Exklusiv - Andres Gerber: «Wir drehen nicht durch, sondern bleiben der FC Thun»
Der Aufsteiger FC Thun zeigt eine sensationelle Saison und stürmt dem Titel entgegen. Die Berner Oberländer überraschen damit die ganze Fussballschweiz – und auch sich selber, wie Präsident Andres Gerber im Interview gesteht.
Neun Spiele vor Schluss auf Platz 1 mit 14 Punkten Vorsprung auf Verfolger St. Gallen. Müssen Sie sich jeden Morgen kneifen, wenn Sie die Tabelle anschauen?
Andres Gerber: Es ist ein lustiger Prozess. Man wird die ganze Zeit und überall auf den FC Thun angesprochen, privat oder im Stadion, bekommt Mails, WhatsApp und andere Nachrichten, es nimmt eine krasse Dimension an. Gleichzeitig herrscht bei uns intern eine schöne Ruhe, eine Gelassenheit. Wir schätzen, was wir haben. Wir haben schon ganz andere Zeiten erlebt und spüren die Freude tief in uns. Aber es ist auch schwierig, weil die Leute ausserhalb so euphorisch sind. Zudem sind wir erfahren genug von unserer Karriere im Profifussball und wissen, wie schnell alles anders sein kann. Wir wollen nicht zu euphorisch sein, das ist vielleicht auch ein wenig ein Schutz.
26 Punkte mehr als die Young Boys, eigentlich ist das unvorstellbar und surreal…
Das ist so! Ich mache nach jeder Runde einen Screenshot meiner Teletext-Seite 203. Das habe ich früher schon ab und zu bei schönen Momenten gemacht, als Erinnerung. Nun kommen immer mehr dazu, es wird gefühlt immer unheimlicher. Wir könnten auch drei Punkte vor St. Gallen liegen und würden sagen: Es ist krass, dass wir Leader sind. Aber 14 Punkte? Das ist doppelt surreal, eine ganz andere Dimension.
Der Derby-Sieg am letzten Sonntag war ein fettes Ausrufezeichen. Einverstanden?
Ja, es war ein cooles Zeichen und eine gute Antwort an alle, die nach dem unglücklichen Remis gegen St. Gallen dachten, dass wir vielleicht anfangen zu schwächeln und nervös werden. In Bern dann gegen die Young Boys zu gewinnen, die zuvor zwei Siege gefeiert hatten, war wirklich ein Statement.
Letztmals habt ihr am 13. Dezember gegen St. Gallen verloren, seither gab es elf Siege und ein Unentschieden. Es ist eine Dominanz à la Bayern…
Das ist ein schöner Vergleich! Bei ihnen ist das alle Jahre so und weniger aussergewöhnlich. Und irgendwie bin ich mit dieser Fragestellung und Begründung überfordert. Wir hatten auch viele Spiele, die vielleicht anders hätten enden können. Und am Ende kann man ewig diskutieren, ob man das Glück auf seine Seite zwingt oder einfach einen Lauf hat. Es muss wohl ein Mix von diversen Dingen sein. Es gibt sicher Erklärungen, doch das ist sehr komplex und in erster Linie psychologisch.
Wie meinen Sie das?
Wir hatten keinen Druck, sind der Aufsteiger, waren zu Beginn unbeschwert und kamen in einen positiven Flow. Es entstand eine Dynamik, alle hatten Selbstvertrauen, während beim Gegner häufig das Gegenteil der Fall war. Weil Thun vorne war, haben sich die Trainer und Sportchefs der Gegner wohl gefragt, wie das möglich ist, während sie selber knorzen. Bis zur Winterpause dachten fast alle, dass es nicht möglich ist, dass Thun vorne ist und sie viel mehr Geld brauchen und viel weiter hinten liegen. Doch da spielen viele Dinge mit. Mit der Zeit realisiert man, dass unser Kollektiv unheimlich gut harmoniert und sich die Kontinuität all dieser Jahre bezahlt macht. Es besteht ein Vertrauensverhältnis, die Abläufe stimmen auf und neben dem Platz. Das hat offenbar einen viel grösseren Einfluss, als sich viele Leute bewusst sind.
Von den Spielern hört man immer zwei Gründe – einen überragenden Teamgeist und einen Trainer, der fordert und fördert, aber nicht überfordert. Wie sehen Sie das?
Das kann man so sagen, wobei es nicht nur der Trainer ist, sondern auch der Staff allgemein. Das möchte ich hervorheben, denn viele sind sich nicht bewusst, welchen Einfluss das hat. Sie sind alle jahrelang dabei, man kennt die Stärken und Schwächen, auch aus schwierigen Zeiten. Das ist ein sehr guter Nährboden, um sich zu entwickeln und Leistung bringen zu können. Das ist bei vielen Klub anders, da besteht Druck, gibt es täglich Kritik, setzt man auf ein anderes System oder wechselt den Trainer. Es herrscht viel mehr Hektik und Nervosität.
Wenn der Aufsteiger so brilliert, weckt ein Trainer automatisch Begehrlichkeiten. Gerade in der Bundesliga soll die Arbeit von Mauro Lustrinelli mit grossem Interesse verfolgt werden. Haben Sie Angst, dass er geht?
Ich versuche das anders anzuschauen, um keine Angst zu haben. Natürlich möchte ich nicht, dass er uns verlässt, genauso, wie das bei Spielern der Fall ist. Es wäre einfacher, wenn alles bliebe, wie es ist. Handkehrum wäre das wohl auch nicht gut. Wir schöpfen mental momentan alles aus, der ständige Fokus braucht Energie, gerade vom Trainer. Dazu kommt der Rummel. Gewisse Dinge müssen einfach sein, Wechsel gehören ebenso zum Geschäft wie dass die Besten weggehen. In der Schweiz sowieso, vielleicht ist das bei Manchester City, Liverpool und Bayern München weniger der Fall. Deshalb: Ich will nicht Angst haben.
Das heisst?
Sportchef Dominik Albrecht und ich sind so lange dabei und kennen das. Es ist eine Herausforderung. Zu versuchen, das Kollektiv so gut wie möglich zusammenzuhalten und dort zu ersetzen, wo es nötig ist. Einige Wechsel schmerzen mehr, andere weniger, das ist einfach so. Zudem ist es auch cool, dass viele Leute des FC Thun begehrt sind, das zeigt, dass wir viel richtig gemacht haben. Gleichzeitig muss man darauf sensibilisieren, dass es auch schwierigere Phasen geben kann.
In solchen Zeiten kann man aber einen Klub auch finanziell festigen. Sie haben viele Jahre mitgemacht, in denen jeder Franken mehrmals umgedreht werden musste…
Das ist so, und darauf muss man immer wieder hinweisen. Wir hatten auch früher immer wieder schöne Erlöse, doch es gab eine Obergrenze, da wusste man, dass man von Thun nicht mehr erwarten kann. Im Sommer werden wir diese Grenze wahrscheinlich sprengen, was dem Klub nachhaltig sehr viel bringen wird. Fürs Image, aber auch bei Insidern, Beratern bekommt der FC Thun ein ganz anderes Ansehen. Alles ist mehr wert, das darf man definitiv nicht unterschätzen
Sie sind als Spieler und Funktionär seit über 20 Jahren beim FC Thun. Sind Sie rückblickend froh, dass Sie Thun trotz anderer Optionen immer treu geblieben sind?
Ich habe das nie wirklich in Frage gestellt und bin enorm froh für alles, was ich erlebt habe. Ich fühle mich für mein Amt ziemlich komplett und kann betreffend Erfahrungen aus dem Vollen schöpfen. Dazu gehört auch, dass man teilweise «Dreck fressen» musste. Dass man hinstehen musste und nicht wusste, ob es den Klub am nächsten Tag noch gibt, ob wir die Löhne bezahlen können und die Lizenz erhalten. Wenn man das erlebt hat, ist man demütiger und schätzt es auch, wenn es gut läuft. Ich bin froh um jede Erfahrung, die ich in meinen 33 Jahren im Profifussball machen durfte, auf und neben dem Platz. Dieser Fundus ist definitiv sehr wertvoll.
Ein Meilenstein war wohl der Einstieg des Unternehmers Beat Fahrni vor rund drei Jahren.
Damals hiess es «Sein oder Nichtsein». Wir wussten, dass etwas passieren muss. Ich führte mit vielen Leuten Gespräche und versuchte, sie vom Klub zu überzeugen, was in der Challenge League nicht so einfach war. Als ich dann bei Beat am Tisch sass, schüttete ich mein Herz aus, zeigte, was bei uns läuft und meine Visionen sind. Ich erklärte ihm unsere Situation, ohne etwas rosarot zu färben. Das hat ihn wohl beeindruckt und zum Einstieg bewogen. Ohne ihn wären wir nicht Erster in der Super League, vielleicht würde es den Klub nicht mehr geben. Es war damals ein realistisches Szenario.
Ist Ihr Leben einfacher und unbeschwerter geworden?
Das kann man so sagen. Ich will auf keinen Fall jammern, aber nun haben wir das krasse Gegenteil, was auch überall Begehrlichkeiten weckt. Vieles ist unausgesprochen, aber man spürt es dennoch ein wenig. Jeder Mensch will Anerkennung, was energieraubend und herausfordernd sein kann. Gleichzeitig ist das Grundgefühl einfach schön. Und das tut gut. Man wird anders angeschaut, auch wenn die Werte dieselben sind. Man lernt die Menschheit kennen, es ist wirklich spannend, was da abgeht.
Erfolge wecken Begehrlichkeiten. Haben Sie davor Respekt?
Respekt schon, aber bei uns sind viele Leute ewig da, allen voran Sportchef Domi Albrecht, aber auch andere im Staff oder im Team wie Captain Marco Bürki. Und da merkt man: Die Demut ist bei uns tief verankert. Wir drehen nicht durch, sondern bleiben der FC Thun. Das hat auch mit Menschlichkeit zu tun, respektvoll im Umgang zu sein. Und dankbar zu sein, statt immer noch mehr zu wollen und zu fordern.
Träumen Sie von der Renaissance in der Champions League, in der Sie 2005 gemeinsam mit Mauro Lustrinelli gespielt haben?
Natürlich wäre das schön! Wir sind noch nicht Meister, aber auf sehr gutem Weg und spielen so oder so eine sehr gute Saison. Der Titel wäre das Tüpfchen aufs i, die Champions League die Krone obendrauf. Wir müssten wie 2005 drei Runden überstehen. Und es wäre sehr vergleichbar. Wir waren als Klub noch nicht so weit wie heute, aber auch die Champions League noch nicht.
Champions League bedeutet auch Geld. Haben Sie keine Angst, dass sich der Klub verändert, der Geist verdorben wird?
Nein, denn ich habe wie gesagt das Gefühl, dass wir genügend geerdet sind und dass wir wissen, dass diese Gefahr besteht. Und dass wir so aufgestellt sind, um damit umgehen zu können.
Am letzten Wochenende haben Sie gesagt, dass noch keine Meisterprämien fixiert wurden. Ist das immer noch so?
Es ist zwar noch nicht alles fix, aber wir haben mehr oder weniger eine Lösung. Sie erfolgte sehr einvernehmlich und unaufgeregt. Es ist wichtig, dass diese Frage vor der finalen Phase geklärt ist und Klarheit herrscht. Denn auch wenn alle sagen, dass Geld keine Rolle spielt, kann es im Endeffekt schon Emotionen schüren und für Unruhe sorgen. Deshalb muss man dieses Thema mit der nötigen Seriosität und auch Gelassenheit angehen. Denn in 20 Jahren denkt man nicht an die Prämie zurück, sondern an den Titel. Auch da: Wir wollen weder knausrig, noch überschwänglich sein, sondern einfach vernünftig.
Es gibt auch die Sichtweise, dass Thun als Meister nicht gut ist für den Schweizer Fussball, vor allem wegen der europäischen Bühne. Was sagen Sie dazu?
Ich kann diese Sicht nachvollzieren, vor allem wegen der Ausstrahlung in Europa. Ein Thuner Titel kann sicher Fragen auslösen. Sollte Mainz die Bundesliga gewinnen, würde man sich schon auch fragen, was mit Bayern, Dortmund, Leverkusen und so weiter los war. Man kann sagen, dass der David sensationell gespielt hat und die Goliaths nicht die beste Saison hatten. Ich habe aber nicht das Gefühl, dass ein Thuner Titel dem Schweizer Fussball international Schaden zuführen würde. Zudem haben die Schweizer Klubs in den letzten Jahren sehr wenig Punkte gesammelt, so dass wir im Ranking abgerutscht sind. So gesehen wären wir nicht wahnsinnig unter Druck.
Gleichzeitig gibt es auch Bodö/Glimt, das man sich als Beispiel nehmen kann.
Über sie haben wir schon seit Jahren gesprochen. Sie hatten im Klub einen klaren Plan, verfolgten diesen konsequent und haben sich international etabliert. Sie sind das Beispiel schlechthin, in diese Richtung würden wir sehr gerne gehen. Wir wollten auch schon mal bei ihnen vorbeischauen, doch sie waren zurückhaltend, weil das wohl viele andere Klubs auch wollten.
Wie sieht eurer Plan für die Zukunft aus?
In dieser Saison haben wir vielleicht zwei, drei Schritte übersprungen. Wir dachten, wir seien sehr mutig, als wir als Saisonziel die Top 6 ausgaben, das war atypisch für Thun, nachdem man früher immer den Ligaerhalt als Grundziel genannt hatte. Das bleibt so, für uns wird sich diesbezüglich in den nächsten Jahren nicht viel ändern. Wir werden ähnlich kommunizieren. Aber natürlich wollen wir uns stabilisieren, wobei es im Sommer ein paar Herausforderungen geben könnte. Langfristig würden wir gerne so wie jetzt dastehen. Man spielt nicht Fussball und sagt: Wir wollen gewinnen, aber es spielt auch keine Rolle, wenn wir absteigen.
Aber die Demut bleibt ein Begleiter?
Dass muss so sein. Sonst wäre ich wie ein paar andere hier am falschen Ort. Das ist die Basis.
Darf ich Ihnen abschliessend zum Titel gratulieren?
Nein, wenn ich eine Gratulation annehmen würde, wäre das arrogant. Es kann blöd laufen, man verliert dreimal – und schon wird man ausgelacht. Es macht keinen Sinn.