als einziger Schweizer Klub dreimal qualifizieren konnte, einem Klub einen überproportionalen Vorteil gegenüber der nationalen Konkurrenz verschaffen.
Aber all das hat die Berner nicht davor bewahrt, im sportlichen Höhenflug Fehler zu wiederholen, die einst schon dem FC Basel unterliefen. Im Erfolg verlor man etwas die Demut, schürte Erwartungen, die mit Siegen und Titeln alleine nicht mehr befriedigt werden konnten. Dass Double-Gewinner Raphael Wicky Anfang März 2023 auf Rang 1 entlassen wurde, mutet aus heutiger Sicht wie ein schlechter Witz an. Doch schon der FCB tat mit seiner Entscheidung, sich zum Ende der Saison 16/17 von Urs Fischer zu trennen, vor allem der Konkurrenz einen Gefallen.
Doch mit den unglücklichen Trainerentscheidungen im Anschluss an Wickys Abgang alleine ist der mittlerweile bald zwanzigmonatige YB-Kriechgang nicht zu erklären. Auch im Kader selbst wurden Baustellen nicht behoben, sportliche Potentiale falsch eingeschätzt und fussballerisches Talent zu hoch bewertet. Als Folge hat der langjährige Liga-Krösus (104 Mio. Umsatz in 2023, 80 Mio. in 2024) mittlerweile ein talentiertes Kader beisammen, dem es entscheidend an Leadership, defensiver Stabilität und mentaler Widerstandskraft fehlt. Und zwar so stark, dass der kleine Kantonsrivale aus Thun und auch Aussenseiter St. Gallen den Stadtbernern hoffnungslos (aktuell elf Verlustpunkte) enteilt sind.
Natürlich lässt sich das mit dem Potential der Gelb-Schwarzen mittelfristig relativ rasch wieder beheben, zumindest in der Theorie. In der Praxis gibt es aber auch noch den FC Lugano, den FC Basel und vor allem die Gewissheit, dass YB erst einmal wieder beweisen muss, über die Fähigkeit zu verfügen, die eigenen PS auf den Platz zu bringen. Vorderhand sind die Berner nämlich maximal mit einem Motor aus der Mittelklasse unterwegs.
Andy Maschek sagt: Nein
Wir wissen es: Der Totomat entscheidet, die Wahrheit liegt auf dem Platz. Das gilt nicht nur für Christian Constantin und seinen FC Sion. Es passt auch zu anderen Klubs im Schweizer Fussball, beispielsweise zu den Young Boys. Und da ist die Wahrheit aktuell eine triste. Platz 6 in der Tabelle, 14 Punkte Rückstand auf den «kleinen» Kantonsrivalen FC Thun – die Young Boys, in unserer Super League eigentlich ein Titan, zeigen Schwächen, stottern so vor sich hin. Da muss die Antwort auf die Frage also klar lauten: Ja, die Young Boys sind nur noch Mittelmass.
Es ist eine verständliche Sicht. Doch sie greift zu kurz. Es ist eine Momentaufnahme, nicht mehr oder weniger. Die Berner spielen eine enttäuschende Saison, kommen nie richtig auf Touren. Der Glanz vergangener Jahre ist weit weg, keine Spur von Dominanz, stattdessen blamable Auftritte daheim wie gegen GC (2:6) oder Lausanne (1:3). Der Wurm ist drin, der Meistertitel, auf den die Berner zwischen 2017 und 2024 schon fast ein Abo hatten, ist weit weg. Ja, sie müssen gar um einen Platz in der Championship Group zittern. Und dies, obwohl mit Gerardo Seaone der frühere Meistermacher zurückgekehrt ist. Aber auch er hat in neun Meisterschaftsspielen nur elf Punkte gewonnen, was viel zu wenig für die hohen Ansprüche ist.
Doch abschreiben darf man die Berner trotz allem nicht. Sie verfügen nach wie vor über alles, was es braucht, um auf der nationalen Bühne top zu sein. Die Klubführung verfügt über Kompetenz und die nötige Ruhe. Christoph Spycher unterliefen zuletzt zwar gerade auf der Trainerposition ein paar Fehlgriffe respektive -entscheidungen, doch mit der Verpflichtung von Seaone wurde das korrigiert.
Das Kader verfügt nach sie vor über genügend Substanz und Klasse, um an der Tabellenspitze mitzumischen. Von ganz hinten und Goalie Marvin Keller bis ganz nach vorne, zu den besten Torschützen Chris Bedia und Christian Fassnacht. Verletzungsbedingte Ausfälle der neu verpflichteten Gregory Wüthrich und Edimilson Fernandes wirkten sich auf dem Platz gerade betreffend Leadership negativ aus. Doch mit ihrer Rückkehr kehrt auch auf dem Platz wieder Ruhe und Stabilität ein. Und: In den letzten, erfolgreichen Jahren konnten die Young Boys finanziell so viel Speck ansetzen, dass die Mittel vorhanden sind, um personell nachzulegen – was noch in diesem Transferfenster der Fall sein wird. Denn trotz der aktuellen Baisse ist der Klub attraktiv, auch für gestandene Spieler, die sofort eine Verstärkung sind.
Noch dauert die Meisterschaft lange, genau 18 Spiele müssen oder dürfen die Berner noch bestreiten. Nun geht es darum, so schnell wie möglich den Mief der vielen Niederlagen aus den Kleidern zu schütteln und neu anzugreifen. Die erste Möglichkeit dazu bietet sich Gerardo Seaone und seinem Team am Sonntag im Auswärtsspiel bei Leader Thun. Ein Sieg im ausverkauften Derby könnte eine Initialzündung für einen Neustart sein. Für einen Neuangriff. Für mich ist klar: Ich traue YB auch in dieser Saison noch einen Gipfelsturm zu. Wo dieser endet, liegt aber vor allem auch in den Füssen der Gegner.