Marco Bürki: «Wir sind als Team sehr nahe beieinander»
Marco Bürki (32) trifft am Sonntag in der Super League mit Leader Thun auf seinen Stammklub YB, mit dem er einst Meister wurde. Der Thun-Captain erwartet ein cooles Spiel, sieht den Gegner stärker unter Druck, verrät, dass das Wort «Meister» bei den Berner Oberländern nicht tabu ist und will seinen persönlichen YB-Fluch besiegen.
Am Sonntag kommts zum Derby gegen die Young Boys. Wie gross ist die Vorfreude?
Marco Bürki: Die ist sehr gross. Wir haben das letzte Duell gegen YB Ende September nach zwei Gegentoren in den letzten zehn Minuten unglücklich verloren. Es wird nun sicher ein sehr attraktives Spiel für uns alle.
Die Young Boys sind Ihr Stammklub. Haben Sie noch eine Beziehung zu ihnen?
Auf jeden Fall! Ich stehe regelmässig mit Wuschu Spycher in Kontakt, der für mich in meiner Karriere eine wichtige Person war, oder auch mit Kommunikationschef Albert Staudenmann, den ich sehr schätze und seit Ewigkeiten kenne. Bei den Spielern ist der Kontakt zu Gregory Wüthrich am grössten, dazu kommen Christian Fassnacht, mit dem ich bei Thun zusammen spielte, oder Loris Benito. Es gibt einen Gruppenchat ehemaliger und auch aktueller YB-Spieler, in dem wir immer wieder mal etwas reinschreiben. Der Kontakt besteht also nach wie vor.
Läuft der Chat aktuell heiss?
Momentan ist es recht ruhig. (lacht)
In der Saison 2017/18 sind Sie mit den Bernern Meister geworden, allerdings haben Sie damals nur vier Meisterschaftsspiele bestritten. Welchen Stellenwert hat dieser Titel?
Der ist trotzdem sehr gross. Ich spürte damals eine extreme Wertschätzung, wir hatten ein super Team, in dem alle am selben Strang zogen. Ich war ein Teil davon. Es war eine sehr schöne Zeit, mit der ich bis heute gute Erinnerungen verknüpfe.
Ihre fussballerische Destination ist aber der FC Thun, bei dem Sie zwischen 2015 und 2017 spielten und der seit 2021 wieder Ihr Arbeitgeber ist. Einverstanden?
Es passt definitiv. Schon als ich von YB an Thun ausgeliehen war, fühlte ich mich hier sehr wohl und konnte viel profitieren. Seither hat sich viel verändert, aber es passt nach wie vor sehr gut.
Was macht den FC Thun für Sie so einzigartig oder speziell?
Das ist schwierig zu sagen, aber bei uns werden Werte gelebt. Ich kann Ihnen da simple Beispiele geben. Nach dem gemeinsamen Mittagessen spielen wir Karten, statt dass einer mit Kopfhörer Musik hört und der andere am Handy ist. Wir machen etwas mit der Mannschaft. Bislang sind wir in der Winterpause auch nicht ins Trainingslager gereist, sondern waren gemeinsam in eine Berghütte. Wir sind als Team sehr nahe beieinander. Aber klar, bei uns besteht auch weniger Druck als bei YB oder beim FCB, das ist komplett anders und macht einen grossen Unterschied.
Das heisst?
Für die Entwicklung eines Spielers ist der FC Thun eine hervorragende Adresse, dies habe ich während meiner ganzen Karriere auch jedem Spieler gesagt, der sich in einer schwierigen Phase befand oder die Möglichkeit zu einem Wechsel nach Thun hatte. Das sieht man aktuell auch an Kastriot Imeri, der nach herausfordernden Jahren von YB zu Thun gekommen ist und bei uns hervorragend funktioniert.
Nun Ist Thun nach 20 Spielen Leader, hat 14 Punkte Vorsprung auf YB. Es ist märchenhaft…
Es ist hervorragend, was wir in dieser Saison bislang geleistet haben. Es ist von Anfang an super gelaufen und wir konnten das bis jetzt durchziehen. Aktuell geht es gefühlt nur aufwärts.
Müssen Sie sich ab und zu kneifen, wenn Sie die Tabelle betrachten?
Mittlerweile nicht mehr, aber im ersten Teil der Meisterschaft haben Leo Bertone und ich uns schon ab und zu angeschaut und mussten lachen, da es wirklich nicht alltäglich war. Es ist wirklich sehr, sehr schön, was wir zurzeit erleben dürfen.
Zeichnet der Teamgeist die Mannschaft aus?
Es spielen viele Dinge mit. Das Team ist seit Jahren zusammen und der Staff bringt seine Ideen ein. Die Kultur ist sicher ein Faktor, Standards, die wir in der Mannschaft vorleben und die der Staff von uns erwartet. Wir müssen nicht mehr die Grundstruktur herausfinden, die wurde den meisten Spielern bereits eingetrichtert. Das macht es dann auch für neue Spieler einfacher. Jeder Spieler weiss, was in welcher Situation zu tun ist, nun geht es darum, Details zu verfeinern. Zudem verlangt vor allem auch Mauro Lustrinelli, dass wir jeden Tag besser werden wollen.
Auf der Trainerposition hat Thun Kontinuität, das ist ein entscheidender Faktor.
Absolut. In der Challenge League wurden wir mit Mauro Lustrinelli in der ersten Saison Sechster und schaffte den Aufstieg nicht direkt. Aber er konnte in Ruhe arbeiten und sich selber als Trainer weiterentwickeln, was auch für uns Spieler spannend zu sehen war.
Ihr seid als Aufsteiger auf Titelkurs. Ist der Meistertitel intern ein Thema oder ist das Wort wie bei vielen anderen Teams tabu?
Das Wort «Meister» wurde bei uns sicher schon in den Mund genommen, dies vielleicht weniger bei den Spielern als bei den Mitarbeitenden im Büro, wo es einen Plan braucht, wenn es in diese Richtung gehen sollte. Aber in der Kabine konzentrieren wir uns einfach auf die tägliche Arbeit. Das sage ich nicht einfach so, sondern ist ein Fakt und macht die Mannschaft unheimlich gut. Ich habe nie das Gefühl, dass Nervosität herrscht oder dass wir zu weit nach vorne denken. Es ist beeindruckend.
Die Erwartungen waren am Anfang tief, nun steigen sie ständig. Haben Sie Respekt vor dieser Ausgangslage?
Nein. Früher, als ich jünger war, hätte ich es wohl anders gesehen. Aber wir können nicht beeinflussen, ob und wie ausserhalb die Erwartungen steigen und deshalb konzentrieren wir uns auf uns selber und lassen uns nicht ablenken. Ich glaube auch nicht, dass die Mannschaft einen grossen Druck spürt, was wir mit dem ersten Spiel in der Rückrunde zeigen und bestätigen konnten.
Es gibt immer wieder Stimmen, die sagen, Thun könne die Pace nicht durchziehen. Was spricht dafür, dass es euch doch gelingt?
In der Vorrunde hatten wir wenige Verletzungen und konnten unsere Spiele durchziehen, was auch ein Verdienst des Staffs und der guten Arbeit des Kondi-Trainers war. Gleichzeitig hatten wir vielleicht auch ein wenig Glück, dass wir von grösseren Verletzungen verschont blieben. Einzelne kürzere Ausfälle von Stammspielern nutzten andere, um sich aufzudrängen. Ich habe das Gefühl, dass es positiv weitergeht, wenn wir nicht zu grosses Verletzungspech haben und weiterhin in jedem Training alles geben, um uns Schritt für Schritt weiterzuentwickeln.
Gegen YB könnt ihr ein weiteres, fettes Ausrufezeichen setzen…
Das ist absolut so. Das Derby ist immer ein super Match und mit der Tabellensituation, wo sie stehen und wo wir, gibt es sicher ein sehr cooles Spiel.
Im Endeffekt hat Thun weniger zu verlieren als YB. Einverstanden?
YB hat in meinen Augen ganz klar den grösseren Druck, aber das ist bei YB und beim FCB sowieso immer der Fall. Bei den Bernern läuft es nicht wie gewünscht, bei uns dagegen zurzeit absolut wunschgemäss – es sind verschiedene Situationen. Aber wir waren auch schon in der Vorrunde auf einem guten Weg und sie gewannen das Derby…
Gemäss transfermarkt.de haben Sie in Ihrer Karriere von acht Spielen mit Thun und Luzern gegen YB aber noch keines gewonnen, sondern immer verloren…
Ich habe das nicht im Kopf, aber das kann gut der Fall sein.
Es ist nun also definitiv Zeit, den persönlichen YB-Fluch zu besiegen?
Ich glaube zwar nicht an solche Dinge, aber ja, dann nehme ich das in Angriff!
Sie können auch auf die Unterstützung Ihres Bruders Roman zählen, der in der Major League Soccer unter Vertrag steht…
Er war in den Winterferien in der Schweiz, wir sahen uns fast täglich und hatten eine schöne Zeit zusammen. Nun ist er ins Trainingslager geflogen, aber wir hören uns mehrmals pro Woche. Wir haben einen engen Kontakt.