"Es war nicht cool wie eine Achterbahnfahrt"
Kalt ja, cool nein. Es ist erst ziemlich genau drei Monate her, dass Salomé Kora erstmals eine Bobbahn runterraste. Das war bereits genau hier, im Eiskanal von Cortina d'Ampezzo, im Zweier von Inola Blatty. "Es war ein bisschen traumatisch", erzählt die Sprinterin , die als eine von nur drei Schweizerinnen die 100 m unter elf Sekunden gelaufen ist (10,95 im Jahr 2024). "Ich bin sehr erschrocken, vor allem die G-Kräfte haben mich überrascht."
So sehr, dass es fast bei diesem einen Abenteuer geblieben wäre. "Ich kam unten an, fand es gar nicht lustig und fragte mich, wie ich das eine ganze Saison überstehen soll", erinnert sich die 31-jährige St. Gallerin. Kora hatte sich das Bobfahren anders vorgestellt. "Ein bisschen wie eine Achterbahnfahrt, die mag ich. Aber es war gar nicht cool." Doch die Tochter eines Vaters aus Benin und einer Schweizerin blieb dabei und fand doch noch Gefallen an den rasanten Fahrten. "Ein bisschen Angst habe ich aber immer noch", gibt sie zu. "Ich bin jedes Mal froh, wenn ich unten bin."
Dass Leichtathleten zum Bob wechseln, hat eine lange Tradition. Die Kombination aus Kraft und Spritzigkeit, die gerade Sprinter mit sich bringen, ist ideal dafür. Auch Kora hatte bereits vor etwa zehn Jahren erste Anfragen, lehnte aber ab. Den Ausschlag gab am Ende die deutsche Sprinterin Alexandra Burghardt, eine regelmässige Trainingskollegin von Kora. Sie gewann vor vier Jahren in Peking im Schlitten von Mariama Jamanka die Silbermedaille und zwei Jahre später in Paris mit der deutschen Staffel Bronze. Als erst vierte Sportlerin weltweit mit Medaillen bei Winter- und Sommerspielen. Vor zwei Jahren beschäftigte sich Kora dann konkreter mit dem temporären Wechsel zum Bobsport, im vergangenen Sommer fasste sie den Entscheid.
Ihre Unerfahrenheit in der neuen Welt zeigt sich bei der zweiten Aufgabe einer Anschieberin deutlicher. "Ich warte immer, bis mir die Pilotin im Ziel sagt, dass ich bremsen soll", erzählt Kora lachend. Erfahrene Anschieber wissen das von alleine. "Aber ich habe immer Angst, dass ich zu früh bremse." Ein anderer Unterschied zum Sprint: "Ich war sehr beeindruckt, wie viel Arbeit es neben den einzelnen Fahrten gibt." Stundenlang werde in den Garagen und Kellern an den Schlitten und den Kufen gearbeitet.
Die Ostschweizerin wird nun am Freitag, wenn sie zum ersten Durchgang im Zweier antritt, zur ersten Schweizerin mit Olympia-Einsätzen im Winter und Sommer. Sie stösst dann nicht mehr den Schlitten von Blatty an, sondern denjenigen der Junioren-Weltmeisterin Debora Annen. Blatty schaffte die Olympia-Qualifikation in ihrer ersten Weltcupsaison knapp nicht, Kora als zweitbeste Schweizer Anschieberin bei den Athletiktests aber schon.
Im Sommer war sie 2016 in Rio, 2021 in Tokio und 2024 in Paris am Start, in Japan verpasste sie mit der herausragenden Schweizer Sprintstaffel eine sensationelle Medaille als Vierte nur knapp. Mit einem Vergleich zu den Sommerspielen tut sich Kora etwas schwer. Es soll nicht despektierlich wirken, wie sie versichert. "Es ist recht anders, aber es ist nicht eines cooler als das andere", stellt sie fest. "Bei den Sommerspielen sind es ganz andere Dimensionen. Hier ist es mega klein und intim, aber sehr schön. Dieses Olympiagefühl ist definitiv da."
Salomé Kora will dieses auch noch ein weiteres Mal spüren, dann wieder in wärmeren Gefilden. Ihr letztes grosses Ziel sind die Sommerspiele 2028 in Los Angeles. Aller Voraussicht nach wird dies deshalb ihre einzige Saison im Bobsport bleiben. Die St. Gallerin schliesst nicht aus, bei Bedarf noch einmal im Eiskanal auszuhelfen, doch ab Sonntag gilt die Konzentration wieder der Leichtathletik. Eine Woche später fasst sie sogar einen Start an den Schweizer Hallenmeisterschaften ins Auge. Denn sie fühlt sich gut in Form, das Training fürs Anschieben unterscheide sich nicht sehr von demjenigen im Sprint.
Zur Verbesserung des 4. Platzes von Tokio dürfte es dem zweitbesten Schweizer Frauenteam am Freitag und Samstag wohl nicht reichen. Hoch gestecktes Ziel ist ein Diplom. So oder so: Nach schwierigem Beginn findet es Kora im Bob mittlerweile doch cool. Auch wenn sie es nicht gerne kalt mag.