Speed-Queen oder Drama-Queen?
Heute das erste Training, am Sonntag die Olympiaabfahrt: In Cortina stehen in den kommenden Tagen die Ski-Frauen im Fokus – allen voran Lindsey Vonn.
Als die Amerikanerin im vergangenen Winter auf die Rennpisten zurückkehrte, war das Echo gewaltig. Und die Meinungen waren geteilt. Von verantwortungslos und lächerlich bis zu beeindruckend und sensationell war wohl etwa alles zu lesen. Viel zugetraut wurde Lindsey Vonn aber nicht, schliesslich war sie schon 40 Jahre alt und lag ihr letztes Weltcup-Rennen fast sechs Jahre zurück, als sie am 21. Dezember 2024 in St. Moritz den Super-G bestritt. Nach jenem Super-G Ende Januar 2019 in Cortina, bei dem sie nicht ins Ziel kam, bestritt sie noch die WM in Aare und wurde dort hinter Ilka Stuhec und Corinne Suter Dritte.
Bei ihrem Comeback im Engadin raste Vonn dann im Super-G auf Rang 14, sorgte für grosses Erstaunen und deutete an, dass sie die Rückkehr an die Weltspitze auch als «Oma» und ehemalige «Ski-Rentnerin» und mit einer Teilprothese im arg lädierten Knie schaffen könnte. Der Super-G in St. Moritz war für die äusserst ehrgeizige Amerikanerin das Zeichen, dass sie ihre Comeback-Idee weiterverfolgen und hart arbeiten sollte. Was sie auch tat.
Acht Rennen – siebenmal auf dem Podest
Seither legte Vonn einen Steigerungslauf hin, fuhr im vergangenen März in Sun Valley im Super-G erstmals wieder aufs Podest, wurde Zweite. In diesem Winter feierte sie Abfahrtssiege in St. Moritz und Altenmarkt, wurde zudem im Super-G und in der Abfahrt zweimal Zweite und dreimal Dritte. Achtmal startete sie in diesem Winter zu einem Weltcuprennen, siebenmal landete sie auf dem Podest, einzig im Super-G von St. Moritz wurde sie «nur» Vierte – mit dem geringen Rückstand von 0,27 Sekunden auf Siegerin Alice Robinson. Die Speed-Queen war endgültig zurück.
Mit ihren Leistungen hatte sie sich auch in den Kreis der Favoritinnen für die Olympischen Spiele in Cortina katapultiert. Aktuell steht sie bei 84 Weltcupsiegen und 145 Podestplätzen, nur ihre Landsfrau Mikaela Shiffrin ist noch erfolgreicher (108 Siege, 166 Mal in den Top 3). Vonn schien unaufhaltbar ihren nächsten Olympiamedaillen entgegen zu rasen, nachdem sie 2010 in Vancouver Gold in der Abfahrt und Bronze im Super-G und 2018 in Pyeongchang Bronze in der Abfahrt gewonnen hatte. Doch dann kam Crans-Montana.
Der fatale Abflug im Fuchsloch
Heute vor einer Woche stürzte die mittlerweile 41-jährige Rennfahrerin bei der später abgebrochenen Abfahrt im «Fuchsloch» und landete in den Fangnetzen. Dabei zog sie sich im linken Knie einen kompletten Riss des vorderen Kreuzbandes zu, dazu kamen Knochenprellungen und Schäden im Meniskus. Nach drei Tagen Physiotherapie und ärztlichen Besprechungen kehrte sie am Dienstag wieder auf die Ski zurück, mit gutem Gefühl: «Es fühlt sich stabil und stark an.» Ihr Knie sei nicht geschwollen, «daher will ich es versuchen. Obwohl ich weiss, dass ich nicht mehr die gleichen Chancen haben werde wie zuvor».
Es sei natürlich nicht das, worauf sie gehofft hatte, sagte Vonn in diesen Tagen. Aber was sollte sie anderes tun, als «meine Frau stehen, Hoffnung haben und der Welt beweisen, dass Amerika viel mehr ist» als die schlechten Nachrichten aus ihrer Heimat, die gerade die Welt erschütterten? Auch deshalb will sie nochmals das Risiko eingehen, einmal mehr ihre Gesundheit aufs Spiel setzten, nachdem sie schon so oft in den Fangnetzen und auf Operationstischen gelegen hat. Doch der Grat zwischen sportlichem Erfolg und Ruhm und Verletzungen ist schmal, gerade bei ihr.
Einmal mehr im geschätzten Rampenlicht
Heute folgt für Vonn nun ein weiterer richtiger Test, wenn sie mit der Nummer 10 ins erste Training auf der Olympia delle Tofane geht. Damit steht die Amerikanerin in Cortina, wo sie schon zwölf Weltcuprennen gewonnen hat, einmal mehr im Rampenlicht. Und die Präsenz auf der grossen Bühne scheint sie zu geniessen. Seit Jahren teilt sie ihr Leben in den sozialen Medien. Veröffentlicht Bilder vom Trainingsalltag, aber auch von privaten Momenten im Bikini am Strand – oder früher auch ihre Liebesgeschichten mit Superstars wie Golf-Ass Tiger Woods oder Eishockey-Crack P.K. Subban.
Lindsey Vonn und ihre Rückkehr an die Olympischen Spiele – es ist eine Geschichte, die man besser fast gar nicht erfinden kann. Offen ist noch, wie sie endet. Mit einer Medaille, gar Gold vielleicht? Oder als Drama mit einer Enttäuschung und Tränen? So oder so ist der 41-jährigen Amerikanerin ein weiterer Eintrag in den Ski-Geschichtsbüchern sicher. Als Speed-Queen, die es als Ex-Rentnerin nochmals allen zeigt. Oder als Drama-Queen, die kurz vor der Erfüllung ihres Traums ebenso brutal wie schmerzvoll gestoppt wird und scheitert.