"Fast Rast" versöhnt sich mit Olympia
"Fast Rast" schreiben die Kollegen von Camille Rast auf einen Karton - und die 26-jährige Walliserin mit den Nerven aus Stahl liefert eindrücklich ab. Einzig die Weltcup-Rekordsiegerin Mikaela Shiffrin bleibt für sie ausser Reichweite. Aber: "Der 2. Platz ist schon auch gut. Ich bin wirklich zufrieden."
Das hatte in den letzten Tagen noch anders getönt. Was hatte Rast über den ihrer Meinung nach viel zu einfachen Slalomhang gewettert, von einer "Juniorenpiste" hatte sie gesprochen, eines Olympiarennens nicht würdig. Am Ende thronen aber die beiden besten Slalomfahrerinnen der Saison über allen anderen, wenig selektiver Kurs hin oder her.
Taktik sei das nicht gewesen, versichert Rast. "Es war auch keine Negativität, sondern einfach ein Fakt. Es ist eine flache Piste, und das ist nicht mein bevorzugtes Terrain." Dennoch schafft sie es, mit der richtigen Einstellung an den Start zu gehen und, wie es die Aufforderung der Kollegen mit dem Karton verlangt, schnell den Slalomkurs runterzurasen. "Ich hatte heute mega Lust, schnell Ski zu fahren", so Rast. Und sie habe sogar noch mehr Druck verspürt, weil sie beweisen wollte, dass sie auch auf einem Kurs schnell sein könne, der ihr nicht entgegenkomme.
Die Walliserin aus der Region von Crans-Montana stellte einmal mehr unter Beweis, welch gute Wettkämpferin sie ist und wie gut sie auf den Punkt bereit sein kann - dabei fuhr sie erst vor etwas mehr als einem Jahr erstmals im Weltcup aufs Podest. Sie musste viele Widerstände überwinden, vom Pfeifferschen Drüsenfieber mit 18 und einer folgenden Depression bis zu einem Kreuzbandriss vor sechs Jahren, ansonsten hätte sich die Juniorenweltmeisterin von 2017 viel früher in die Weltspitze etabliert.
Ihre mentale Stärke demonstrierte sie nach der Enttäuschung im Riesenslalom (12.) nun auch in Cortina. Mit dem ersten Lauf war sie nicht zufrieden, mit dem zweiten, in dem sie vom 4. noch auf den 2. Platz vorstiess, schon. "Gold war nach dem ersten Lauf weg, aber danach brachte ich mein Puzzle zusammen."
Mit dem Sieg versöhnt sich Rast auch mit Olympia, auch wenn sie bei ihrer Meinung bleibt, es habe eigentlich keinen höheren Wert als eine WM oder ein Weltcuprennen. Aber: "Es ist sicher gut, wenn man das in seiner Karriere hat", sagt sie und blickt auf die Medaille um ihren Hals. "Aber es ist jetzt nicht so, dass ich mich nur mit dieser Medaille verkaufen kann. Der Weltcup ist mir auch sehr wichtig." Dort wird sie ab jetzt ohne ihren Coach Denis Wicki auskommen, der beim Olympia-Slalom sein letztes Rennen hat. Er hatte schon vor längerer Zeit angekündigt, dass er aus familiären Gründen aufhört. "Ich wollte heute auch für ihn etwas Gutes machen."
Gut ist Rasts Medaille auch für das gesamte Schweizer Frauenteam nach vier Olympiarennen mit einem 10. Platz von Malorie Blanc im Super-G als Bestresultat. Das passt zur laufenden Saison, in der die Slalom-Weltmeisterin des letzten Jahres für acht der bisher elf Frauen-Podestplätze verantwortlich war. "Im Riesenslalom fühlte ich aber eher mehr Druck, da ich dort, neben Lara Gut-Behrami, als einzige Schweizer auf dem Podest war im Weltcup. Im Slalom sind wir aber ein wirklich starkes Team."
Am anderen Ende der Gefühlsskala weint Wendy Holdener bittere Tränen der Enttäuschung. "Seit dem Sommertraining in Argentinien war es mein einziges Ziel, Olympiasiegerin zu werden", erklärt die bereits fünffache Olympia-Medaillengewinnerin. "Das war immer präsent."
Dass es nun nicht geklappt hat, schmerzt die ehrgeizige Schwyzerin sehr, zumal es mit 32 Jahren möglicherweise ihre letzten Spiele waren. Die Bronzemedaille verpasste sie um 22 Hundertstel. Der Sieg lag aber schon nach dem ersten Lauf ausser Reichweite.