...und Russland ist nicht mal dabei: Der heisse Tanz um die Hockey-Medaillen
Jetzt geht’s los: Mit der Partie zwischen der Slowakei und Finnland begann heute Nachmittag das Olympische Eishockeyturnier. Mit zwei grossen Favoriten aus Nordamerika, einem skandinavischen Duo sowie hoffnungsvollen Schweizern. Aber auch Erzrivale Deutschland und Tschechien sollte man definitiv auf der Rechnung haben. Unser Blick auf die grössten Turnierfavoriten.
Kanada
Pro
Das talentierteste und breiteste Roster des gesamten Turniers. Angeführt von Captain Sidney Crosby und den Nummern 1 (Connor McDavid), 2 (Nathan MacKinnon) und 4 (Macklin Celebrini) der NHL-Scorerliste. Dazu der vermutlich weltbeste Verteidiger in Cale Makar und mit Jon Cooper (Tampa Bay) einen erfahrenen Bandengeneral, der diese Bezeichnung auch verdient. Wer oder was soll diese Kanadier stoppen?
Kontra
Gibt es eine Schwachstelle im kanadischen Team? Wenn ja, vermutlich auf der Torhüterposition, wo der letztjährige 4-Nations-Starter Jordan Binnington (St. Louis) eine bislang eher unterdurchschnittliche Saison spielt. In Backup Logan Thompson (Washington) verfügen die Ahornblätter aber über eine absolut fähige 1b-Option (neuntbeste Fangquote der NHL mit 91,20%).
X-Faktor
Wie schnell finden die Kanadier in Italien zu einer schlagkräftigen Truppe zusammen und wie gut kommen sie mit den lokalen Gegebenheit in Mailand zurecht? Zwei Fragen, auf die die Kanadier nicht bereits zu Turnierbeginn eine Antwort geben müssen. Das gilt auch für X-Faktor #3 – wie schwer lastet die Bürde des Favoriten auf den Spielern von Head Coach Jon Cooper? Zuletzt brachten die Kanadier 2014 Gold nach Hause.
USA
Pro
Auch ohne Weltmeistertitel im Frühjahr wären die Amerikaner mit breiter Brust nach Italien gereist – schliesslich ist Selbstvertrauen quasi Teil ihrer DNA. Aber auch auf dem Papier verfügt Head Coach Mike Sullivan (NY Rangers) über eine ausgezeichnete Truppe, mit Playmakern wie Auston Matthews und Jack Eichel, zähen Leadern wie den Gebrüdern Tkachuk und einem überragenden Verteidigungsminister in Quinn Hughes. Und auch in der zweiten Garde rund um Buffalos Tage Thompson, Columbus’ Zach Werenski oder New Jerseys Jake Hughes steckt viel offensives Potential.
Kontra
Kaum zu glauben: Die Amerikaner unter GM Billy Guerin erlauben sich den Luxus, drei ihrer vier besten Skorer der laufenden NHL-Saison zu Hause zu lassen (Dallas’ Jason Robertson, Montreals Cole Caufield und Detroits Alex DeBrincat). Das könnte schnell für Diskussionen sorgen, sollte der Start ins Turnier nicht wie erhofft gelingen. In der schwächsten Vorrundengruppe dürften die Amis – wenn überhaupt – nur von Deutschland wirklich getestet werden.
X-Faktor
Ist die Torhüterposition im Team der USA eine Stärke oder eher eine Schwäche? Starter Connor Hellebuyck gilt in gewissen Kreisen als bester Keeper der Welt, konnte diese Vorschusslorbeeren im Laufe seiner Karriere allerdings nicht immer rechtfertigen. Kann er (oder einer aus dem Duo Jake Oettinger / Jeremy Swaymann) sich rechtzeitig steigern? Hellebuycks Playoff-Statistiken sind nicht unbedingt ein gutes Omen für die Amerikaner.
Schweden
Pro
Der Olympiasieger von 1994 und 2006 weiss wie’s geht. Und auch in diesem Jahr verfügen die Schweden über einen breiten, ausschliesslich aus NHL-Spielern bestehenden Kader, von dem Nationen wie die Schweiz, Deutschland oder auch Tschechien nur träumen können. Aus dem starken Kollektiv heraus ragen die beiden Verteidiger Victor Hedman (Tampa Bay) und Rasmus Dahlin (Buffalo) sowie die Stürmer William Nylander (Toronto) und Filip Forsberg ( Nashville).
Kontra
Irgendwie haben die Schweden in den letzten Jahren das gewisse Etwas verloren. Auf internationaler Bühne gelang zuletzt 2018 ein echter Exploit (WM-Titel) und im diesjährigen Olympia-Kader gibt es vor allem im Sturm und auf der Torhüterposition Fragezeichen. An beiden Enden fehlen den Tre Kronor aktuell die Spielerpersönlichkeiten, die in der Vergangenheit immer wieder für den Unterschied sorgten. Und habe ich schon erwähnt, dass die designierten Leader Hedman und Nylander eben erst aus längeren Verletzungspausen zurückgekehrt sind?
X-Faktor
Die Torhüter-Position. Die ist mit Filip Gustavsson, Jesper Wallstedt und Jakob Markström eigentlich gut besetzt, jedoch performt insbesondere Markström in dieser Saison viel zu inkonstant. Dafür dürfen die Schweden offensiv auf eine kleine Portion «Extra» hoffen: Findet Leo Carlsson (Anaheim) nach seiner Verletzung zur Form der ersten Saisonphase zurück, könnte er für «Sverige» zum Unterschiedsspieler werden.
Finnland
Pro
Die erfolgreichste olympische Eishockey-Nation der letzten 20 Jahre? Finnland mit vier Medaillen an den letzten fünf Spielen. Zuletzt holten sich die Finnen 2022 sogar Gold mit einem Team gespickt mit National-League-erprobten Legionären. Das wird in diesem Jahr nicht der Fall sein (müssen). Im von den Stars Miro Heiskannen (Dallas), Mikko Rintanen (Dallas) und Sebastian Aho (Carolina) angeführten Kader sind mit Ausnahme von Fahnenträger Mikko Lehtonen (ZSC Lions) nur NHL-Cracks am Werk.
Kontra
Dieser Verlust ist für eine Nation von der Grösse Finnlands normalerweise nicht aufzufangen: Aleksander Barkov, weltbester Zweiweg-Center steht Suomi nach einem in der Saisonvorbereitung erlittenen Kreuzbandriss nicht zur Verfügung. Autsch!
X-Faktor
Der berühmte finnische Teamspirit, der die Mannschaft von Trainer Antti Pennanen und Assistent Ville Peltonen (Servette) in den letzten Jahren zu erstaunlichen Erfolgen getragen hat. Zuletzt zeigten sich die Finnen an der WM jedoch zweimal eher uninspiriert. Raufen sich die Nordländer noch einmal zu einem ausserordentlichen Effort zusammen?
Tschechien
Pro
Der Weltmeister von 2024 erlebte in den vergangenen Jahren ein internationales Revival. Getragen von offensiven Ausnahmespielern wie David Pastrnak (Boston), Martin Necas (Colorado) oder Tomas Hertl (Las Vegas) können die Tschechen an einem guten Tag jedem Gegner gefährlich werden. Insbesondere, wenn Torhüter Lukas Dostal seine Form aus den letzten neun NHL-Spielen mit Anaheim (93% Fangquote) nach Mailand mitgenommen haben sollte.
Kontra
Wie schlägt sich die tschechische Verteidigung im Vergleich mit den weltbesten Stürmern? Eine berechtigte Frage angesichts der Tatsache, dass sie mit dem 35-jährigen Radko Gudas (Anaheim) und Filip Hronek (Vancouver) «nur» gerade mit zwei NHL-Legionären bestückt ist. Einer der «Non-NHL»-Cracks, der sich in Mailan beweisen darf: Servettes Jan Rutta als einer von drei NL-Spielern im Kader (neben Matej Stransky und Dominik Kubalik).
X-Factor
Kann sich das alternde Genie auch gegen die Besten der Besten behaupten? Die Rede ist natürlich vom mittlerweile 40-jährigen Roman Cervenka, zweifacher NL-MVP, der sich in Mailand der vermutlich letzten grossen Herausforderung seiner Karriere stellt. Falls er noch kann – insbesondere als Dreh- und Angelpunkt im tschechischen Powerplay – wäre das für sein Team ein grosses Plus.
Deutschland
Pro
Der Sensations-Silbermedaillengewinner von 2018 reist mit dem wohl talentiertesten deutschen Team aller Zeiten nach Italien. Edmonton Oiler Leon Draisaitl bedarf keiner weiteren Vorstellung, aber in seinem Schatten hat sich in diesem Jahr auch Ottawa-Center Tim Stützle zu einem Top-15-Skorer in der besten Liga der Welt entwickelt. Und habe ich schon erwähnt, dass Deutschland in Moritz Seider (Detroit) auch über einen sehr talentierten jungen Verteidiger verfügt? Der 24-Jährige gilt als künftiger Norris-Trophy-Kandidat.
Kontra
Die Deutschen haben Draisaitl, Stützle, Peterka (Utah) und Seider, aber sie auch die dünnste NHL-erprobte Spielerdecke aller potentiellen Medaillenkandidaten. Insbesondere in der Verteidigung muss Bundestrainer Harold Kreis fast ausschliesslich (Seider) auf heimisches Schaffen vertrauen. Und das könnte bei aller Kampfkraft in den entscheidenden Spielen zum Problem werden.
X-Faktor
Keeper Philipp Grubauer. Der ist in Seattle in dieser Saison zwar nicht erst Wahl, weiss aber durchaus zu überzeugen, wenn er zum Einsatz kommt (Fanquote von 91,6). Nur wenn der erfahrene Rosenheimer auch in Mailand gross auftrumpft, kann sich Team Germany Aussenseiterchancen auf eine Medaille ausrechnen.
Schweiz
Pro
Ja, die Schweiz hat Roman Josi, Nico Hischier und Kevin Fiala. Sie hat JJ Moser und Timo Meier, Nino Niederreiter, Jonas Siegenthaler und Pius Suter sowie die NL-Cracks Sven Andrighetto und Denis Malgin. Aber vor allem hat sie: Momentum und eine eindeutige, gewachsene Identität. Noch nie vereinte eine Schweizer Auswahl so viel Talent, Kampfkraft und Selbstvertrauen in einem Team. Das muss nicht, kann aber viel Wert sein.
Kontra
Es ist, wie es ist - die Schweiz verfügt nicht über die Kaderbreite und Qualität der absoluten Top-Nationen. Werden die Medaillen strikte nach der Anzahl an NHL-Spielern im Team verteilt, guckt unsere Nati irgendwann im Verlauf des Turniers in die Röhre. Dann, wenn unsere Top-Shots damit beschäftigt sind, die kanadischen und amerikanischen Superstars zu neutralisieren und andere im Team für den Unterschied sorgen müssen.
X-Faktor
Zwei Faktoren können den Turnierausgang für die Schweiz erheblich beeinflussen. Zum einen die Form eines Timo Meier, Nino Niederreiter, Nico Hischier, Kevin Fiala, Pius Suter oder Philip Kurashev, die im bisherigen Saisonverlauf teilweise zu kämpfen hatten oder zuletzt verletzt ausfielen. Und zum anderen die Leistungen des Schweizer Goalie-Duos Genoni / Schmid, wobei Letzterer wohl nur dann zum Faktor werden dürfte, wenn Ersterer entweder Mühe bekundet oder sich verletzt. Beschliesst die langjährige Nr. 1 Genoni Olympiasieger zu werden, ist das ein grosser Pluspunkt.