Das beste Spiel aller Zeiten? Zwei Meinungen zu PSG vs. Bayern
Neun Tore und am Ende ein knackiges 5:4: Das Halbfinal-Hinspiel in der Champions League zwischen Titelverteidiger Paris Saint-Germain und dem FC Bayern München offerierte Vieles, was das Fussballherz begehrt. War es vielleicht sogar das beste Fussballspiel aller Zeiten? Unsere Redaktoren Patrick Y. Fischer und Andy Maschek sind sich nicht einig.
Patrick Y. Fischer sagt: Ja
Für einmal waren sich auch die beiden Trainer einig. «Aussergewöhnlich» sei es gewesen, dass torreichste Halbfinale in der Champions-League-Geschichte, resümierten die beiden Hauptübungsleiter nach geschlagener Schlacht im Parc des Princes. Und während der zweifache CL-Sieger Luis Enrique gar vom besten Spiel sprach, an dem er je teilgenommen habe, fand sein Gegenüber Vincent Kompany zumindest noch ein Haar in der Suppe. «In der zweiten Halbzeit haben wir das vielleicht nicht genügend verteidigt.»
Das kann man so sehen, muss man aber nicht. Zumindest nicht als Beobachter dieses Sports, der allzu oft von Taktik geprägte «Langweiler» produziert, die «nur» für Jene 90 Minuten lang verdaulich sind, deren Herz innig an einem der beiden Kontrahenten hängt. Gestern aber war das anders, für Fans, für neutrale Beobachter – ja, vielleicht sogar für Fussball-Casuals, die mehr oder weniger zufällig Zeugen dieses grossartigen Duells wurden.
Denn was die beiden Teams da auf den Pariser Rasen zauberten, habe auch ich so noch nie gesehen. Neun Tore in einem Spiel dieser Tragweite. Zwei Trainer, die ihre Mannschaften gnadenlos offensiv ausrichteten. Und insgesamt 29 grösstenteils hochbegabte Akteure, die der Marschrichtung ihrer Coaches bedingungslos folgten. Mit eiskalten Vollstreckern (Ousmane Dembélé und Luis Diaz), begnadeten Dribblern (Khvicha Kvaratskhelia und Michael Olise) und überraschenden Torschützen, die so vor der Partie niemand auf der Rechnung gehabt haben dürfte (Joao Neves, Dayot Upamecano).
Natürlich gab es den einen oder anderen Defensivakteur, der die 90 Pariser Minuten nicht in bester Erinnerung behalten dürfte. Doch auch das war in letzter Konsequenz einfach eine Folge zweier Teams, die im «Ultra-Speed» den Weg zum gegnerischen Tor suchten, die gewinnen, aber vor allem Tore erzielen wollten. Und genau das war das einzigartig Spezielle am gestrigen Halbfinal-Abend, an dem sich zwei Mannschaften gegenüberstanden, deren wichtigste taktische Vorgabe es war, mindestens ein Tor mehr als der Gegner zu schiessen. Auftrag erfüllt, würde ich sagen, und freue mich leise bereits auf den kommenden Mittwoch. Durchaus denkbar, dass wir in der Allianz Arena dann Zeugen des «zweitbesten Spiels aller Zeiten» werden.
Andy Maschek sagt: Nein
Jedes Spiel hat seine eigene Geschichte, wobei dieser Halbfinal ein äusserst gelungenes Gesamtwerk aus gefühlt unzählbaren Kapiteln war. Ein packendes Offensivspektakel, bei dem sich jeder Fussballfan köstlich amüsierte. Tempo, Intensität, ein offener Schlagabtausch, der nicht nur für die Spieler anstrengend war, sondern auch für die Zuschauer. Zeit, um mal tief durchzuatmen, blieb fast nicht. Es war Action pur, eine epische Offensivshow, die in die Geschichte eingehen wird. Der Beweis, dass sich da zwei Teams der absoluten Spitzenklasse duellierten. Zwei Mannschaften, in denen Lastwagenladungen an Talent versammelt sind.
Dass alle Zuschauenden Zeugen eines speziellen Spiels wurden, mag wohl niemand bestreiten. So viel Sturm und Drang, so viele fussballerische und technische Finessen, Aktionen für die Galerie und magische Momente, dass einem beim Zuschauen fast schwindlig wurde. Aber dennoch möchte ich mir nicht anmassen, diesen Match als das beste Fussballspiel aller Zeiten zu bezeichnen.
Wenn man vom «besten» Fussballspiel spricht, misst man wahrscheinlich die Qualität. Betreffend Offensive ist es nachvollziehbar, dieses Duell in einer Hitliste ganz oben zu platzieren. Neun Tore in einem Halbfinal auf diesem Niveau sind einzigartig. Vom sonst so verbreiteten Rasenschach war für einmal nichts zu sehen. Statt taktischer Fesseln gab es offensiven Freigeist. Es war schon fast wie bei einem Spiel irgendwo in einer Juniorenliga im tiefsten Breitensport oder bei untergehender Sonne auf einem Bolzplatz, wo den Teilnehmenden das Temperament durchgeht und Spass und Freude überwiegen und die Disziplin ausgedribbelt wird.
Doch genau dieser Aspekt bringt mich dazu, dieses Spiel auch anders anzuschauen. Wir haben ein Halbfinalspiel der Champions League 2025/26 gesehen. Das Duell, da mag wohl niemand widersprechen, von zwei der aktuell besten Klubmannschaften der Welt. Der vorgezogene Final der Königsklasse. Doch wenn man qualitativ urteilt, muss auch die Defensive berücksichtigt werden – und da fällt die Note bei beiden Mannschaften angesichts ihres eigentlichen Anspruchs und ihrer theoretischen Fähigkeiten nicht wirklich gut aus.
Bisweilen war es nicht nur ein attraktiver Schlagabtausch, sondern ein vogelwildes Spiel, in dem kaum mehr ein Defensivkonzept sichtbar war. Hinten Fehler und Blackouts, vorne Spektakel und Tore: Es war eine attraktive Kombination, die Spass gemacht hat oder gemacht haben muss. Es war das spektakulärste Spiel, an das ich mich auf diesem Niveau erinnern kann. Aber weil so viele Fehler und Unzulänglichkeiten mit dabei waren, war es für mich nicht das beste Spiel aller Zeiten.