Die Kauflust der Stars
Jeff Bezos gibt Milliarden aus, Thomas Müller oder Mats Hummels immerhin einige Millionen, und Lionel Messi legt sich langsam ein Portfolio zu. Das Interesse von Investoren am europäischen Fussball scheint ungebrochen. Ende August haben Müller und Hummels mit weiteren Teilhabern wie dem Schweizer Goalie Yann Sommer den portugiesischen Erstligisten Estrela Amadora für kolportierte 40 Millionen Euro übernommen. Messi hat den spanischen Zweitligisten CD Eldense übernommen; die Transaktion muss noch genehmigt werden, den Fünftligisten UE Cornella besitzt er bereits.
Die Investorengelder sprudeln offenbar, doch woran liegt das? "Es hat einen Wandel gegeben", sagt Sportökonom Christoph Breuer von der Deutschen Sporthochschule in Köln. Vor einem Jahrzehnt habe es viele sogenannte "Sugar-Daddys" gegeben, also Investoren, bei denen eher die soziale Anerkennung als wirtschaftliche Interessen im Vordergrund stand. "Heute sehen wir vermehrt Investoren, die eine wirtschaftliche Rendite suchen."
Allerdings sind Fussballvereine spezielle Investments. Grosse Gewinne aus dem normalen Geschäft werfen sie nicht ab. Bayern München hat 2024/25 einen Gewinn von 27 Millionen Euro erzielt. Zum Vergleich: Die deutschen Dax-Unternehmen verbuchten zuletzt einen durchschnittlichen Gewinn von 2,8 Milliarden Euro. Bei einem Fussballklub steht eben maximaler sportlicher Erfolg bei wirtschaftlicher Stabilität statt Gewinnmaximierung im Vordergrund.
Was macht Investments gerade in Europa trotzdem interessant? Es geht um Fantasie und Wertsteigerung. "Es gibt eine hohe Dichte an professionalisierten Klubs - und die Ligen sind offen. Es gibt die Möglichkeit des Aufstiegs", erklärt Breuer.
Das ist ein entscheidender Unterschied zum Profisport in den USA, wo die Eliteligen eine geschlossene Gesellschaft sind. "In den USA sind die Preise in den Himmel geschossen", sagte Gerry Cardinale, Eigner der AC Milan, gegenüber der Financial Times. "Also schaut man nach Europa. Es ist eine Chance, sich in die globale Unterhaltung mit Rabatt einzukaufen."
2016 waren 17 europäische Klubs in der Hand von amerikanischen Investoren, zehn Jahre später sind es 117. Der Rapper Snoop Dogg hält Anteile an Swansea City. Die Schauspieler Ryan Reynolds und Rob McElhenney haben mit dem walisischen Provinzverein Wrexham eine wohl einmalige Erfolgsgeschichte geschrieben, indem sie den damaligen Fünftligisten durch eine TV-Show zu einer globalen Marke aufgebaut haben - drei Aufstiege inklusive.
Bei Aufstiegen oder der Qualifikation für einen europäischen Wettbewerb habe man im Fussball laut Breuer dann "Sprunggrössen, die weitaus höher als in der normalen Industrie sind". Letztlich sei es aber ein "Rattenrennen", da eine Vielzahl von Klubs um begrenzte Plätze konkurrierten. Im Gegensatz zum Sport in Nordamerika gibt es auch Abstiege, die das Risiko signifikant erhöhen.
Die Chancen sind allerdings ebenso signifikant. Mit Blick auf die vergangenen 20 Jahre waren die Wertsteigerungen im US-Sport im Vergleich zum Börsen-Leitindex S&P 500 mindestens doppelt so hoch. Diesen Wert erreichten europäische Klubs im selben Zeitraum nicht, was die Fantasie zusätzlich anregen dürfte.
Der durchschnittliche Wert eines NFL-Teams lag im letzten Jahr bei sieben Milliarden Dollar. Da wirken die 2,4 Milliarden Euro, die eine Investorengruppe um Amazon-Boss Bezos für fast 40 Prozent der Anteile am FC Liverpool bezahlt hat, wie ein guter Deal.
Und es gibt noch eine andere Zahl, auf die gerade amerikanische Investoren schauen, den Umsatz pro Fan. Es ist allerdings eine etwas schwammige Kennziffer, da die genaue Anzahl an Fans eines Teams nicht korrekt bestimmt werden kann.
"Zudem behaupten viele Investoren aus den USA mit Blick auf europäische Klubs, dass diese im Vergleich mit dem US-Sport nicht systematisch kommerzialisiert sind. Dort sehen sie ebenfalls Potenzial", sagt Breuer. Die Kanzlei Clifford Chance schreibt in ihrem Branchenbriefing im März dieses Jahres: "Der europäische Fussball liegt bei der Vermarktung zehn bis zwanzig Jahre hinter dem US-Sport."
Real Madrid ist der umsatzstärkste Klub Europas. Pro Fan machen die Königlichen 2,57 Dollar Umsatz. Zum Vergleich: In der Basketball-Liga NBA sind es 28,25 Dollar pro Fan, beim ebenfalls durchkommerzialisierten Football der NFL gar 140 Dollar. Es kann also nachvollziehbar sein, wenn amerikanische Investoren noch Luft nach oben sehen, zumal der Fussball ein globaler Sport ist. Vergleicht man allein die Ticketpreise, kommt man in Europa als Fan noch glimpflich davon. Dasselbe gilt für Fanartikel wie Trikots.
Doch so einfach dürfte die Rechnung nicht aufgehen. In Europa haben Klubs eine höhere soziale Funktion, so dass eine wirtschaftliche Ausbeutung der Fans oft nicht im Interesse der Eigner ist. Weltweit betrachtet sind Fans in einigen afrikanischen, asiatischen oder lateinamerikanischen Ländern zudem oft nicht in der Lage, mehr Geld auszugeben.
Es gibt im Fussball zudem genügend Beispiele, dass Investments in die völlig falsche Richtung gehen können. In Deutschland sorgte der Unternehmer Lars Windhorst 2019 mit einem Investment von 125 Millionen Euro in Hertha Berlin für Schlagzeilen, das später auf 374 Millionen wuchs. Doch statt in der Champions League fand man sich vier Jahre später in der 2. Bundesliga wieder. Windhorst war da längst wieder weg; er hatte seine Anteile an den nächsten Investor verkauft.
Die Millionen werden so zum Fluch. "Eine mit zu viel frischem Geld aufgeblähte Kostenstruktur lässt sich nur schwer wieder zurückfahren. Hertha ist ein gutes Beispiel hierfür", sagt Breuer. Es gebe auch Beispiele, wie ein Investor mit einer gewissen Marketing-Naivität einen ganzen Klub umkrempeln wollte. "Von den Farben über das Logo bis zum Heimtrikot. Das schafft Widerstände und kann dann schnell nach hinten losgehen."