Um 18.07 Uhr Ortszeit sackte er in sich zusammen. Schlug die Hände über dem Kopf zusammen. Und weinte auf dem Rasen von New Jersey bitterlich.
Gerade war das letzte Spiel von Neymar Jr. bei einer Weltmeisterschaft und auch für die brasilianische Nationalmannschaft zu Ende gegangen.
Aus der Traum vom Titel. Wieder einmal. Seit 2002 hat Brasilien kein WM-Finale mehr erreicht. Seit 2014 kein WM-Halbfinale. Der Mythos Selecao hat seine besten Zeiten hinter sich und braucht dringend frischen Wind.
Die Sehnsucht nach dem sechsten Pokal war gross. Weniger gross aber war offensichtlich die Lust, so Fussball zu spielen, wie sie es einst konnten. Dominant. Kreativ. Elegant.
Plan geht nicht auf
Vom "Jogo Bonito" vergangener Tage war während des gesamten Turniers wenig zu sehen. Die Brasilianer agierten bemerkenswert passiv, schwerfällig, fast schon ausgelaugt. Ihr Plan, aus einer geordneten Defensive heraus schnell über die flinken Individualisten um Vinicius Jr. und Matheus Cunha umzuschalten, sorgte bereits in der Gruppenphase bei den Fans weder für Begeisterung noch für den Glauben daran, sich in den Kreis der Top-Favoriten zu spielen.
Was im Sechzehntelfinale gegen Japan um ein Haar schiefging, wurde nun gegen Norwegen bestraft. Auch wenn Pech im Abschluss dabei war: Brasilien fehlt vor allem ein Gestalter, der für Struktur und Spielwitz sorgt. Neymar war dazu offensichtlich nicht mehr gut genug. Während Raphinha, der von seinen fussballerischen Qualitäten her durchaus das Potenzial dazu gehabt hätte, den Grossteil des Turniers mit einer Muskelverletzung verpasste. Carlo Ancelotti fand keine Lösungen. Trotzdem darf der erfahrene Italiener (Vertrag bis 2030) nach dem Achtelfinal-Aus weitermachen. Gewiss auch, weil es selbst für einen Rekord-Weltmeister keine Schande ist, gegen diese Norweger rauszufliegen.
Heisser Geheimfavorit
Die Truppe von Stale Solbakken ist längst kein Underdog mehr, sondern ein heisser Geheimfavorit. Weil sie mehr als nur aus der Urgewalt namens Erling Haaland (schon 7 Turnier-Tore) besteht. Orjan Nyland, der 35 Jahre alte Teufelskerl zwischen den Pfosten, Kämpfer wie BVB-Profi Julian Ryerson, Spielmacher Martin Odegaard oder Zocker wie Antonio Nusa oder Oscar Bobb machen die erstmals in der WM-Geschichte ins Viertelfinale eingezogenen Norweger so stark, facettenreich und schwer berechenbar.
Das Schöne aus neutraler Sicht ist: Sie wollen nicht den Bus parken. Sie wollen den Ball haben. Sie wollen aktiv nach vorne spielen. Und rudern jetzt zum Viertelfinale nach Miami. Gegner: England. Haaland, Nyland und Co. ist zuzutrauen, den nächsten historischen Coup zu landen!