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Hat sich Real mit Alonso verpokert? Zwei Meinungen

Andy-Pat

0:1 beim kriselnden Liverpool. 0:0 bei Rayo Vallecano. 2:2 bei Aufsteiger Elche. Und nun ein 1:1 bei Abstiegskandidat Granada. Mit einem «November not to remember» hat sich Xabi Alonso bei Real Madrid in eine delikate Position manövriert. Zurecht? Unsere Redaktoren Andy Maschek und Patrick Y. Fischer sind unterschiedlicher Meinung.

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Xabi Alonso macht in Madrid schwierige Zeiten durch. © KEYSTONE/AP Photo/Alberto Saiz

Andy Maschek sagt: Ja

Himmel und Hölle liegen im Spitzenfussball nahe beieinander, Erfolge, Ruhm und Ehre sind schnelllebig und vergänglich. Das zeigt sich jetzt auch am Beispiel von Xabi Alonso. Bei Bayer Leverkusen setzte der Spanier ein fettes Ausrufezeichen. Er zeigte mit seinem Team begeisternden Fussball, düpierte den grossen FC Bayern München und gewann in der Saison 2023/24 das Double. Sein Wesen und Wirken strahlten immensen Glanz aus, die Bayern und auch der FC Liverpool, beides Klubs, mit denen er als Spieler grosse Erfolge gefeiert hatte, wollten ihn verpflichten. Alonso entschied sich schliesslich für den dritten Klub in diesem Erfolgs-Bund, Real Madrid, wo er zwischen 2009 und 2014 gespielt hatte.

Es war eine verständliche Wahl, schliesslich verfügt der Klub über eine gewaltige Aura und ist der Traum vieler Fussballspieler und -trainer. Doch auch wenn Real in der Meisterschaft nur einen Punkt hinter Barcelona auf Rang 2 liegt und in der Champions League auf bestem Weg ist, die direkte Qualifikation für die Champions League zu schaffen, entwickelt sich die Beziehung zwischen dem Übungsleiter und dem Klub immer mehr in Richtung Albtraum, was aber nicht ganz unerwartet kam.

Bei Leverkusen formte er in kurzer Zeit eine Meistermannschaft, und dies ohne die klangvollen Namen im Kader. Er entwickelte Spieler wie Florian Wirtz oder Jeremie Frimpong fussballerisch weiter, die danach Millionen in die Klubkasse spülten. Und er brachte Granit Xhaka ins Schwärmen. «Du hast uns nicht nur trainiert – du hast uns inspiriert. Wir werden deine Lektionen weit über das Spielfeld hinaustragen», schrieb der Nati-Captain beim Abschied von Alonso in den sozialen Medien.

Bei Real Madrid wird aktuell nicht geschwärmt. Xabi Alonso will ein Team aufbauen und die Spieler wie in Deutschland formen. Er ist nicht der Manager, der die Stars bei Laune hält, sie an der langen Leine führt und ihnen Freiheiten gewährt. Stattdessen will Alonso mehr Disziplin und Ordnung, auch im Alltag. Er kontrolliert Zeitpläne, verlangt Präventionsarbeit im Fitnessstudio und führt Gruppen- und Einzelvideositzungen durch. Als Inspiration wird er nicht angesehen, vielmehr als distanziert und unnahbar.

Das Verhältnis zu Stars wie Vinicius Jr. oder Jude Bellingham ist – gelinde gesagt – angespannt, Captain Federico Valverde ist meilenweit von seiner Bestform entfernt und Rodrygo fast immer nur zweite Wahl. Immerhin stützte Superstar Kylian Mbappé, die offensive Lebensversicherung der Madrilenen, zuletzt öffentlich den Trainer. Doch im Milliarden-Business Fussball mit den grossen Egos kann der wind bekanntlich ganz schnell drehen.

Real Madrid wollte mit Xhabi Alonso spektakulären und taktisch modernen Fussball zeigen, die Gegner dominieren und Erfolge feiern. Der Erfolgszug ist zwar noch nicht abgefahren, doch er stottert, statt Schwung aufzunehmen. Real spielt defensiv kompakt, aber schwerfällig. Das «weisse Ballett» ist aktuell nur noch eine schöne Erinnerung, und mir fehlt der Glaube, dass Xabi Alonso in der Lage ist, den Turnaround zu schaffen. Denn dieser ist zwingend – und er muss schnell erfolgen. Denn auch in Madrid und im Fall von Xabi Alonso regiert der Totomat und entscheiden die Resultate über Sein und Nichtsein des Coaches. Und Zeit ist nicht vorhanden, wenn es darum geht, die Titelsammlung zu erweitern. Vor allem auch dann, wenn die Stars auf die Hinterbeine stehen und den Aufstand proben sollten, was nicht ausgeschlossen ist, wie die Gerüchte zeigen, nach denen sich die Spieler den einstigen Erfolgscoach Zinédine Zidane zurückwünschen.

Patrick Y. Fischer sagt: Nein

Vielleicht hängt er tatsächlich schief. Der Haussegen bei Real Madrid, das nach drei Unentschieden in Folge in La Liga auf Rang 2 zurückgefallen ist. Diverse Leistungsträger sind gemäss Medienberichten unzufrieden. Aber warum eigentlich? Denn rein sportlich ist Alonsos Real trotz der jüngsten Misere noch immer absolut auf Kurs.

Ein Blick auf die Statistik verrät sogar: Unter der Leitung des baskischen «Alles-Gewinners» (WM, EM und CL als Spieler; deutsches Double als Trainer) sind die Königlichen aktuell genauso gut (oder schlecht) unterwegs, wie stets in den letzten Jahren unter Vorgänger Carlo Ancelotti. Einzige Ausnahme: Die Saison 2023 – 2024, in der die Königlichen in Meisterschaft und Champions League überragten (Punkteschnitt von über 2,50). In den Spielzeiten davor und danach performten die Madrilenen z.T. aber deutlich schlechter als aktuell (Punkteschnitt von 2,35), und das noch mit ausgewiesenen und langjährigen Führungsspielern wie Nacho, Toni Kroos oder Luka Modric.

Mit Alonsos Stellenantritt und dem Abgang Modric’ im Sommer ist diese Ära endgültig Geschichte. Stattdessen gilt es nun ein neues Real aufzubauen, mit neuen Leadern, die dieser Bezeichnung auch gerecht werden. Unter Vorgänger Carlo Ancelotti verlor der Klub in den finalen zwölf Monaten mehr und mehr seine Orientierung, fiel auf und neben Platz mehrfach durch das Verhalten von Spielern wie Vinicius Jr. oder Antonio Rüdiger auf, das einem Weltklub wie Real eigentlich nicht gebührte. Das hat auch die Madrider Führungsebene um Präsident Florentino Pérez erkannt und auch deshalb Alonso verpflichtet. Hoffentlich.

Denn der 44-Jährige, der bereits mit 20 Jahren die Kapitänsbinde bei Real Sociedad trug und sich Zeit seiner Karriere als echte Persönlichkeit erwies, ist genau der richtige Mann, um nach den Abgängen der langjährigen Führungsriege ein neues, hungriges und künftig auch wieder dominantes Real aufzubauen. Er hat damit sogar bereits angefangen. Seit seinem Amtsantritt im Sommer gelten neue Regeln, es wird auf Details wie Pünktlichkeit geachtet und ganz allgemein in vielen Bereichen (Training, Reha, Spielvorbereitung) wieder professioneller gearbeitet. Dabei setzt Alonso auf Spieler, die bereit sind, diese neue Linie zu 100 Prozent mitzutragen. Dass diese wie Dean Hujisen (20), Alvaro Carreras (22), Arda Güler (20) oder Franco Mastantuono (18) tendenziell jünger sind, liegt auf der Hand und dürfte sich für Real in absehbarer Zeit auszahlen. In der Zwischenzeit geht es auch darum diejenigen Spieler zu identifizieren, denen der Erfolg mit Real Madrid  wichtiger ist als persönliche Eitelkeiten.

Dass dies zu Unstimmigkeiten führen kann, ist unvermeidlich und gehört zu einem Prozess, in dem sich bewährte Spieler, die zuletzt evtl. etwas zu viele Freiheiten und Macht genossen haben, plötzlich neu beweisen müssen. Aber genau das zeichnet Klubs wie Real, die stets nach maximalem Erfolg streben, auch aus. Schliesslich ist der nur selten das Resultat von Potential und individueller Klasse alleine. Alonso soll nun dafür sorgen, dass in Madrid das Element der beständigen Arbeit wieder stärker gewichtet wird. An ihm zu Zweifeln oder ihn gar zu entlassen, wäre deshalb der grösste Fehler, den Real mit Blick in die Zukunft aktuell begehen könnte.

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