Fortuna meinte es gut – die Schweizer EM-Gegner im Überblick
Ungarn, Schottland und Gastgeber Deutschland – für die EM 2024 hat die Schweiz eine attraktive Gruppe zugelost bekommen, in der ein Weiterkommen gut möglich sein sollte, wie ein Blick auf diese drei Nationen zeigt.
In den letzten Wochen gab es rund um die Nati Turbulenzen. Schwache Leistungen, eine erzitterte EM-Qualifikation, atmosphärische Störungen zumindest zwischen dem Coach und einem Teil des Teams. Dazu kam die Frage, ob Murat Yakin der richtige Mann ist, um das Schweizer Nationalteam als Coach nach Deutschland zu führen, die vom Verband um Präsident Dominique Blanc und Nati-Direktor Pierluigi Tami am vergangenen Dienstag für viele überraschend mit einem Ja beantwortet wurde.
So durfte Yakin als amtierender Nationaltrainer in der Hamburger Elbphilharmonie gemeinsam mit Blanc und Tami der Auslosung für die Gruppen der Endrunde beiwohnen – und konnte konstatieren, dass es Fortuna nicht schlecht meinte mit ihm und seinem Team. Zuerst trifft die Schweiz in Köln auf Ungarn und Schottland und dann in Frankfurt auf Gastgeber Deutschland. «Wir können mit der Auslosung zufrieden sein. In Deutschland lebt man den Fussball, es herrscht immer tolle Stimmung. Die ganze Schweiz kann sich auf das Duell freuen. Frankfurt und Köln sind von der Schweiz aus gut zu erreichen, wir werden sicherlich von den Fans toll unterstützt. Deutschland ist Gastgeber und eine Turniermannschaft. Auch gegen die anderen Gegner wird es eine grosse Herausforderung, wir werden sie nicht unterschätzen. Sie haben eine gute Qualifikation gespielt. Unser Ziel ist es, die Gruppe zu überstehen», sagte Yakin später.
Deutschland war ein Traumgegner für viele Fans und Spieler. Einerseits natürlich wegen der Stimmung, andererseits weil «die Mannschaft» in einer Krise steckt. Doch Yakin sagt. «Die Deutschen haben schon oft bewiesen, dass sie eine Turniermannschaft sind. Wenn die Euro losgeht, werden sie bereit sein. Die Niederlagen in den Testspielen will ich nicht überbewerten. Ich weiss, dass das für die Spieler auch nicht einfach ist.» Und Silvan Widmer, Captain des Bundesligisten Mainz, erklärte: «Ich finde es eine sehr coole Gruppe, und ich freue mich auf alle Matches. Aber klar, insbesondere auf das Spiel gegen Deutschland. Ich kenne natürlich viele Spieler aus der Bundesliga. Eine spannende Gruppe, in der wir keinen der drei Gegner unterschätzen dürfen.»
Die sechs Gruppensieger, die sechs Gruppenzweiten und die vier besten Gruppendritten qualifizieren sich für die Achtelfinals. Für die Gruppendritten wird eine Tabelle erstellt. Dort gelten nacheinander: Punktzahl, bessere Tordifferenz, Anzahl erzielter Tore, Anzahl Siege, die Fairplay-Wertung und zuletzt Punkte in der EM-Qualifikation (oder, falls Deutschland involviert ist, das Ziehen von Losen). Auf dem Weg in die Achtelfinals müssen die Schweizer dann folgende Hürden überwinden:
Ungarn (15. Juni in Köln)
In den frühen Jahren waren die Ungarn im Weltfussball eine fixe Grösse und wurden 1938 in Frankreich Vizeweltmeister. Die grösste Enttäuschung ist aber eng mit der Schweiz verbunden: Vier Jahre lang war die Mannschaft um den damaligen Superstar Ferenc Puskas zwischen 1950 und 1954 ungeschlagen, ehe sie Bern ihr «blaues Wunder» erlebte, im WM-Final dem klaren Aussenseiter Deutschland unterlag und den sicher geglaubten WM-Titel verpasste.
Später verloren die Ungarn den Anschluss an die Weltspitze und tauchten erst 2016 wieder auf der internationalen Bühne auf, als sie das EM-Ticket lösten und es in die Achtelfinals schafften (0:4 gegen Belgien). Auch 2021 waren sie an der EM-Endrunde dabei, schieden aber als Gruppenletzte aus. Auf dem Weg nach Deutschland blieben sie in der Qualifikation ohne Niederlage und gewannen ihre Gruppe vor Serbien, Montenegro, Litauen und Bulgarien.
Der grosse Star im Team des italienischen Trainers Marco Rossi ist Dominik Szoboszlai. Der Mittelfeldspieler und Captain wechselte im Sommer für 70 Millionen Euro Ablöse von Leipzig zu Liverpool und verfügt mit grossem Abstand über den höchsten Marktwert. Dahinter folgen Linksverteidiger Milos Kerkez (Bournemouth, 18 Mio.) und Innenverteidiger Attila Szalai (Hoffenheim, 14 Mio.). Ebenfalls im Kader steht Servette-Verteidiger Bendeguz Bolla.
In der Weltrangliste belegt Ungarn aktuell Rang 27 (die Schweiz: 18. Platz) und hat mit Szoboszlai wie erwähnt einen Kicker der Extraklasse, doch in der Breite dürfte die Schweiz besser aufgestellt sein. Und auch ein Blick in die Statistik macht Murat Yakin & Co. Mut: Von 46 Duellen gewann die Schweiz 30, kassierte nur elf Niederlagen und fünf Spiele endeten unentschieden. Und in den letzten beiden Aufeinandertreffen in der Qualifikation für die WM 2018 behielt die Schweiz die Oberhand, siegte daheim mit 5:2 und auswärts mit 3:2.
Schottland (19. Juni in Köln)
Im letzten Vierteljahrhundert mussten die ebenso euphorischen wie trinkfreudigen schottischen Fussballfans bös untendurch. 1998 schafften die Bravehearts letztmals die Qualifikation für eine WM-Endrunde, an Europameisterschaften konnte die Durststrecke beim letzten Turnier beendete werden, als die erste Qualifikation seit 1996 geschafft werden konnte. Damals, am 18. Juni 1996, verlor die Schweiz übrigens in der Gruppenphase gegen die Schotten mit 0:1 und schied als Gruppenvierter ebenso wie ihr Gegner (Rang 3) aus.
Auf dem Weg nach Deutschland beendeten die Schotten ihre Qualifikationsgruppe mit Spanien, Norwegen, Georgien und Zypern auf Rang zwei, vier Punkte hinter den Spaniern, gegen die sie auch ihre einzige Niederlage kassierten. Aber sechs Punkte vor den Norwegern um Superstar Erling Haaland.
Der am höchsten eingeschätzte Akteur ist Mittelfeldspieler John McGinn (Aston Villa, 27 Mio. Euro), gefolgt von Manchester Uniteds defensivem Mittelfeldcrack Scott McTominay (25 Mio.) sowie Mittelstürmer Ché Adams (Southampton, 18 Mio.) und einem weiteren defensiven Mittelfeldspieler, Billy Gilmour (Brighton & Hove Albion, ebenfalls 18 Mio.). Nur schon diese Namen zeigen: Im Team von Trainer Steve Clarke steckt eine geballte Ladung Premier League-Power.
Das grosse Ziel ist es nun, erstmals überhaupt an einer WM- oder EM-Endrunde die Vorrunde zu überstehen. In der Weltrangliste liegen die Schotten aktuell auf dem 36. Platz, doch ihre Bilanz gegen die Schweiz ist positiv: In 16 Duellen feierten sie acht Siege, spielten dreimal unentschieden und verloren fünfmal. Im letzten Aufeinandertreffen, einem Freundschaftsspiel am 1. März 2006, gewann die Schweiz auswärts mit 3:1.
Deutschland (23. Juni in Frankfurt)
Viermaliger Weltmeister. Dreimaliger Europameister. Ein absolutes Schwergewicht im Weltfussball. Und dann auch noch der EM-Gastgeber. Normalerweise ist fast jede Nation gegen die Deutschen Aussenseiter. Doch Ruhm und Glanz sind aktuell nur noch eine schöne Erinnerung. An dem Weltmeisterschaften 2018 und 2022 scheiterten die Deutschen unter Joachim Löw respektive Hansi Flick bereits in der Vorrunde. An der EM 2021 war dann England bereits im Achtelfinale Endstation. Es war das 198. und letzte Länderspiel von Jogi Löw, der danach von Hansi Flick ersetzt wurde, der aber nach 25 Spielen ebenfalls seinen Platz räumen musste.
Seit September ist nun Julian Nagelsmann Bundestrainer und soll die Deutschen an der Heim-EM zum Erfolg führen. Ein 3:1-Sieg gegen die USA und ein 2:2 gegen Mexiko sorgten für eine gewisse Morgenröte, doch die Niederlagen zuletzt gegen die Türkei (2:3) und Österreich (0:2) waren bedenkliche Rückschritte – und schon schrillten wieder die Alarmglocken. Und dies trotz klangvoller Namen wie Thomas Müller, Joshua Kimmich, Leroy Sané, Ilkay Gündogan, Antonio Rüdiger oder Kai Havertz im Kader.
Die Mannschaft ist mittlerweile so tief gefallen, dass die Bild-Zeitung nach der Gruppenauslosung, in welcher den Deutschen Titanen wie Dänemark, die Niederlande oder Italien erspart blieben, ironisch schrieb: «Da können sogar wir weiterkommen.»
Klar ist aber, Deutschland darf man im Fussball nie abschreiben. Das zeigt nur schon ein Blick auf den Marktwert des Teams, bei dem gleich mehrere Spieler auf 50+ Millionen geschätzt werden: Florian Wirtz (Leverkusen. 85 Mio.), Joshua Kimmich und Leroy Sané (beide Bayern, 75. Mio.), Kai Havertz (Arsenal, 60 Mio.) und Serge Gnabry (Bayern, 55 Mio.). Und über ihnen allen thront Bayerns Kreativkönig Jamal Musiala mit einem geschätzten Preisschild von 110 Mio. Euro.
Natürlich spricht auch die Statistik für die Deutschen, die von 53 Duellen 36 gewonnen und nur neun verloren haben. Immerhin weisen die Schweizer gegen unseren Nachbarn, der in der Weltrangliste nur noch den 16. Platz belegt, aber in den letzten drei Duellen eine bessere Bilanz auf: 3:3 im Oktober 2020, 1:1 im September 2020 und ein 5:3 im Mai 2012.