Quarterback Sam Darnold - auf Umwegen zur Bestimmung
Seattles Quarterback Sam Darnold spielte in der von beiden Defensiven geprägten Super Bowl gegen die New England Patriots keine denkwürdige Partie. Aber ohne Darnold hätten die Seahawks den Meistertitel nie gewonnen. Sein Beispiel zeigt: Manchmal führt der Weg zur Bestimmung über Umwege.
Vor zwei Jahren sass Darnold am Medientag vor der Super Bowl als Ersatz-Quarterback der San Francisco 49ers an einem kleinen Tisch ganz hinten im Saal. Der einzige Journalist, der etwas von ihm wissen wollte, war einer, der eine Story über gescheiterte Quarterback-Hoffnungen im Kopf hatte. Darnold, der von den New York Jets in der ersten Runde gedraftet wurde, dort Geister sah, entlassen wurde und regelmässig den Klub wechselte, schien dafür der geeignete Kandidat.
Diesem Medienmann antwortete Darnold damals auf die Frage, was ein junger Quarterback brauche. "Er braucht Vertrauen und Ruhe im Umfeld. Kein Rookie kommt in diese Liga und spielt auf Anhieb wie ein Superstar. Das erfordert mindestens zwei Jahre Zeit."
Dieses Vertrauen spürte Darnold, als er vor zehn Monaten in Seattle für drei Jahre als Stamm-Quarterback unterschrieb. Deshalb kaufte er sich in Seattle sofort ein Haus.
Die Darnold-Story verlief bis März 2025 durchaus nicht ungewöhnlich. "In der NFL geht es nicht um Geduld. Die Liga ist nicht fair", sagt Klint Kubiak, in Seattle als Koordinator der Offensive Darnolds Chef. Das Draft-System im nordamerikanischen Sport bringt es mit sich, dass die talentiertesten Newcomer zuerst zu den am schlechtesten geführten Klubs kommen.
2022 nach drei enttäuschenden Jahren bei den Jets erhielt Darnold von Carolina eine Chance angeboten. Er wurde als Ersatz-Quarterback verpflichtet und bestritt dank einer Verletzung der Nummer 1 sechs Partien, von denen er vier gewann. Darnold schien gesetzt als Stammspieler für die nächste Saison. Doch dann ersetzte Carolina den gesamten Coaching-Staff - und die neuen Trainer kamen mit neuen Ideen.
Das führte Darnold vor drei Jahren zu den 49ers, mit denen er es als Ersatz-Quarterback erstmals in die Super Bowl schaffte. Die 49ers suchten damals einen Back-Up für ihre verletzungsanfälligen Stars. Darnold entschied sich für die 49ers, obwohl er andernorts sicher hätte spielen können und mehr verdient hätte. Er wollte ein Jahr lang unter Trainer Kyle Shanahan lernen und profitieren. "Für mich", so Darnold, "war das Jahr bei den 49ers wie ein Ausbildungsjahr an der Uni von Harvard." Er bestritt in jener Saison nur ein einziges Spiel, weil die 49ers in der letzten Runde vor den Playoffs die Reserven spielen liessen.
Nach S.F. war Minnesota Darnolds nächste Destination. Da spielte er erstmals famos. Mit Darnold gewannen die Vikings 14 Spiele (in 18 Runden), qualifizierten sich für die Playoffs, in denen sie jedoch in einer einseitigen Partie den L.A. Rams unterlagen. Darnold ging in diesem Playoff-Spiel neunmal zu Boden. Er hatte mit den Vikings zwar 14 Partien gewonnen, aber die wichtigste der Saison verloren. Auch deshalb liess Minnesota ihn ziehen.
Das führte Darnold im letzten März endlich an den Ort seiner Bestimmung. Der Empfang war alles andere als herzlich. Die Fans schrieben Darnold ab. Die Medien vermittelten sofort das Gefühl, dass Seattle mit diesem Quarterback schlechter ist als in der Saison zuvor. Die Teamkollegen akzeptierten ihn aber sofort als neuen, wichtigsten Spieler.
Und so kam es, dass Darnold mit Seattle eine grandiose Saison spielte und nach der gewonnenen Super Bowl in der Garderobe mit Champagner auf den Titel anstiess. Und den Journalisten, die ihn abgeschrieben hatten, beantwortete er Fragen. Ein Traum sei wahr geworden, antwortete er auf die Frage, wie man sich als Super-Bowl-Sieger fühle. Und die Vince-Lombardi-Trophy sei "viel leichter, als ich gedacht hätte". Und nein, es bedeute ihm nichts, es den Kritikern gezeigt zu haben. "Ich bin mein grösster Kritiker. Ich bin Perfektionist. Ich habe das Gefühl, im Spiel ein paar Chancen vergeben zu haben. Um ehrlich zu sein: Ich hätte viel besser spielen können und wir viel höher gewinnen müssen."
PS: Die Minnesota Vikings entliessen letzte Woche ihren General Manager - weil er vor einem Jahr Sam Darnold bewusst hat ziehen lassen.