Erst Wirbel, dann Punkte: die drei verrückten Wochen der Nati
Die Schweiz steht in der Nations League mit dem Punktemaximum an der Spitze der Gruppe B1 und ist auf Kurs Richtung Wiederaufstieg. Dabei begann der Zusammenzug mit einem Paukenschlag.
Es ist kurz vor Mitternacht an diesem Dienstagabend, als der Mannschaftsbus des Schweizer Nationalteams Richtung Luzerner Innenstadt abbiegt. Vor dem Stadion ist es ruhig geworden, nur noch vereinzelte Fans in roter Montur sind zugegen. Das vierte Spiel innerhalb von nur elf Tagen ist gewonnen.
Die SFV-Auswahl hat nahtlos an die erfolgreiche WM angeknüpft. Trotz der überschaubaren Qualität der Gegner ist dies in Anbetracht der Umstände keine Selbstverständlichkeit. Denn der erste Zusammenzug nach dem Einzug in den WM-Viertelfinal hatte es in sich. Eine Zusammenfassung.
Am Freitag, 18. September, einen Tag, nachdem Murat Yakin das Kader für die ersten vier Partien in der Nations League bekannt gegeben hat, macht der "Blick" publik, dass ein Strafverfahren gegen Captain Granit Xhaka wegen Urkundenfälschung eröffnet wurde. Die Luzerner Staatsanwaltschaft bestätigt dies auf Nachfrage von Keystone-SDA.
Xhaka, der via einen Sprecher erst ausrichtet, dass ihm eine Bestätigung der behandelnden Ärztin zu den zwei Impfungen gegen Covid vorliege, rudert am Montag, 21. September, zurück, gibt den Impfschwindel zu und entschuldigt sich für sein Fehlverhalten. Als Konsequenz und in Absprache mit dem Verband findet der Zusammenzug ohne den Mittelfeldspieler von Sunderland statt. Der SFV will den sportlichen Erfolg nicht gefährden und den Fokus beibehalten. Ein weiser Entscheid, wie sich herausstellen sollte.
Doch der schlechten Nachrichten nicht genug. Am Freitag, 25. September, dem Tag der Abreise aus dem Trainingscamp in Belek und der Tag vor dem ersten Spiel in Skopje, folgt die nächste Hiobsbotschaft für Yakin: Auch Breel Embolo verpasst den Zusammenzug. Der Basler stolpert ebenfalls über ein gefälschtes Zertifikat. Doch der Fall ist nur bedingt vergleichbar mit jenem von Xhaka. Dass gegen Embolo wegen mehrfacher Anstiftung zur Urkundenfälschung ermittelt wird, war bekannt. Nun enthüllen Recherchen von "Schweiz heute" das Strafmass, infolge dessen Embolo selber an die Öffentlichkeit geht und seinen Fehler einräumt.
Ungeachtet dieser personellen Störfeuer knüpft die Schweizer Nationalmannschaft in Skopje an die erfolgreiche WM an und besiegt Nordmazedonien souverän 3:0. Es folgen der Sieg in Schottland, ebenfalls mit 3:0, die Wende nach frühem Rückstand beim 2:1 gegen Slowenien und am Dienstagabend, im zweiten Spiel in Luzern, erneut ein 3:0 gegen Nordmazedonien. Elf Tage, vier Siege. Erst überzeugend und spielerisch stark, dann, auf schwierigem Geläuf, kämpferisch und robust. Gegen alle Widerstände.
Die Abwesenheiten von Xhaka und Embolo, die verletzungsbedingten Ausfälle von Ruben Vargas und Denis Zakaria, die Rücktritte von Christian Fassnacht, Noah Okafor und Silvan Widmer - das alles konnte dem Team von Murat Yakin scheinbar nichts anhaben. "Es war ein bisschen unruhig, aber die Mannschaft hat sich davon nicht beeinflussen lassen", sagte Yakin gewohnt lässig.
Im Zentrum füllte der bisher unter dem Radar gelaufene Ardon Jashari die Rolle von Granit Xhaka aus und trat als Spielgestalter auf. Im Sturmzentrum machte Zeki Amdouni Breel Embolo zumindest zeitweise vergessen. Teamleader wie Nico Elvedi, Manuel Akanji, Ricardo Rodriguez oder Remo Freuler lieferten konstant ab, Dan Ndoye und Johan Manzambi stellten ihren Wert in der Offensive eindrücklich unter Beweis.
Der Nationaltrainer warf junge Spieler ins kalte Wasser, die erstaunlich gut geschwommen sind. Hervorzuheben gilt es allen voran Zachary Athekame, der seine ersten vier Länderspiele bestritt und auf der rechten Verteidiger-Position eine derart gute Falle gemacht hat, dass die Problemstelle im Team künftig keine mehr sein dürfte. Mit Sascha Britschgi und Winsley Boteli debütierten zwei weitere Spieler.
Die Kehrseite der Medaille: Sie alle standen Alex Frei nicht zur Verfügung, dem die EM-Qualifikation mit der U21 nach Niederlagen in Island (1:5) und Frankreich (1:7) noch aus der Hand glitt. "Es war auch bei uns nicht einfach mit zahlreichen Spielern, die fehlten, gerade auf der Aussenposition. Es war notwendig, sie hochzuziehen. Und sie bekamen ja auch Spielzeit", so Yakin. Das Timing könne man nicht immer bestimmen.
"Die Jungen haben die Chance gepackt", so der 52-Jährige. Die Spieler, die ihm zur Verfügung gestanden hätten, hätten es "sehr gut gemacht. Die ersten beiden Spiele waren hervorragend. Wir haben nichts zugelassen, Tore erzielt, auch aus Standards". Die Heimspiele seien dann etwas schwieriger gewesen, da sich die Gegner gut eingestellt hätten.
Bei all den positiven Aspekten darf jedoch eines nicht vergessen werden: Die Schweiz absolvierte ihre Spiele in der Liga B gegen maximal zweitklassige Gegner, was den Einbau von neuen Spielern und das Ersetzen von Führungskräften deutlich erleichterte. Ein echter Prüfstein blieb bisher aus. Dessen ist sich auch Yakin bewusst. "Wir müssen es schon realistisch einordnen, wenn man sieht, gegen welche Mannschaften wir gespielt haben. Wenn stärkere Gegner kommen, wird es anders zu und her gehen."
Dann möchte Yakin auch wieder auf Xhaka und Embolo zählen dürfen. "Granit und Breel kann man nicht ersetzen. Ich hoffe, dass wir sie im November wieder sehen werden. Die besten Spieler müssen dabei sein - und zu diesen gehören sie definitiv."
In etwas mehr als einem Monat trifft sich die Nationalmannschaft für die letzten beiden Spiele in der diesjährigen Nations-League-Kampagne. Am 13. November gastiert man in Slowenien, drei Tage später empfängt man in St. Gallen Schottland. Bei fünf Punkten Vorsprung auf den ersten Verfolger Slowenien befindet sich die Schweiz auf bestem Weg Richtung Wiederaufstieg in die Liga A - trotz zweier Aushängeschilder, die vom Kurs abgekommen sind.