"Auf dem Eis haben uns die Spielerinnen positiv überrascht"
Das Eishockey-Nationalteam der Frauen startet mit einer neuen Cheftrainerin in die Saison. Shannon Miller verfügt über viel Erfahrung, eine klare Philosophie und hat eine spannende Vergangenheit.
Mit der Verpflichtung von Shannon Miller ist dem Schweizerischen Eishockeyverband ein Coup gelungen. Die 62-Jährige aus der kanadischen Provinz Saskatchewan war als kanadischer Nationalcoach und vor allem während 16 Jahren als Cheftrainerin des Universitätsteams von Minnesota (5 Meistertitel) äusserst erfolgreich. Bis ihr Vertrag 2015 nicht mehr erneuert wurde.
Es folgte ein langer Rechtsstreit, weil gleichzeitig drei Coaches, die in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung lebten, nicht weiterbeschäftigt wurden. Miller und ihre beiden Mitklägerinnen setzten sich schliesslich durch. Seither war sie nicht mehr als Trainerin tätig, nun ist sie in der Schweiz Nachfolgerin von Colin Muller. Im Interview mit Keystone-SDA erklärt sie warum.
Warum haben Sie sich für die Schweiz entschieden?
Shannon Miller: "Zunächst hörte ich, dass die Stelle frei wird, auch wenn dies noch nicht offiziell war. Daraufhin kontaktierte ich Lara Stalder (Captain des Nationalteams - Red.), die einst bei mir im College spielte. Das Verrückte war, dass sie gerade in Los Angeles in den Ferien war, zwei Stunden von meinem Wohnort Palm Springs entfernt. Wie wahrscheinlich ist das denn?"
Da konnten Sie sich gleich treffen?
"Genau, ein echter Glücksfall für mich. Wir sprachen über das Team und den Verband, und sie sagte: 'Sie sind ein grossartiger Coach. Es wäre toll, wenn Sie sich bewerben.' Ich bin ja schon etwas älter, da muss man seinen Instinkten trauen. Je länger ich mit Lara und dann meiner Partnerin sprach, desto mehr war ich überzeugt, dass ich das will."
Sagte Lara Stalder etwas Bestimmtes, das sie überzeugte?
"Wir sprachen über die jüngeren Spielerinnen, die Gen Z. Lustig ist, dass ich kurz zuvor ein Interview mit den 'Hockey News' hatte, in dem mir gesagt wurde, dass ich perfekt zur Gen Z passe und dass ich mit diesen jungen Spielerinnen vielleicht sogar ein noch besserer Coach sein könnte als in der Vergangenheit. Lara sagte im Grunde etwas ganz Ähnliches: Sie sprach über die Talente, ihre Persönlichkeit und die besondere Kultur, die diese Generation mitbringt."
Was ist Ihre Coaching-Philosophie?
"Ich bin sehr positiv, sehr nett, aber auch klar und direkt. Die Spielerinnen werden genau wissen, wo ich stehe und woran sie sind. Meine Art ist es, mit jeder Spielerin eine Beziehung aufzubauen, herauszufinden, was sie braucht und ihr das zu geben. Ich bin ein fröhlicher Mensch, und ich denke, wir werden Spass haben."
Sie haben die Spielerinnen am Montag erstmals getroffen. Was ist Ihr erster Eindruck?
"Liebe, Energie, Spass, das strahlen sie aus! Sie sagen: 'Coach, erzähl uns etwas, zeig uns etwas.' Und ganz ehrlich, auf dem Eis haben sie uns mit ihrer Qualität positiv überrascht. Sogar meine finnische Assistenztrainerin, die noch gegen sie gespielt hatte, sagte das. Wir haben natürlich stundenlang Videos von unserem Team und den Gegnerinnen geschaut, aber das ist halt immer etwas anderes. Auf dem Eis bekommt man einen ganz anderen Eindruck."
Ist die Olympiamedaille eher Motivation oder zusätzlicher Druck?
"Die ist nebensächlich. Egal, ob im College oder im Nationalteam, es ist jedes Jahr ein neues Team, eine neue Hierarchie und Dynamik. Sechs Spielerinnen sind zurückgetreten, es kommen deutlich jüngere nach. Das ist ein Thema, das wir angehen müssen. Das wird ein bisschen Zeit brauchen. Aber mit dem Leaderteam, das wir haben, werden wir das schaffen."
Was sind Ihre Ziele?
"Ich will mithelfen, ein Ökosystem aufzubauen. Das ist wie in der Natur. Bäume brauchen Wasser, Sonne und Regen. Das ist wie U16, U18 und das Eliteteam. Sie sind miteinander verbunden. Es muss von unten wachsen, wir ziehen alle nach oben, so dass sie auf jeder Stufe besser werden. Ich werde dann wahrscheinlich nicht mehr hier sein, aber ich will etwas erschaffen, das Bestand hat."
Der Abstand zwischen Kanada und den USA zum Rest der Welt mit der Schweiz ist riesig. Kann dieser aufgeholt werden?
"Ich denke schon. Dafür müssen wir dieses Ökosystem schaffen. Das heisst nicht, zu tun, was ich sage. Sondern alle zusammen, auch die Klubs, lernen von einander. So schnell wie möglich, aber auch mit so viel Freude wie möglich."
Wie viel Zeit werden Sie in der Schweiz verbringen?
"Viel. Ich bin schon umgezogen. An Weihnachten werde ich dann für zwei Wochen in die Heimat zurückkehren."
Nach Palm Springs. Fühlen Sie sich mehr kanadisch oder amerikanisch?
"Kanada, definitiv Kanada. Gerade jetzt, mit all dem, was in der Welt passiert."
2015 wurde Ihr Vertrag bei der Universität von Minnesota in Duluth nicht erneuert, es folgte ein langer Rechtsstreit. Seither waren Sie nicht mehr als Coach tätig. Wie sehr hat Ihnen das gefehlt?
"Und wie. Die ersten Jahre waren emotional nicht einfach. Ich hatte das Gefühl, etwas zu verlieren, das mir sehr viel bedeutet. Auch der Gedanke, vielleicht nie wieder zu coachen, war schwer. Gleichzeitig erlebte meine Partnerin eine ähnliche Situation, da auch sie ihren Job an derselben Universität verloren hatte. In dieser Zeit mussten wir einige Herausforderungen meistern und uns immer wieder neu orientieren. Umso schöner war es, als der Rechtsstreit schliesslich zu unseren Gunsten ausging.