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Die WM und das Wetter: im Extremfall "lebensbedrohlich"

Keystonr

Jacke in Vancouver, Flip-Flops in Dallas. Das Wetter macht die Fussball-WM zu einem Turnier der Extreme. Wie sich Städte vorbereiten, was die FIFA unternimmt, wo Hitzeschlachten und Gewitter drohen.

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Auch wenn die Bedingungen bei der Schweizer Nationalmannschaft in San Diego perfekt und die Temperaturen nicht extrem hoch sind, kommt der Flüssigkeitszufuhr eine grosse Bedeutung zu © KEYSTONE/PETER KLAUNZER

Rauchschwaden wehen am Montag rund um das Sorrento Valley. Nur rund zehn Fahrminuten vom Basecamp der Schweizer Nationalmannschaft entfernt ist am Morgen ein Buschfeuer ausgebrochen, das sich schnell auf eine Fläche von rund 18 Hektaren ausbreitet. Am Abend geben die Behörden Entwarnung, der Brand ist unter Kontrolle.

Abgesehen von diesem Störfeuer findet das Team von Murat Yakin nördlich von San Diego perfekte Bedingungen vor, um sich auf das Turnier in den USA, Kanada und Mexiko vorzubereiten. Meistens ist es strahlend blau, es herrschen mit 20 bis 25 Grad angenehme Temperaturen.

Auf der anderen Seite des Kontinents sind die Norweger untergebracht. In Greensboro im Bundesstaat North Carolina mussten die Wikinger bereits ein Training aufgrund der Temperaturen über 30 Grad unterbrechen. "Das Wichtigste ist, unter diesen Bedingungen zu trainieren. Und dann geht es einfach darum, sich jeden Tag an die Hitze zu gewöhnen", sagt Sander Berge. Englands Stürmer Ollie Watkins berichtete nach einem Training in Florida: "Es ist heiss, zu heiss."

Die Bandbreite der Bedingungen bei der Drei-Länder-WM reicht von tropisch-feuchter Hitze in den US-Südstaaten bis hin zu Höhenlagen in Mexiko. "Wir müssen uns auf ein Turnier der Wetter-Extreme einstellen. Besonders kritisch wird die Kombination aus hoher Temperatur, hoher Luftfeuchtigkeit, Reiseaktivitäten und verdichtetem Spielplan sein", sagt der Sportmediziner Hans-Georg Predel von der Deutschen Sporthochschule in Köln der dpa.

Als besonders herausfordernde Standorte gelten Miami, Houston, Dallas und Monterrey. "Dort treffen hohe Temperaturen auf teils extreme Luftfeuchtigkeit. In Florida kommen zusätzlich typische Sommergewitter mit Starkregen und Blitzgefahr hinzu. Auch Atlanta und Kansas City können im Juni und Juli sehr schwül und gewitteranfällig sein", stellt Predel fest.

Mexico City stellt dagegen eine andere Herausforderung dar: "Dort ist weniger die Hitze das Hauptproblem als vielmehr die Höhenlage von über 2000 Metern. Der reduzierte Sauerstoffpartialdruck kann die Ausdauerleistung und Regeneration deutlich beeinträchtigen", erklärt der Sportmediziner.

Die potenzielle Risiken sind hoch. Dazu zählen laut Predel vor allem Dehydration, Elektrolytverluste, Muskelkrämpfe, Kreislaufprobleme und direkte Sonneneinstrahlung. "Im Extremfall kann es zu einem belastungsinduzierten Hitzschlag kommen, der akut lebensbedrohlich ist." Nur vier Stadien - Dallas, Los Angeles, Houston, Atlanta - verfügen über verschliessbare Dächer und können so den Innenraum herunterkühlen.

Die Klub-WM im Vorjahr war eine Warnung - und ein erster Eindruck, wie das Wetter das XXL-Turnier in Nordamerika beeinflussen könnte. Sechs Spiele wurden unterbrochen, wobei die Unterbrechungen zwischen 40 Minuten und 2 Stunden dauerten. Wegen Unwettergefahr wurden im Spiel zwischen Benfica und Chelsea Spieler in die Garderobe geschickt, Fans mussten aus dem Stadion. In den USA gilt: Werden Blitze im Umkreis von 13 Kilometern um das Stadion registriert, wird das Spiel sofort unterbrochen - mindestens für 30 Minuten.

Auch als Reaktion auf die Hitze während der Klub-WM führt die FIFA am Turnier in Übersee eine dreiminütige Trinkpause pro Halbzeit ein. Ausserdem werden bei allen Spielen, die im Freien stattfinden, klimatisierte Sitzbänke für den Betreuerstab und die Auswechselspieler bereitgestellt.

Einer Gruppe weltweit führender Wissenschafter geht das nicht weit genug. Sie forderten in einem offenen Brief, Spiele bei Temperaturen von über 28 Grad zu verschieben und längere Kühlpausen von mindestens sechs Minuten einzuführen. Die 20 Forscher aus den Bereichen Gesundheit, Klima und Sportleistung warnten davor, dass die Temperaturen in 14 der insgesamt 16 genutzten Stadien gefährliche Werte überschreiten könnten. Entscheidend ist dabei nicht die reine Lufttemperatur, sondern die sogenannte Wet-Bulb-Globe-Temperatur (WBGT). Dieser Wetter-Index kombiniert etwa Sonneneinstrahlung, Wind und Luftfeuchtigkeit.

Englands Trainerteam bereitete die Mannschaft über ein Jahr lang mit Sportwissenschaftern auf die Bedingungen vor. Übereinstimmenden Medienberichten zufolge mussten die Spieler etwa digitale Kapseln schlucken, um so ihre Körperdaten unter Belastung zu erfassen und Hitzetoleranz sowie Regeneration zu analysieren.

"Die Bedingungen sind nicht unser grösster Gegner, aber sie sind nach einer langen und sehr anspruchsvollen Saison für unsere Spieler auch kein Vorteil. Wir sind diese Art von Hitze und Luftfeuchtigkeit nicht gewohnt", sagt Trainer Thomas Tuchel.

Nicht nur für die Spieler können die Bedingungen zum Risiko werden - auch für die Fans gilt höchste Vorsicht. Das Gesundheitsamt des Los Angeles County plant, rund um die Spiele umfassend über Hitzeschutz und ausreichende Flüssigkeitszufuhr zu informieren. New York will Informationen an die Abonnenten des öffentlichen Warnsystems sowie über WhatsApp an internationale Besucher versenden. Seattle prüft den Einsatz von klimatisierten Bussen und Wassernebelanlagen bei Fanfesten und Spielen.

Die Schweizer Mannschaft und Fans sind von alledem zumindest vorerst nur am Rande betroffen. Die ersten beiden Gruppenspiele bestreitet die Nati in Kalifornien, eines in San Francisco, das andere in Los Angeles, ehe es zum Abschluss der Vorrunde ins vergleichsweise kühle Vancouver geht. Gewinnt sie die Gruppe B, finden auch der Sechzehntel- sowie ein allfälliger Achtelfinal im Westen Kanadas statt.

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