Deutschland trotz Niederlage mit Aufwärtstendenz
Zwar zeigt Deutschland bei der 3:4-Niederlage nach Penaltyschiessen gegen Titelverteidiger USA das bislang beste Spiel an dieser WM. Dennoch wird es für Trainer Harold Kreis eng.
Im vergangenen Jahr verpasste Deutschland erstmals seit 2018 an einer WM die Viertelfinals. Nun droht in Zürich das gleiche Schicksal mit nur einem Punkt aus den ersten vier Spielen, nachdem das Team von Bundestrainer Harold Kreis auch an den Olympischen Winterspielen im Februar enttäuschende Leistungen gezeigt hatte.
Die Partie gegen die USA zeigte immerhin, dass die Mannschaft lebt. "Es war auf jeden Fall ein Schritt vorwärts", sagt Marc Michaelis, der einst für die SCL Tigers und den EV Zug gespielt hat, im Interview mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Gegen die Schweiz (1:6) hätten sie bis zum ersten Gegentor (26.) gut gespielt. "Nun schulden wir es uns selbst, dass wir uns über 60 Minuten beweisen, wie gut wir sind, und das haben wir gemacht. Ich glaube, wir haben heute genug getan, um das Spiel zu gewinnen, letztendlich hat es nicht gereicht. Wir werden sehen, wie wichtig der Punkt im Verlauf des Turniers noch wird."
Klar ist, dass die Deutschen die letzten drei Partien gegen Ungarn (am Freitag), Österreich (Samstag) und Grossbritannien (Montag) allesamt gewinnen müssen, um die Viertelfinals zu erreichen. Gelingt das nicht, dürfte die Zeit von Kreis an der Bande trotz Vertrag bis 2027 zu Ende gehen, umso mehr, als die WM im kommenden Jahr zu Hause in Düsseldorf und Mannheim stattfindet.
Nach der 2:6-Pleite im Februar im Olympia-Viertelfinal gegen die Slowakei kritisierte NHL-Superstar Leon Draisaitl: "Auf dem Niveau ist das zu schwer, wenn nicht alle auf der gleichen Seite sind und alle wissen, wie wir spielen wollen". Das war auch eine klare Kritik an Kreis, der das Team vor drei Jahren an seiner ersten WM als Bundestrainer noch zur Silbermedaille geführt hatte.
Draisaitl sagte für die WM aus gesundheitlichen Gründen ab, wie auch die ebenfalls in Nordamerika engagierten Tim Stützle, J.J. Peterka und Nico Sturm. Es gibt jedoch Gerüchte, dass das Fernbleiben auch mit Kreis zu tun habe. Zumindest beim langjährigen Captain Moritz Müller dürfte das der Fall sein, er verzichtete offiziell aus familiären Gründen, kommentiert nun aber vor Ort. Vor den Olympischen Spielen wurde er von Kreis als Captain abgesetzt.
Von aussen wird Kreis, der 2006 mit Lugano und 2008 mit den ZSC Lions Meister wurde, vorgeworfen, zu wenig Impulse von der Trainerbank zu geben. So verzichtete er beispielsweise zweimal auf eine Coaches Challenge wegen einer möglichen Torhüterbehinderung - gegen die USA beim 3:3 (55.). Wie auch immer: Für ihn gibt es noch einiges zu tun. Während 22 Minuten im Powerplay gelang den Deutschen kein Treffer - gegen die Schweiz kassierten sie gar einen Shorthander. Dafür gab es in neun Unterzahlsituationen fünf Gegentore, und die Schusseffizienz beträgt aktuell bloss 5,38 Prozent.
Nach dem 1:6-Debakel schrieb der "Spiegel", dass das Team wie ein Absteiger spielen würde. Damit konfrontiert, antwortete Michaelis: "Zu Hause gibt es nicht viele, die an uns glauben, aber die Mannschaft glaubt an sich selbst, das hat man heute gesehen. Wir trafen viele gute Entscheide, man merkte, dass ein Rad ins andere gegriffen hat. Das gibt Selbstvertrauen für die kommenden Spiele."
Eine schlechte Stimmung im Team stellte Michaelis in Abrede. Wie schätzt er die Mannschaft allgemein ein im Vergleich mit anderen Jahren - Kreis zählt auf fünf WM-Neulinge? "Natürlich ist jedes Team anders. Wir haben am Anfang nicht wirklich zusammengefunden. Schau dir die Schweizer an: Sie haben eine unglaublich gute Generation, spielen seit vielen Jahren zusammen und wissen genau, wo jeder steht. Da läufst du als Mannschaft wie wir ein bisschen hinterher, aber langsam geht es aufwärts und wir verstehen uns besser auf dem Eis."
Auf den Hinweis, dass auch Deutschland die Möglichkeit hätte, über Jahre ein eingespieltes Team aufzubauen, entgegnet er: "Haben wir, ja. Aber nicht ich treffe die Entscheide." Kreis steht nur wenige Meter entfernt.