"Fast jede Lösung ist besser als der Status quo"
Urs Kessler ist seit einem halben Jahr Verwaltungsratspräsident von Swiss Ice Hockey. "Es ist fünf nach zwölf", sagt er im Interview mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA.
Urs Kessler, als Ihnen Martin Steinegger Ende 2024 beim Skifahren vorschlug, Präsident des Schweizer Eishockeyverbandes zu werden, war Ihre erste spontane Reaktion: "Nur das nicht". Warum haben Sie sich dennoch entschlossen, diese herausfordernde Aufgabe anzunehmen?
"Nach 38 Jahren bei den Jungfraubahnen, davon 17 als CEO, und der erfolgreichen Realisierung des Generationenprojekts V-Bahn von über 500 Millionen Franken sagte ich, dass ich nun das Leben geniessen möchte, statt gleich wieder eine neue Aufgabe zu übernehmen. Es war mir bewusst, dass der Eishockeyverband mit seinen Strukturen eine grosse Herausforderung ist und es bei verschiedenen Vorgängern Schwierigkeiten gab. Am Schluss war die Leidenschaft für das Eishockey ausschlaggebend. Deshalb ging ich mich bei den 14 CEOs der National-League-Vereine vorstellen. Als diese dann im Februar 2025 einstimmig Ja sagten, konnte ich fast nicht mehr Nein sagen."
Woher kommt die Leidenschaft fürs Eishockey?
"Der Vater meiner Frau hat auf höchstem Niveau Eishockey gespielt. Ich selber hatte zu wenig Talent, aber die Sportart gefiel mir stets. Ich mag neben der Schnelligkeit die Bodenständigkeit im Eishockey. Diesbezüglich hat es eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Schwingen."
Sie haben eine grosse Führungserfahrung. Inwiefern hilft Ihnen diese?
"Ein Unternehmen zu führen ist etwas ganz anderes, als einen Verband zu führen. Schon im Tourismus gab es viele Meinungen, im Eishockey scheint jedoch fast jeder ein Experte zu sein. Was ich im Eishockey lernen musste, ist, stets Kompromisse zu suchen, wobei man es nie schafft, dass alle zufrieden sind. In den verschiedenen Ligen gibt es viele Einzelinteressen. Es ist sehr schwierig hinzubekommen, dass alle am gleichen Strick ziehen. Eine der grossen Herausforderungen für die Swiss League ist, dass es extrem schwierig ist, aufzusteigen - die Durchlässigkeit fehlt. Die National League ist fast eine geschlossene Liga. Dadurch hat die Swiss League etwas an Attraktivität eingebüsst, das muss man ehrlich sagen. Und ohne Auf- und Abstieg wird der Gap immer grösser. Es ist ein ausgeprägtes Gärtchendenken vorhanden, dabei sollte das Gesamtinteresse im Schweizer Eishockey immer im Vordergrund stehen."
Ist ein Kompromiss mit der National League überhaupt möglich?
"Ich sage immer: Die grösste Gefahr für morgen ist der Erfolg von heute. Wenn es nicht gut läuft, ist die Kooperationsbereitschaft viel höher. Die National League macht im Moment vieles richtig, das Produkt boomt. Es gab zwei Titel in der Champions Hockey League. Die Liga hat sicher auch davon profitiert, dass gute Spieler aus der KHL in die Schweiz kamen. Die Qualität ist gestiegen, und am Ende des Tages gibt der Erfolg einem immer recht. Aber langfristig gesehen geht es um die Basis. Das unterscheidet uns von den skandinavischen Ländern. Diese haben eine viel breitere Basis. Unsere Denkweise sollte langfristig sein, um zum Beispiel bis 2035 das Beste für das Eishockey hierzulande herauszuholen. Mit Blick auf die Zukunft beobachte ich beispielsweise die Entwicklung des U18-Nationalteams (ist aus der höchsten Division abgestiegen) genau. Wir sollten darauf achten, den Anschluss zu behalten und die richtigen Weichen für die kommende Generation zu stellen."
Was konkret kann der Verband machen, um die Gesamtinteressen zu fördern?
"Wir müssen selbstkritisch sein und uns in allen Bereichen verbessern und weiterentwickeln. Es gilt für uns, schlanker und effizienter zu werden. Eine erfolgreiche Zusammenarbeit erfordert das Engagement beider Seiten, National League und Verband. Eine Schweizer Eishockey-AG - alles unter einem Dach - würde den Teamspirit fördern und Reibungsverluste minimieren."
Was wäre für Sie das Wunschszenario bezüglich National und Swiss League?
"Optimal wären je zwölf Teams, aber das ist im Moment aufgrund der Angst vor dem Abstieg nicht realistisch. Wir benötigen jedoch - in welcher Form auch immer - eine starke zweite Profiliga. Wir müssen alle Varianten prüfen. Ich könnte mir Farmteams vorstellen oder Mannschaften mit Junioren. So oder so muss die Swiss League neu kommerzialisiert und positioniert werden. Da besteht dringender Handlungsbedarf. Wir verlieren viele Spieler im System, die es nicht ganz nach oben schaffen. Solche gilt es zu halten, denn es gibt zahlreiche Spieler, die den Knopf erst später aufmachen. Für mich ist es nicht fünf vor zwölf, sondern fünf nach zwölf. Wir müssen dringend handeln, und fast jede Lösung ist besser als der Status quo. Eine Möglichkeit könnten 20 Mannschaften in der zweithöchsten Liga sein - zehn im Osten, zehn im Westen. Derbys steigern die Attraktivität. Man muss einen Konsens finden. Es kann nicht mehr so weitergehen."
Was kann der Verband machen, um die Swiss League zu stärken?
"Um die Fernsehpräsenz zu erhöhen, sind Investitionen in die Infrastruktur nötig. Auch die Gewinnung neuer Sponsoren bleibt eine anspruchsvolle Aufgabe. Das Engagement von Burger King ist der erste Schritt, aber es braucht weitere. Nochmals: Wir müssen uns alle an einen Tisch setzen. Die Kommunikation ist die meistunterschätzte Führungseigenschaft. Wir müssen untereinander wieder mehr kommunizieren und nicht nur die Swiss League für sich, die National League für sich und der Amateurbereich für sich. Nichts schadet mehr als Unruhe."
Als CEO waren Sie es sich gewohnt, dass Ihre Entscheide umgesetzt werden. Nun sind Sie stärker von anderen abhängig. Wie schwierig ist das?
"Das musste ich lernen. Ich schrieb meine Ideen voller Enthusiasmus auf und machte eine harte Landung. Die Wege sind viel länger. Zudem versteht gefühlt jeder etwas vom Eishockey. Zeitungen leben von Schlagzeilen. Es wird im Eishockey sehr viel polemisiert. Das ist manchmal nicht förderlich."
Ein wichtiger Punkt, den Sie schnell regeln konnten, war die Nationaltrainer-Frage. Wie sehr bedauern Sie den Abgang von Patrick Fischer?
"Ob im Geschäftsleben oder im Sport ist es immer schwierig, den richtigen Zeitpunkt für den Rücktritt zu finden. Es gibt immer ein Für und Wider. Ich bedaure den Abgang sehr. Patrick Fischer ist der erfolgreichste Schweizer Nationaltrainer aller Zeiten. Er macht einen hervorragenden Job. Das gilt auch für Lars (Weibel, Direktor Sport beim Verband, der ebenfalls geht). Die beiden harmonieren sehr gut und haben es immer geschafft, dass die NHL-Spieler kommen. Es besteht ein guter Teamgeist. Es war jedoch wichtig, Ruhe zu haben, um eine erfolgreiche Heim-WM zu ermöglichen. Jan Cadieux (Fischers Nachfolger) hat einen sehr grossen Leistungsausweis. Ich bin überzeugt, dass es der richtige Weg ist, aber Cadieux steht auch vor einer sehr grossen Herausforderung. Realistisch betrachtet hat die Nationalmannschaft in den letzten Jahren das absolute Optimum herausgeholt."
Sie haben die Heim-WM erwähnt. Welches Vermächtnis soll sie hinterlassen?
"Es soll eine Euphorie entfacht werden. Ich sehe sie als grosse Chance, viele Kinder für das Eishockey zu begeistern. Wichtig ist aber, dass dies nicht nur in den Regionen der Grossklubs der Fall ist, sondern auch in der Peripherie. Ich glaube, das ist enorm wichtig. Wesentlich zur Euphorie kann ein erfolgreiches Abschneiden beitragen. Es ist wichtig, sich ambitiöse Ziele zu setzen, darum geben wir alles für den grösstmöglichen Coup. Jedoch wäre schon eine Medaille im eigenen Land schön, weil der Druck höher ist als bei einer WM an einem anderen Ort."