Dieses Mal schmerzt es wirklich
Das Testspiel gegen Australien hätte als Warnung dienen sollen, trotzdem kommt es beim WM-Auftakt zum Déjà-vu. Das Schweizer Nationalteam muss seine mentale Blockade lösen.
Die Schweizer führen 1:0 und dominieren das Spiel. Dann lassen sie nach, verlieren die Kontrolle und müssen den Ausgleich hinnehmen. Zum zweiten Mal in Folge kam es zum gleichen Skript: beim Testspiel gegen Australien und beim WM-Auftakt gegen Katar.
Dabei wollte Granit Xhaka seine Mitspieler zwischen den Partien noch wachrütteln, malte sogar das Horrorszenario eines Turnieraus nach drei Gruppenspielen an die Wand. Nach dem Katar-Spiel muss der Captain aber realisieren: Seine Worte sind bei den Mitspielern nicht angekommen.
Hat Xhaka die "Ich-haue-auf-den-Tisch"-Masche schon zu oft verwendet? Oder haben die Schweizer gedacht, dass die notwendige Intensität bei Turnierbeginn automatisch kommen würde? War es einfach ein Ausrutscher, wie es ihn im Sport halt immer wieder gibt? Oder steckt der Wurm doch tiefer drin? Es sind Fragen, mit denen sich das Team als Ganzes nun beschäftigen muss.
Dass die Qualität in der Mannschaft grundsätzlich da ist, bestreitet wohl niemand. Die Katarer waren insgesamt klar unterlegen, was auch Trainer Julen Lopetegui einräumte. "Die Schweiz hat eine starke Mannschaft mit zahlreichen Spielern aus den europäischen Top-5-Ligen. Natürlich blieb uns nicht viel übrig, als zu verteidigen und auf unsere Chance zu hoffen."
Wichtig sei gewesen, nach dem Rückstand den Kopf nicht zu verlieren, erklärte der Spanier. Indem sein Team diese heikle Phase überstand, tankte es Minute um Minute etwas mehr Vertrauen, während auf der Gegenseite die fehlende Effizienz zu zunehmender Ratlosigkeit führte.
Und so musste am Ende eine der berühmtesten Fussball-Weisheiten als Analyse hinhalten: Wer sie vorne nicht macht, bekommt sie hinten.
Zwar war die Schweizer Verteidigung nicht immer sattelfest, das Problem war dennoch vor allem in der Offensive zu suchen. Oder wie es Akanji pointiert ausdrückte: "Ja, wir könnten zwei, drei Gegentreffer erhalten, aber wir müssten dafür auch acht Tore schiessen." Das galt jedoch vor allem für die erste Halbzeit.
Dass die Leistung in der zweiten Hälfte allgemein schlechter war und die Chancen seltener wurden, konnte dagegen niemand richtig erklären. "Ich kann es euch nicht sagen, ich weiss es auch nicht", sagte Ricardo Rodriguez in der Interviewzone. Auch die Hitze sei kein Faktor gewesen, erklärte Akanji. "Ich habe mit vielen Mitspielern darüber gesprochen, und eigentlich hatten alle ein gutes Gefühl. Gegen Australien fand ich es viel anstrengender."
So war es wieder Granit Xhaka, der sich deutlich äusserte. Die Disziplin auf dem Platz habe gefehlt, sagte der 33-jährige Mittelfeldregisseur, der auch von einem Realitätscheck für das Team sprach. "Das Ergebnis tut uns vielleicht gut. Es zeigt uns, wo wir stehen. Und es zeigt uns auch, dass wir mehr machen müssen." Detaillierter wurde Xhaka nicht.
Die Partie hat auch gezeigt, wie eng im Sport die Gefühlslagen beieinanderliegen können. Wäre es beim 1:0 geblieben, hätte man von einem soliden Auftakt gesprochen - mit einigen Mängeln zwar, aber insgesamt dominant. Stattdessen wird in der Boulevardpresse nun die "Katarstrophe" heraufbeschworen. Die Wahrheit liegt, wie meistens, irgendwo dazwischen.
Die Schweizer Spieler müssen sich ankreiden lassen, den ersten Weckruf nicht wirklich gehört zu haben. Das 1:1 gegen Australien tat ihnen aber auch nicht wirklich weh, es ging ja um nichts in dieser Partie. Das 1:1 gegen Katar schmerzt dafür umso mehr. Die drei Punkte gegen den vermeintlich schwächsten Gruppengegner waren klar budgetiert.
Nun geht das Schweizer Nationalteam ohne Polster ins nächste Spiel gegen Bosnien-Herzegowina. Und sollte dort erneut kein Sieg herausschauen, stünde zum Schluss ein Alles-oder-Nichts-Spiel gegen den Co-Gastgeber Kanada an - in einem Stadion voller Heimfans.
Um dies zu verhindern, braucht es am Donnerstag eine Reaktion. Und zwar eine über die vollen 90 Minuten.