Zum Rückrundenstart: 6 SL-Exponenten, die etwas zu beweisen haben
Es geht wieder los: Mit zwei Nachholpartien des 19. Spieltages startet die Schweizer Fussballmeisterschaft heute Abend in die zweite Saisonhälfte. Nach einem nicht unbedingt erwarteten Saisonverlauf steht von T wie Thun bis zu W wie Winterthur einiges auf dem Spiel - insbesondere bei den folgenden sechs Super-League-Exponenten.
Gerardo Seoane
Das steht auf dem Spiel: Sein Ruf als Erfolgstrainer. Einst holte Seoane mit YB drei Meistertitel in Folge, galt als kommender Trainer-Shootingstar. Zwei enttäuschende Engagements bei Leverkusen und Gladbach später, sieht zumindest die Bundesliga den Luzerner mit anderen Augen. Kommen auch in der Schweiz bald Zweifel auf?
Diese Herausforderung gilt es zu meistern: Mentalität, Abwehrverhalten und Konstanz – drei scheinbar ewige Problemzonen beim bislang so enttäuschenden Ligakrösus. Wobei das grösste Defizit wohl im mentalen Bereich anzuordnen ist. Gelingt es Seoane, Gelb-Schwarz dauerhaft die richtige Einstellung zu vermitteln, dürfte sich auch die Abwehrproblematik und Punktestatistik verbessern. Luft nach oben hat die zweitschwächste Defensive der Liga mit Sicherheit genug.
Das darf nicht passieren: Weitere Totalaussetzer wie beim 0:5 in Lausanne oder dem 2:6 gegen GC. Dabei erstaunlich: Die ersten drei Spiele unter Seoane beendeten die Berner mit 9:1 Toren und 7:2 Punkten. Seitdem ist die Bilanz der Berner unter dem Rückkehrer jedoch katastrophal. Auch wenn der Titel möglicherweise bereits verspielt wurde – alles andere als Platz Nr. 1 oder 2 in der Rückrundentabelle und ein Top-3-Finish wären inakzeptabel.
FC Thun / FC St. Gallen
Das steht auf dem Spiel: Der positive Eindruck einer tollen Vorrunde und die möglicherweise einmalige Möglichkeit auf den Titel. Dass der FCT und der FCSG die Hinserie auf den Rängen 1 und 2 beendeten, ist kein Zufall. Wer mit über die besten Offensiv- und Defensivreihen verfügt, steht zu Recht an der Tabellenspitze.
Diese Herausforderung gilt es zu meistern: Können die beiden Überraschungsteams dieser Saison ihre Pace und ihren Fokus auch dann halten, wenn der schöne Traum von der Meisterschaft plötzlich Realität werden kann? Wenn man sowohl im Berner Oberland wie auch in der Ostschweiz nicht mehr nur gewinnen, sondern gefühlt auch etwas verlieren kann? Die kommenden Monate werden es zeigen.
Das darf nicht passieren: Komme was wolle – solange die Thuner und St. Galler auch im Falle einer Niederlage bei sich selbst bleiben, haben sie die Fähigkeiten, auf Rückschläge entsprechend zu reagieren. Beide haben dies in dieser Spielzeit bereits demonstriert. Was zudem helfen würde: Wenn sich Leistungsträger wie Görtler, Vogt, Ibayi oder Bertone etwaige Formkrisen oder Verletzungspausen für die kommende Spielzeit aufheben würden.
FC Lugano
Das steht auf dem Spiel: Die nächste Titelchance. Vor einem Jahr starteten die Bianconeri als Wintermeister in die Rückrunde – und versagten auf sprichwörtlich ganzer Linie (Meisterschaft, Cup, UEFA Conference League). Der Kollaps war so dramatisch, dass er bis in die Anfangsphase dieser Spielzeit nachhallte.
Dieses Herausforderung gilt es zu meistern: Den richtigen Mindset. Seit rund einem Jahr brodelt es im aus Deutschschweizer Perspektive eher beschaulichen Tessin immer wieder. Zuletzt ging Stürmer Kevin Behrens seinem Sturmkollegen Rivalen Georgios Koutsias in einem bedeutungslosen Testspiel an den Kragen. Ein Vorbote von tiefer liegenden Problemen oder ein Ausrutscher? Falls Ersteres zutreffen sollte, dürfte der fehlende Spirit den Tessinern erneut die Meistersuppe versalzen.
Das darf nicht passieren: Was erstickt aufkommende Unruhe besser als alles andere? Richtig, sportliche Erfolge. Mit dem Auftaktprogramm aus Luzern (a), Winterthur (h), GC (a) und noch einmal Winti (a) haben die Luganesi auf jeden Fall beste Chancen, sich mittelfristig an der Tabellenspitze zu etablieren. Falls nicht, sind Fragen bezüglich der Titelfähigkeit der Tessiner durchaus angebracht.
Xherdan Shaqiri
Das steht auf dem Spiel: Sein Ruf als bester und wichtigster Spieler der Super League
Diese Herausforderung gilt es zu meistern: Die Flitterwochen sind vorbei. Vor einem Jahr geriet der FCB gegen Ende des Winters in einen Rausch, aus dem er nicht mehr erwachte. In der Schlussphase der Meisterschaft agierten die Bebbi und «Shaq» teilweise so dominant, als hätten sie in der Schweiz keinen Konkurrenten mehr (34:12 Tore in den letzten zehn Spielen). Doch das ist Vergangenheit. Im Herbst mühten sich Rot-Blau und sein Star mehr schlecht als recht durch den SL-Parcours. Das muss sich wieder ändern, will der FCB zumindest einen seiner beiden Titel erfolgreich verteidigen.
Das darf nicht passieren: Ob in der Super League, im Cup oder in Europa – Basel braucht für eine erfolgreiche Rückrunde wieder einen Shaqiri, der für die Bebbi den Unterschied ausmacht. Und zwar nicht mit verschossenen Elfmetern, mangelndem Defensiverhalten oder fatalen Fehlpässen, sondern mit Toren und Vorlagen, die den Baslern Punkte und Siege bringen. Dazu gehören zugegebenermassen Sturmkollegen, die auf Shaqiris Ideen eingehen und seine Zuspiele verwerten können – doch die allgemeine Stimmungslage in Basel steht und fällt mit der Laune des Captains.
GC-Besitzer Los Angeles FC
Das steht auf dem Spiel: Die Ligazugehörigkeit des Rekordmeisters und die Akzeptanz seiner amerikanischen Besitzer. «We spend to win» verkündeten diese im Rahmen der Übernahme vor knapp zwei Jahren. Bislang wurrden jedoch weder regelmässig Siege eingefahren noch substantielle Investments getätigt.
Diese Herausforderung gilt es zu meistern: Mit dem jüngsten, unerfahrensten und vielleicht auch günstigsten Kader der Super League den Ligaerhalt zu bewerkstelligen. Oder wie es Sportchef Alain Sutter vor Saisonbeginn formulierte: Mit einer Hochrisiko-Strategie. Diese geht mittlerweile zumindest insofern auf, als dass die angestrebte Wertsteigerung des Kaders (plus 80% seit dem Saisonstart) in der Vorrunde gut funktioniert hat. Allerdings ist der Wertgewinn nichts, was durch einen möglichen Abstieg des Klubs nicht wieder vernichtet werden könnte, zumal die wertvollsten Hoppers dem Klub nicht gehören.
Das darf nicht passieren: Mit den Zuzügen von Ismajl Beka (26, IV), Emmanuel Tsimba (19, MS) und Luka Mikulic (21, IV) sowie der vorzeitigen Rückkehr von Florian Hoxha (24, LV) aus Vaduz waren die Zürcher auf dem Transfermarkt ein Aktivposten. Das war allerdings auch dringend nötig, denn zu dünn war der GC-Kader von Trainer Gerald Scheiblehner in der Vorrunde, der zudem immer wieder durch Verletzungen und Sperren geschwächt wurde. Und auch jetzt gilt: Stehen den Hoppers wichtige Leistungsträger wie Captain Abrashi, Abwehrchef Diaby oder Bayern-Leihgabe Jensen nicht zur Verfügung, könnte es rasch richtig eng werden. Egal ob im Abstiegs-Fernduell mit Kantonsrivale Winti oder in einer möglichen dritten Barragateilnahme in Folge.