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Max Julen und das Pfeifkonzert der jugoslawischen Skifans

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Auch nach 1980 sorgen Schweizer Sportlerinnen und Sportler für viele Highlights der Sportgeschichte.

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Die grosse Stunde in Sarajevo: Max Julen als Sieger des Riesenslaloms © KEYSTONE/STR

Er hat erst ein Weltcup-Rennen gewonnen, die Favoriten im Olympia-Riesenslalom von 1984 sind andere. Pirmin Zurbriggen, Phil Mahre, Hans Enn, Joël Gaspoz oder Andreas Wenzel. Doch nun steht Max Julen im Starthaus des zweiten Laufs und blickt vom Berg Bjelasnica hinunter ins Tal. Was er sieht, könnte einschüchtern, 30’000 jugoslawische Fans, die gnadenlos pfeifen und buhen. Einer der Ihren führt, Jure Franko, und oben steht nur noch ein schmächtiger Oberwalliser, der knapp 23-jährige Max Julen. Er trägt nur Skibrille, die Haare flattern im Wind. Helme gibt es da im Riesenslalom noch lange nicht - und er hört alles.

Julen weiss, dass dies seine goldene Chance ist. Die Schneise im Wald ist steil, aber schmal und kurz, der Kurs zwangsläufig eng gesteckt. Ideal für ein wendiges Leichtgewicht wie ihn also. Die Pfiffe machen ihn nicht nervös, sondern motivieren ihn. Der Zermatter, der in der Heimat mittlerweile ein Hotel mit Matterhorn-Blick führt, gewinnt mit 23 Hundertsteln Vorsprung auf Franko. Dieser freut sich auch über Silber, gratuliert sofort und zeigt damit mehr Sportsgeist als seine Landsleute an der Piste. Tragisch: Nur acht Jahre später werden die Bewohner von Sarajevo im Jugoslawien-Krieg genau von diesem Berg aus beschossen und fast vier Jahre lang belagert.

Die Wettkämpfe im Ski alpin bei den Spielen 1988 in Kanada werden von zwei Superstars geprägt, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Alberto Tomba und Vreni Schneider. Der Italiener ist als Grossmaul und Partykönig bekannt, die Glarnerin strickt in der freien Zeit im Hotelzimmer. Begnadete Skifahrer sind sie beide, in Slalom und Riesenslalom sind sie nicht zu schlagen. Tomba gewinnt den Riesenslalom mit über einer Sekunde Vorsprung, Schneider den Riesenslalom mit 93 Hundertsteln und den Slalom mit sagenhaften 1,68 Sekunden Abstand - und das mit der Bürde der Topfavoritin bei ihren ersten Olympischen Spielen.

Eindrücklich und bald schon legendär sind die zweiten Läufe der Elmerin. Oft braucht es einen Rückstand, um die stille Glarnerin aus der Reserve zu locken. Nach enttäuschenden Spielen 1992 holt sich Schneider 1994 in Lillehammer einen weiteren Olympiasieg im Slalom, dazu Silber in der Kombination und Bronze in Riesenslalom. Mit je drei WM-Titeln und Gesamtweltcup-Siegen sowie insgesamt 55 ersten Plätzen im Weltcup ist Vreni Schneider die erfolgreichste Schweizer Skifahrerin der Geschichte und wird zurecht als Schweizer Sportlerin des 20. Jahrhunderts auserkoren.

In den 1980er-Jahren ist das Schweizer Eishockey weit davon entfernt, erstklassig zu sein. An der WM 1987 in Wien steigt man mit 0 Punkten aus 10 Spielen ab, gegen die Sowjetunion gibt es ein 5:13, gegen Schweden ein 1:12 und gegen Westdeutschland ein 1:8. Entsprechend gering sind die Erwartungen an den Winterspielen im folgenden Jahr in Calgary.

Und dann dies: Gegen den späteren Silbergewinner Finnland gewinnen die Schweizer im ikonischen Saddledome das Eröffnungsspiel 2:1. Im Startdrittel überrascht das Team von Trainer Simon Schenk mit einem Kontertor von Peter Jaks und einem Slapshot von Köbi Kölliker und führt 2:0. Spätestens nach dem Anschlusstor der Finnen entwickelt sich eine Abwehrschlacht. Angeführt von den NLA-Stars Kari Eloranta (Lugano) und Rexi Ruotsalainen (Bern) drücken die Nordländer auf den Ausgleich, doch der überragende Davoser Richi Bucher im Schweizer Tor lässt sich nicht mehr bezwingen. Er wehrt 32 von 33 Schüssen ab. Die Schweizer schlagen dann auch noch Polen, verpassen aber die Finalrunde der besten sechs knapp.

Andreas Schönbächler, von allen Sonny genannt, ist einer der überraschendsten Schweizer Olympiasieger. Als die Skiakrobatik 1994 in Lillehammer ihr olympisches Debüt als voll anerkannte Sportart gibt, ist der Zuger bereits seit zehn Jahren im Weltcup aktiv - ohne jemals einen Wettkampf gewonnen zu haben. Die Qualifikation übersteht er als Zehnter gerade mal so. Am 24. Februar aber schwebt Schönbächler auf einer Wolke und zaubert zwei perfekte Sprünge über die Schanze. Die favorisierten Kanadier haben das Nachsehen und müssen sich mit Silber und Bronze begnügen.

Schönbächler trägt später mit seinem Sprungzentrum in Mettmenstetten im Zürcher Säuliamt massgeblich zu weiteren Schweizer Medaillen in der neuenglisch Aerials genannten Disziplin bei. Und er steht am Ursprung einer Tradition. Neue Sportarten sind für die Schweiz regelrechte Goldgruben. 1998 gewinnen die Curler mit Skip Patrick Hürlimann das erste Olympia-Turnier der Neuzeit, und Snowboarder Gian Simmen triumphiert in der Halfpipe. Unvergessen ist Tanja Friedens Goldcoup im ersten Snowboardcross-Event 2006, der "Goldplämpu von Turin". 2010 dominiert Mike Schmid das neu eingeführte Skicross. 2026 werden in Bormio erstmals Medaillen im Skitourenrennen vergeben. Auch hier gehören die Schweizer zu den Topfavoriten.

Schon seit 22 Jahren und Pirmin Zurbriggens Sieg in Calgary wartet die Schweiz auf einen Abfahrts-Olympiasieger, als die Spiele 2010 nach Kanada zurückkehren. Sieben Schweizer haben die Selektionskriterien erfüllt, die Hoffnungen ruhen vor allem auf Didier Cuche, der in beiden Trainings Bestzeit fährt, und Carlo Janka. Der Bündner gewinnt später den Riesenslalom. Didier Défago muss sich hingegen erst teamintern durchsetzen und ergattert den vierten Schweizer Startplatz. Wegen eines Sturms mit Schnee und Regen muss die Abfahrt um zwei Tage verschoben werden. Als es dann ernst gilt, ist von Schneesturm nichts mehr zu sehen - weder am Himmel noch in Défagos Kopf. "Vor dem Start stellt man sich die Fahrt wie in einem Spielfilm vor und drückt auf 'Play'. Dann aber läuft es fast nie genau nach Plan. Es gibt immer etwas Schnee im Bild", erklärt der Walliser. "Diesmal aber ging es fast perfekt auf." Als er ins Ziel kommt und es grün als Zeichen für die Bestzeit aufleuchtet, weiss er, dass das "sicher für eine Medaille reicht" - nach fünf Weltmeisterschaften und zwei Olympischen Spielen ohne Edelmetall.

Défago gewinnt in seiner langen Karriere auch die Klassiker am Lauberhorn und in Kitzbühel, doch "bei Vorträgen ist allen der Olympiasieg präsent", stellt er fest. Dem Skisport bleibt der gelernte Hochbauzeichner auch nach dem Rücktritt vor gut zehn Jahren treu. Heute ist er Geschäftsführer in den Komitees der Weltcup-Rennen und der Weltmeisterschaft 2027 in Crans-Montana.

2014 in Sotschi ist Dario Cologna im Zenit. Dennoch hängen seine Erfolge an einem seidenen Faden. Im November zieht er sich beim Joggen einen Bänderriss im rechten Sprunggelenk zu, die Genesung bis Olympia wird zum Wettlauf gegen die Zeit. Und dann läuft der Bündner aus dem Val Müstair im südöstlichsten Zipfel der Schweiz die ganze Konkurrenz in Grund und Boden. Vier Jahre davor gewinnt er bei seinen ersten Olympischen Spielen als erster Schweizer Langläufer Gold. In Russland setzt er sich im Skiathlon, in dem er amtierender Weltmeister ist, auf der Zielgeraden in einem Vierer-Sprint durch. "Das macht es schon noch einmal etwas spezieller und emotionaler", erinnert sich Cologna.

Über 15 km mit Einzelstart wiederholt er seinen in Vancouver errungenen Sieg mit fast einer halben Minute Vorsprung. Und es wäre noch mehr möglich gewesen. Auch in der Königsdisziplin 50 km ist er bis zum letzten Anstieg, der auf ihn zugeschnitten ist, auf Goldkurs, ehe er sich durch einen Sturz aller Chancen beraubt. Dennoch hat er den Spielen in Sotschi eindrücklich seinen Stempel aufgedrückt. "Es sind wunderbare Erinnerungen", sagt er. "Auch, weil in Russland viele Zuschauer an der Loipe standen." Zudem sind seine Eltern und seine heutige Frau Laura vor Ort dabei, mit seinem Bruder Gianluca läuft er den Teamsprint und wird Fünfter. Vier Jahre später holt er in Südkorea sein viertes Olympia-Gold doch noch. Als erster Langläufer der Geschichte triumphiert er bei drei Spielen in Folge über die gleiche Distanz.

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