Zum Abschied noch einmal Weltklasse? Wawrinkas finale Hürde ist hoch
Eigentlich hat sein „Goodbye“ bereits begonnen. Dieser Tage bestreitet Stan Wawrinka zusammen mit Belinda Bencic und dem Rest des Schweizer Teams den United Cup in Perth und läutet damit seinen Abschied vom professionellen Tennissport ein. 2026 wird Stans letztes Jahr auf der ATP Tour. Wir werfen einen Blick auf seine Perspektiven und Ziele.
Noch einmal alles investieren
Ein knappes Vierteljahrhundert: So viel Zeit ist seit Stan Wawrinkas Debüt auf der Profitour bereits vergangenen und trotzdem hat der Schweizer Grand-Slam-, Davis-Cup- und Olympiasieger nichts vom (Trainings)Eifer und Erfolgshunger seiner besten Tagen verloren. Mittlerweile ist er der älteste im Einzel noch aktive Profi, nimmt die neue Saison als Weltnummer 156 in Angriff und versprüht dennoch so viel Tatendrang und Spielfreude wie zu seinen besten Zeiten. In seiner letzten Saison, die in diesen Tagen beim United Cup beginnt (nach zwei Siegen steht die Schweiz bereits im Viertelfinale), möchte der Rechtshänder mit der Hilfe seines langjährigen Begleiters und Trainers Magnus Norman noch einmal grosse Spiele bestreiten, Siege feiern und ein letztes Mal unter die 100 besten Tennisspieler der Welt zurückkehren. Ein schwieriges Unterfangen für den Mann, der mit seiner unverkennbaren einhändigen Rückhand mehr als zwei Jahrzehnte lang Tennisfans rund um den Erdball begeisterte.
Möglich – aber auch realistisch?
Zweifelsohne ist Wawrinkas Zielsetzung für seine letzte Profisaison sehr ambitioniert. Der Romand mag an einzelnen Tagen noch Weltklasse darstellen, auf Dauer konnte er sein ehemals grossartiges Format in den letzten beiden Jahren jedoch weder auf Stufe ATP noch an den Grand-Slam-Turnieren unter Beweis stellen. Zum bis jetzt letzten Mal stand „Stan the Man“ im Oktober 2024 im Viertelfinale eines ATP-Turnieres (Stockholm) und auch auf Grand-Slam-Stufe waren Siege rar (zwei seit Januar 2024), wobei er an den US Open und in Wimbledon aufgrund des Rankings zuletzt nicht mehr im Hauptfeld Unterschlupf fand. Ein Schicksal, dass ihm auch beim Auftakt in die Grand-Slam-Saison 2026 in Melbourne drohen könnte. Ein realistischeres Szenario ist jedoch, dass der AO-Champion von 2014 von den Organisatoren noch einmal eine Wildcard erhält, genau so, wie ihm diese bereits der ATP-250-Anlass in Auckland (ab nächstem Montag) zugesprochen hat. Doch auch mit dieser „Starthilfe“ wird Wawrinkas Weg zurück ein steiniger bleiben. Denn dass der 16-fache Turniersieger aktuell nicht mehr in den Top 100 steht, hat vor allem damit zu tun, dass er in den vergangenen beiden Jahren kaum noch in der Lage war, an zwei oder drei aufeinanderfolgenden Tagen sein bestes Tennis abzurufen.
Paradebeispiel United Cup
Denn an einem bestimmten Tag verfügt der Waadtländer nach wie vor über die Fähigkeit, einer relativ grossen Anzahl an besser klassierten Spielern die Stirn zu bieten. So wie am Wochenende seinen beiden United-Cup-Kontrahenten Arthur Rinderknech (ATP 27) und Flavio Cobolli (ATP 22), denen er beiden während drei Stunden und mehr Paroli bot, am Ende jedoch „nur“ den Franzosen bezwingen konnte. Natürlich hätte Wawrinka auch die Partie gegen Cobolli für sich entscheiden können, am Schluss hatte er aber wohl ein Quentchen Energie weniger im Tank als sein 17 Jahre jüngerer Kontrahent. Von einem dritten Match in Folge, welches er an einem gewöhnlichen Turnier hätte bestreiten müssen, ganz zu schweigen. Kommt hinzu: Wawrinka fehlen nach zwei Jahren ohne regelmässige Siege (ein Sieg gegen einen Spieler aus den Top 30 in 2025) wohl die Prise Nervenstärke und das Selbstvertrauen, die im Tennis unabdingbar sind. Fehlen sie, wird es auch für grosse Champions wie den Romand schwierig, enge Matches für sich zu entscheiden. Entsprechend liegt die Vermutung nahe, die angestrebte Rückkehr in die Top 100 möge für den zweitgrössten Spieler der Schweizer Tennisgeschichte zu einer echten Herausforderung werden. Den Spass am Wettkampf und am Spiel vor Publikum wird sich der älteste Einzelspieler der Tour in seinem letzten Profijahr ohnehin nicht mehr nehmen lassen.