Vom Team bis zum Groove – das spricht für einen Thuner Meister-Coup
Der FC Thun eilt in der Super League von Erfolg zu Erfolg, lässt sich nicht stoppen. Die Berner Oberländer als Meister? Es war vor nicht allzu langer Zeit ein märchenhafter Gedanke. Doch nun wird diese Cinderella-Story immer realer. Fünf Gründe, weshalb die Berner Oberländer den Coup schaffen,
22 Spiele, 49 Punkte und die klare Leaderposition: Der FC Thun surft auf der Erfolgswelle. In den letzten zwei Meisterschaftsspielen traf das Team von Mauro Lustrinelli auf die eigentlichen Liga-Giganten Young Boys und FC Basel – und gewann sechs Punkte. Es waren die Siege Nummer 4 und 5 in Folge, was unterstreicht, dass das Gewinnen bei den Berner Oberländern in der DNA Einzug gehalten hat. Noch haben sie 16 Spiele zu bestreiten, doch aktuell scheint nicht die Frage zu sein, ob der kleine FC Thun den grossen Triumph schafft und als Aufsteiger Meister wird, sondern wann der Titelgewinn sicher ist. Wir nennen fünf Gründe, weshalb die Berner Oberländer reif sind für den Titel.
Das Team
Der FC Thun ist kein Starensemble, sondern eine verschworene Truppe, in der sich auch Desperados finden, die hier ihre fussballerische Bestimmung gefunden haben. Captain Marco Bürki (32) und Mittelfeldspieler Leonardo Bertone (31), beide einst Meister mit den Young Boys, performen beim Aufsteiger Woche für Woche auf höchstem Niveau und verleihen der Mannschaft Stabilität. Dazu kommen Talente wie der Zürcher Elmin Rastoder (22), der als einstiger GC-Junior via Vaduz in Thun gelandet ist und mit acht Treffern seine Qualität unter Beweis stellt. Entsprechend ist auch sein Marktwert rapide gestiegen, liegt nun bei einer Million Euro. Auch dank Rastoder konnte zuletzt auch die Verletzung von Top-Torschütze Christopher Ibayi (neun Saisontore) verkraftet werden.
Ein anderer spannender Spieler ist das Eigengewächs Franz-Ethan Meichtry. Der 20-jährige Mittelfeldspieler steht bereits bei sechs Saisontoren und hat seinen Marktwert in dieser Saison von 300'000 Euro auf zwei Millionen katapultiert. Zudem ist das Transferfenster aktuell noch offen, so dass die Thuner auf der einen oder anderen Position noch nachlegen können. Dies wohl in erster Linie im Sturm, wo Ibayi noch für unbestimmte Zeit ausfällt. Eine Verpflichtung von GC-Stürmer Nikolas Muci zerschlug sich – er versucht sich in der Serie B bei Mantova. Gerüchten zufolge sind die Thuner nun an Furkan Dursun interessiert. Der 20-jährige Österreicher ist bis Ende Saison von Rapid Wien an den Zweitligisten St. Pölten ausgeliehen und hat in 16 Spielen drei Tore und fünf Assists erzielt.
Der Trainer
Mauro Lustrinelli arbeitet seit dreieinhalb Jahren beim FC Thun und hat den Klub zuerst in die Super League und dann an die Spitze geführt. Er hat eine schlagkräftige Truppe aufgebaut, die mit breiter Brust in die Spiele geht. Die Thuner überzeugen durch Stabilität, Leidenschaft, Intensität, Entschlossen- und Geschlossenheit. Zudem verfügen sie in den entscheidenden Momenten auch über das nötige Wettkampfglück. So etwa, weil beim FC Basel Ausnahmespieler Xherdan Shaqiri ausgerechnet am vergangenen Wochenende gegen die Berner Oberländer gesperrt fehlte. Wie ausgeglichen die Thuner sind, zeigt sich auch in der Tabelle – die Thuner haben: am meisten Punkte (49), am meisten Siege (16), am wenigsten Niederlagen (5), am meisten erzielte Tore (48), am wenigsten Gegentore (26).
«Jeder Spieler weiss, was in welcher Situation zu tun ist, nun geht es darum, Details zu verfeinern», erklärte Captain Marco Bürki zuletzt. «Zudem verlangt vor allem auch Mauro Lustrinelli, dass wir jeden Tag besser werden wollen.» Ähnlich tönt es bei Leonardo Bertone: «Der Trainer lebt uns jeden Tag vor, dass das Team das wichtigste ist und dass man nur mit Energie und harter Arbeit Erfolg haben kann. Er verlangt sehr viel, aber deshalb sind wir auch dorthin gekommen, wo wir jetzt stehen. Wir haben alle noch lange nicht genug – vor allem auch er nicht. Es ist wirklich wichtig, jemanden zu haben, der vorangeht und das vorlebt.
Der Groove
Wenn Aussenseiter an die Spitze stürmen, entsteht immer eine spezielle Stimmung. Plötzlich ist das Gefühl da, Bäume ausreissen und Berge versetzen zu können. Das war schon so, als Kaiserslautern 1998 als Aufsteiger Meister wurde oder als Leicester City 2016 in der Premier League triumphierte. In Thun ist der Spirit ein spezieller Trumpf. «Bei uns werden Werte gelebt. Nach dem gemeinsamen Mittagessen spielen wir beispielsweise Karten, statt dass einer mit Kopfhörer Musik hört und der andere am Handy ist. Wir machen etwas mit der Mannschaft. Bislang sind wir in der Winterpause auch nicht ins Trainingslager gereist, sondern waren gemeinsam in eine Berghütte. Wir sind als Team sehr nahe beieinander», erklärt Captain Bürki, während Mittelfeldspieler Bertone sagt: «Wir sind demütig, wissen, was wir können und über welche Qualitäten wir verfügen. Daran und an unseren Tugenden halten wir auch fest, an der harten Arbeit. Ich habe in den letzten Jahren im Fussball viel erlebt und gesehen, dass die Unterschiede zwischen all diesen Ligen nicht riesig sind und dass man mit harter Arbeit sehr viel erreichen kann. Deshalb ist mir auch klar: Man soll sich keine Limiten setzen.» Und das wird vom ganzen Team gelebt, wie sich beim Sieg gegen den FCB zeigte, das Gewinnen ist zur Selbstverständlichkeit geworden. «Mit dem 1:1 wären wir definitiv nicht zufrieden gewesen. Wir wollen jedes Spiel gewinnen!», sagte Bertone danach. Das Team wisse, «dass wir in den letzten zehn Minuten jeweils einen Gang hochschalten können, und das hat heute wieder geklappt».
Die Statistik
Wer vor der Saison gedacht hätte, dass der FC Thun als Aufsteiger die Super League so dominieren wird, wäre wohl als ahnungslos abgestempelt worden. Doch nun haben die Thuner bereits eine Hand an der Meistertrophäe – zumindest lässt sich das aus den Statistiken lesen. Denn seit Einführung der Super League 2003/04 hat noch kein Leader nach 22 Runden einen solchen Vorsprung verspielt. Nur dreimal wurde der Tabellenführer bei 16 ausstehenden Runden am Ende nicht Meister: 2019/20 lag St. Gallen punktgleich mit YB an der Spitze, konnte dann aber mit den Berner nicht bis zum Ende durchhalten. 2012/13 sowie 2009/10 holte Basel jeweils einen Rückstand von vier Punkten gegenüber GC respektive YB noch auf und gewann in beiden Fällen mit einem Vorsprung von drei Punkten den Titel. Der FC Thun holt aktuell im Schnitt 2,2 Punkte pro Spiel, steht bei 49 Zählern. Meister Basel hatte im vergangenen Jahr nach 22 Spielen nur 40 Zähler auf dem Konto. YB hatte in den Jahren 2023 und 2024 zum gleichen Zeitpunkt 47 Punkte. Und auch ein Blick zum letzten überraschenden Meister, dem FC Zürich in der Saison 2021/22 sorgt für Zuversicht: Die Zürcher lagen damals wie jetzt die Thuner 16 Runden vor Schluss neun Punkte voraus, marschierten dann durch und hatten am Ende 14 Zähler Vorsprung auf den FCB und 16 auf die Young Boys.
Die Gegner
Der sensationelle Höhenflug des FC Thun bedeutet gleichzeitig auch, dass die Gegner nicht auf Touren kommen und ihr Potenzial nicht ausschöpfen. Allen voran die beiden Titanen, die Young Boys und der Double-Gewinner FC Basel. Beide haben schon einen Trainerwechsel hinter sich und haben auch mit den neuen Übungsleitern Gerardo Seoane (YB) und Stephan Lichtsteiner (FCB) äusserst schlechte Karten im Titelkampf. Kantonsrivale YB liegt aktuell 17 Zähler hinter den Thunern – es trennen sie Welten vom Triumph. Der FCB liegt «lediglich» 13 Punkte zurück, hat sich aber durch die Abgänge von Jonas Adjetey und Philip Otele zuletzt selber massiv geschwächt. Gerade der Abgang von Adjetey ist ein Zeichen dafür, dass die wirtschaftliche Stabilität aktuell höher gewichtet wird als der sportliche Erfolg. Und das kann man auch so interpretieren, dass am Rheinknie nicht mehr daran geglaubt wird, den FC Thun noch abzufangen.
So sind wohl der FC Lugano und der FC St. Gallen die aussichtsreichsten Verfolger. Allerdings müssen auch sie darauf hoffen, dass der FC Thun auf der Zielgeraden noch einbricht und nicht damit weiterfährt, das ihn aktuell auszeichnet: aus relativ wenig immens viel herauszuholen. Aktuell spricht also viel, wenn nicht gar alles für den FC Thun als Sensationsmeister. Auch wenn Trainer Lustrinelli den Ball flach hält und sagt: «Es sind noch 16 Spiele, noch 48 Punkte sind zu vergeben. Der Weg ist noch lang. Aber wir geniessen die Reise. Die Freude ist da, in dieser Saison etwas Historisches schaffen zu können.»