Lichtsteiner coacht mit viel Körpereinsatz, doch offensiv harzt es
Nach dem Ausscheiden in der Europa League gegen Viktoria Pilsen bleibt Stephan Lichtsteiner nicht viel Zeit zum Hadern. Für den FCB-Trainer folgen weitere wegweisende Spiele.
Als Stephan Lichtsteiner noch Spieler war, konnte er nach einer Partie sehr detailliert aufschlüsseln, welche messbaren Leistungen er in den vorangegangenen Minuten auf dem Spielfeld erbracht hatte. Gerannte Kilometer, gewonnene Zweikämpfe, erfolgreiche Pässe, aber auch verbrannte Kalorien oder der Verlauf der Herzfrequenz liessen sich haarklein unter die Lupe nehmen.
Jetzt, knapp sechs Jahre nach dem Ende seiner Aktivkarriere, trägt der 42-Jährige wohl nicht mehr regelmässig die Gurte um die Brust, die genau solche Daten liefern können. Schade. Denn wer den Trainer des FC Basel während eines Spiels seine Coachingzone auf und ab rennen sieht, beobachtet, wie er bei einer erfolgversprechenden Aktion seiner Mannschaft mitfiebert und erwartungsfroh hüpft, ehe er sich händeringend Richtung Spielerbank abdreht, hört, wie er energisch und gestenreich mit dem vierten Offiziellen diskutiert – wer Coach Lichtsteiner bei der Arbeit zusieht, kommt unweigerlich zur Erkenntnis, dass doch einige Kalorien auch in der Coachingzone verbrannt werden dürften.
Nachdem Schiedsrichter Giorgi Kruashvili das Spiel und somit auch Lichtsteiners persönliches Fitnessprogramm beendet hat, wird der neue FCB-Trainer wenig später auch auf seine aktive Art des Coachings angesprochen. "Ich versuche damit, etwas zu bewirken", sagt Lichtsteiner. Die Energie, die er an der Seitenlinie ausstrahlt, soll sich gewissermassen auf seine Spieler übertragen. Es ist ein Wesenszug, der Lichtsteiner mit seinem Vorgänger Ludovic Magnin verbindet. Auch der am Montag entlassene Lausanner leitete seine Spieler aktiv an, dirigierte und lamentierte.
Und doch hat Flavius Daniliuc in den wenigen Tagen unter seinem neuen Chef frappante Unterschiede festgestellt. "Ludo coachte mehr über die Emotionen. Steph ist sehr detailversessen, stellt uns defensiv besser ein und legt grossen Wert darauf, dass wir die Räume schliessen." Der 24-jährige Österreicher ist in dieser schwierigen Saison eine der wenigen Konstanten im Kollektiv der Basler und hat sich in der Innenverteidigung einen Stammplatz erspielt.
Entsprechend hat er die Baisse der letzten Wochen mit dem Tiefpunkt vor einer Woche in Salzburg hautnah auf dem Feld miterlebt und dann auch gespürt, dass die Klubführung wohl auf der Trainerposition einen Wechsel vollziehen wird. "Leider ist am Ende immer der Trainer schuld, aber wir Spieler sind es mindestens genauso. Wie wir in den letzten Wochen aufgetreten sind, ist eines FC Basel nicht würdig."
Deshalb hofft auch Daniliuc in nächster Zeit auf eine Trendwende. Eine Trendwende, deren Initiator Stephan Lichtsteiner sein soll. In den wenigen Trainingseinheiten, die ihm seit Amtsübernahme zur Verfügung standen, konnte der frühere Captain des Schweizer Nationalteams verständlicherweise nicht riesige Veränderungen vollziehen. In seinem ersten Spiel gegen Viktoria Pilsen sah er am Donnerstag aber doch Dinge, die ihm gefielen. Zum Beispiel, dass seine Spieler gegen die Tschechen defensiv nicht viel zugelassen hätten.
Dass beim entscheidenden Gegentor vor der Pause der Ball nach einem Eckball "gefühlt durch 100 Beine" rollte, wie es Lichtsteiner formulierte, könne er akzeptieren, zumal seine Mannschaft eben ansonsten nicht viel habe anbrennen lassen.
Offensiv sieht der frühere Rechtsverteidiger indes noch viel Verbesserungspotenzial. Lichtsteiner sagt: "Uns hat die Kontrolle gefehlt, wir müssen den Ball viel mehr am Boden behalten anstatt in der Luft." Als Folge davon sei sein Team viel zu selten gefährlich vors gegnerische Tor gekommen.
Die fehlende Durchschlagskraft ist eine der Baustellen, die Lichtsteiner in den kommenden Tagen und Wochen zu beackern hat, wobei der Spielplan ja gerade alles andere als gnädig ist mit dem Rookie-Trainer, der bis im November bei den Amateuren des FC Wettswil-Bonstetten an der Seitenlinie gestanden war.
Am Sonntag bekommt es der FCB im heimischen St.-Jakob-Park mit Leader Thun zu tun. Setzen die Aufsteiger aus dem Berner Oberland ihren Höhenflug fort und verbuchen die nächsten drei Punkte, sähen sich die Basler in der Super League bereits mit einer Hypothek von 13 Punkten konfrontiert und müssten wohl die Hoffnung auf eine erfolgreiche Titelverteidigung begraben.
Am Mittwoch steht dann der Viertelfinal im Schweizer Cup gegen St. Gallen an. Missglückt dieser Ausflug in die Ostschweiz, hätten sich für die Basler innert einer knappen Woche alle drei Saisonziele verflüchtigt.
Auch aufgrund dieser äusserst delikaten Ausgangslage wählt Flavius Daniliuc in den Katakomben drastische Worte. Er sagt: "Wer sich nicht bewusst ist, was in den nächsten zwei Partien auf dem Spiel steht, sollte nicht für den FC Basel auflaufen."