Tour de Suisse: Angriff mit neuem Konzept und Topstar Pogacar
Ab Mittwoch rollt wieder die Tour de Suisse durch unser Land. Ein neues Konzept und namhafte Fahrer sollen dafür sorgen, dass Herr und Frau Schweizer auch in Zukunft mit den weltbesten Velofahrern mitfiebern.
Es ist noch nicht lange her, da war die Tour de Suisse ein Leuchtturm unter den Schweizer Sportveranstaltungen. Die durchs Land rollende Karawane sorgte für Begeisterung. Jung und alt pilgerten an den Strassenrand, um den Stars zuzujubeln. Dass man nur einen kurzen und flüchtigen Blick auf die Profis werfen konnte, war nebensächlich. Hauptsache, man war dabei. Und konnte sich ein paar mehr oder weniger sinnvolle Giveaways von der Werbekolonne ergattern, die vor dem Feld die Strecke abfuhr.
Finanzielle Gratwanderung
Die Zeiten haben sich geändert. Die Zahl der Firmen und Fahrzeuge in der Werbekolonne wurde immer kleiner, ebenso die Aufmerksamkeit, welche die Velorennfahrer auf sich zogen. Im Gegenzug wurden die finanziellen Herausforderungen für die Veranstalter immer grösser. Die Organisatoren bezeichneten die Veranstaltung zuletzt auch selber als finanzielle Gratwanderung, da auch die Suche nach Sponsoren immer schwieriger und aufwendiger wurde.
Diese Herausforderungen bedingten Massnahmen und Konsequenzen, quasi einen Angriff. So dauert die Tour de Suisse statt wie früher acht oder neun Tage nun nur noch fünf Tage. Die Rennen der Männer und der Frauen finden am selben Ort, am selben Tag und auf mehr oder weniger identischen Strecken statt. Die fünf Etappen sind überwiegend Rundkurse mit Start und Ziel am gleichen Ort. Dies als Reaktion auf das veränderte Zuschauerverhalten und um den Aufwand zu verringern und Synergien zu nutzen. «Die Tour de Suisse ist nicht nur noch ein Velorennen, die Tour de Suisse ist ein Unterhaltungsevent. Wir konkurrenzieren mit vielen anderen Veranstaltungen», erklärt Tour-Direktor Olivier Senn. «Wir müssen noch mehr vom reinen Sport wegkommen und in den Ortschaften auch etwas bieten können.»
Die Organisatoren sind der Überzeugung, dass sie diese Anforderung mit dem neuen Konzept viel besser erfüllen, dass die Besucherinnen und Besucher während des ganzen Tages unterhalten werden, vom Einschreiben der Fahrerinnen und Fahrer am Morgen bis zur Siegerehrung am frühen Abend. «Die Zuschauer sollen nicht nur rasch eine Durchfahrt sehen, sondern etwas erleben. Das ist ganz wichtig für die Zukunft der Tour des Suisse und vielleicht des Radsports generell, wir müssen wegkommen von den manchmal langweiligen Fahrten von A nach B.»
Am Ende steht und fällt die Attraktivität eines Sportevents aber mit seinen Stars. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind entscheidend für den Erfolg eines Sportevents, Und da überzeugt die Tour de Suisse 2026 mit einem illustren Starterfeld. Im Kampf um den Gesamtsieg steht ganz klar der Slowene Tadej Pogacar im Fokus. Der vierfache Tour-de-France-Sieger und zweifache Strassenweltmeister hat in dieser Saison mit Siegen bei Strade Bianche, Mailand-Sanremo und der Flandern-Rundfahrt sowie dem Gesamtsieg an der Tour de Romandie mehrere Ausrufezeichen gesetzt.
Wer beendet die Schweizer Durststrecke?
Sein wohl gefährlichster Widersacher wird wohl sein Landsmann Primoz Roglic sein, am Start stehen aber auch der talentierte Italiener Antonio Tiberi und der vielseitige Thomas Pidcock. Der zweifache Mountainbike-Olympiasieger ist auch auf der Strasse top, gewann in dieser Saison Milano-Torino und wurde 2024 an der Tour de Suisse Gesamtsechster wurde. Nicht vergessen sollte man auch den Ecuadorianer Richard Carapaz, der 2019 den Giro und 2021 die Tour de Suisse sowie Olympia-Gold gewann. Im Kampf um Etappensiege werden wohl Routinier Michael Matthews und der Niederländer Mathieu van der Poel als mehrfacher Monument-Sieger und Radquer-Weltmeister regelmässig ein Wort mitreden. Aus Schweizer Sicht ist zu hoffen, dass die lange Durststrecke seit dem letzten Etappensieg von Stefan Küng am 11. Juni 2023 in Einsiedeln beendet werden kann. Die heissesten Kandidaten dafür sind wohl Mauro Schmid und Marc Hirschi.
Bei den Frauen ruhen die Schweizer Hoffnungen auf Marlen Reusser, Vorjahressiegerin der Tour de Suisse und amtierende Weltmeisterin im Zeitfahren – sie ist die Heimfavoritin schlechthin, sagt aber: «Die Tour de Suisse liegt mir am Herzen. Ich fahre zu Hause, spreche Schweizerdeutsch und erlebe, wie das ganze Land ein Velofest feiert. Aber es wird sehr schwierig, erneut zu gewinnen. Meine Erwartungen sind bescheiden. Der Fokus liegt auf der Tour de France.»
Der Gedanke an die Tour de France fährt auch bei den Männern mit. Die Topstars legen ihren Fokus vermehrt auf die grossen Rundfahrten Tour de France, Giro d’Italia und Vuelta und bevorzugen in der Vorbereitung kürzere und intensivere Etappen. So, wie es die Tour de Suisse heute bietet, nachdem in der Vergangenheit vor allem auch Kilometer gebolzt und massenweise Höhenmeter «gefressen» wurden.
Der Traditionsanlass Tour de Suisse erfindet sich also neu, um sich langfristig fit zu machen. Es ist eine grosse Herausforderung, zumal auch im Sport jeder Sponsoring-Franken hart umkämpft und fürs Überleben wichtig ist und Engagements aus Goodwill längst der Geschichte angehören.