Exklusiv - Renato Steffen : "Wir sind nicht mehr das kleine Lugano!"
Nach viereinhalb Jahren beim VfL Wolfsburg in der Bundesliga ist Renato Steffen im vergangenen Sommer in die Schweiz zurückgekehrt. Der 31-jährige Nationalspieler steht mit dem FC Lugano im Cupfinal, spielt in der Super League an der Tabellenspitze mit und kann mit einem Sieg am Sonntag gegen Luzern einen weiteren Schritt in Richtung Champions League-Qualifikation machen.
Im Sommer haben Sie von Wolfsburg zu Lugano gewechselt. Kann man sagen: Es war der richtige Entscheid?
Renato Steffen: Für mich schon, ja, vor allem auch in der damaligen Situation, auch wenn es kein einfacher Entscheid war. Ich wäre eigentlich sehr gerne in Wolfsburg geblieben, aber es hat damals nicht mehr alles gepasst. Ich musste mich fragen: Ist es mir wichtig, in Wolfsburg zu bleiben und zu hoffen, dass ich wieder mehr Einsätze bekomme? Oder ist es mir wichtig zu wissen, dass ich spielen kann, um so Chancen auf eine WM-Selektion zu haben? Ich entschied mich für die Rückkehr und heute sagte ich: Es war ein guter Entscheid.
In der Super League steht Lugano auf dem zweiten Platz, dazu habt ihr den Cupfinal erreicht. Das sieht ziemlich nach Optimum aus…
Das ist so. Am Anfang war es für mich nicht leicht, denn es war ein krasser Unterschied gegenüber dem, was ich zuvor erlebt hatte. Ich wusste zwar, was auf mich zukommt, aber das muss man auch zuerst erleben. Je länger wir nun zusammenspielen, desto mehr greift alles. Ich versuchte mich einzubringen, gewisse Dinge zu ändern – und das klappt. Mit etwas Verspätung haben wir herausgefunden, wie die Mannschaft funktioniert, und deshalb denke ich schon, dass wir in dieser Saison nahe am momentanen Optimum sind.
Täuscht es oder wird Lugano in der Deutschschweiz teilweise ziemlich stark unterschätzt?
Mega, das sehe ich auch so! Das sieht man beispielsweise bei der Berichterstattung. Lugano wird nur am Rande erwähnt, wenn wir nicht gerade gegen die Top-Mannschaften spielen. Aber das war schon immer so, der FC Lugano war nie richtig auf dem Radar. Wir als Klub können im Endeffekt nicht viel mehr tun, als unsere Leistung abzurufen, vorne dabei sein – und dies dauerhaft. Dann könnte Lugano vielleicht auch in der Deutschschweiz ein grösseres Thema sein. Das liegt aber in erster Linie an uns.
Was macht euch als Mannschaft so stark?
Wir haben eine gute Mischung gefunden, etwas weg davon, in erster Linie defensiv zu stehen, abzuwarten und zu hoffen, dass wir so ein Resultat über die Zeit bringen. Heute reagieren wir nicht mehr, sondern agieren. Wir wollen aktiv dem Spiel unseren Stempel aufdrücken, nach vorne spielen, Chancen kreieren, dominant sein. Es ist ein Wandel, in dem wir uns befinden, viele Spieler bekommen eine neue Rolle, der Druck ist höher. Das ist gut so, denn so können wir diese Saison auch zum Lernen nützen.
Ist Ihr Interview vom vergangenen Februar mit dem Corriere, das den Eindruck vermittelte, dass Sie gerne ein Leader sein möchten, sich aber nicht von allen Mitspielern akzeptiert fühlen, also Schnee von gestern?
Es war das, was mich zu diesem Zeitpunkt beschäftigt hat. Ich sah Punkte, die man in dieser Mannschaft ändern muss, um mehr Erfolg zu haben. Ich sah, dass die Mannschaft Potenzial hat, um da zu stehen, wo wir heute sind. Aber mich hat genervt, dass man dieses Potenzial nicht mit aller Konsequenz ausschöpfen wollte. Dass man nicht versuchte, den maximal möglichen Erfolg zu erreichen – ob einem dies dann auch gelingt, ist eine andere Sache. Wenn man das klar anspricht und danach erfolgreicher ist, denkt man sich wohl schon: Vielleicht meint es Renato nicht immer negativ, sondern positiv, einfach in einem anderen Ton, als wir es uns sonst gewöhnt waren. Es ist doch so: Wenn etwas funktioniert, macht man es plötzlich gerne. In diesem Prozess steckt unsere Mannschaft und mir macht es Freude, hier dabei zu sein, weil ich sehe, dass alle mehr wollen. Aber zurück zu Ihrer Frage: Ja, das Interview ist vergessen.
Die Zukunft heisst: Spitzenkampf gegen Luzern. Was erwarten Sie?
Das wird ein schwieriger Match. Luzern ist ebenfalls sehr gut drauf. In einer schwierigen Phase mit vielen Nebengeräuschen abseits des Platzes hat die Mannschaft das Optimum herausgeholt. Die Luzerner sind gefestigt. Am Sonntag treffen zwei Teams auf Augenhöhe aufeinander, da werden Details entscheiden – ich denke, dass die Mannschaft gewinnt, die das erste Tor erzielt.
In den bisher drei Saisonduellen habt ihr gegen den FCL nur einen Punkt geholt. Es ist Zeit, dies zu ändern, oder?
Das ist so! Das erste Auswärtsspiel im Oktober war hart umkämpft, am Ende haben wir aber verdient verloren. Heute sind wir aber anders. Ein Rückschlag, ein blödes Gegentor wirft uns nicht mehr aus der Bahn. Aber in Luzern braucht es wirklich eine Top-Leistung, da muss jeder hoch konzentriert sein.
Ist der 2. Platz überhaupt attraktiv? Da droht die Champions League-Quali und das frühe Ende der europäischen Reise statt eines Fix-Platzes zumindest in der Conference League…
Rang 3 ist tatsächlich fast bessergestellt. Aber für mich gibt es diesbezüglich nur einen Weg: Wenn man die Champions League-Qualifikation spielen kann, muss man das mitnehmen. Es ist eine Erfahrung, die jeder machen kann. Natürlich ist es sehr schwierig, es bis in die Gruppenphase zu schaffen, aber es gibt ja dann immer noch die Möglichkeit, sich für die Gruppenphase der Europa League oder der Conference League zu qualifizieren. Wir müssen so denken, grösser denken, die Einstellung ändern. Wir sind nicht mehr das kleine Lugano und müssen die Champions League-Quali bestreiten, wenn wir die Gelegenheit bekommen. Wenn man etwas nicht probiert, kann man es auch nicht erreichen. Deshalb müssen wir mit aller Macht versuchen, den zweiten Platz zu erreichen.
Sie sind seit Jahren dabei. Sorgt die finale Phase einer Saison noch für ein Kribbeln oder ist es Routine?
Es ist sicher etwas speziell. Nun kommen die Spiele, die extrem wichtig sind, dennoch gehe ich sie etwas gelassener an als früher. Trotzdem wird es Spiele mit einem speziellen Kribbeln geben, beispielsweise den Cupfinal gegen YB. Aber es ist sicher nicht so, dass ich bereits während Wochen zuvor immer an dieses Spiel denke.
Der FC Lugano hat mit Abstand den tiefsten Zuschauerschnitt der Liga. Das wird nach Jahren in der Bundesliga, in Basel und Bern nicht immer ganz einfach sein, gerade für einen Spieler wie Sie, der die Emotionen braucht und mit ihnen spielt…
Die Fans, die an unseren Spielen sind, unterstützen uns auch und geben etwas zurück, wenn wir gut spielen. Aber klar, für einen Spieler wie mich, der Emotionen und die Nähe zu den Fans braucht, ist es nicht einfach, auf Anhieb eine Bindung zu einem Verein zu bekommen. Das ganze Drumherum, inklusive Fans, hat einen Einfluss auf das Wohlfühlen in einem Verein, die Identifikation. In Lugano ist der Zuschauerschnitt seit Jahren tief, aber mit Erfolgen wird sich das ändern. Nehmen wir YB: In meiner Zeit in Bern, als wir nicht immer erfolgreich waren, lag der Schnitt auch bei rund 15'000 Zuschauern. Und jetzt ist jedes Spiel ausverkauft. Der Erfolg bringt auch die Zuschauer, aber dies auf Dauer auf den Rasen zu bringen, wird auch für den FC Lugano die Challenge sein.
Aber fühlen Sie sich mit Ihrer Familie im Tessin wohl?
Der Lebensstandard ist hier enorm viel höher als in Wolfsburg, für die Familie ist es überragend. Aber man darf trotz des schönen Lebens nicht vergessen, dass der Fussball Priorität hat und im Zentrum steht.
Der letzte Zusammenzug und die drei Tore im Spiel gegen Belarus haben gezeigt, dass Sie auch in der Nationalmanmannschaft auf Kurs sind…
Ich fühle mich topfit, in der Nati sehr gut aufgehoben und seit Murat Yakin Coach ist, hat sich da auch für mich einiges geändert. Bei ihm weiss ich immer, woran ich bin, und er weiss, was er an mir hat. Ich bin ein Typ, der etwas zu 100 Prozent oder gar nicht macht. Wenn ich die Möglichkeit bekomme, will ich immer in der Nati dabei sein und das Vertrauen mit Leistung zurückzahlen. Es gibt für mich keinen Anlass, etwas daran zu ändern.