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Erstmals seit 16 Jahren reist ein Schweizer Schiedsrichter zur WM

Keystonr

Mit Sandro Schärer steht in den kommenden Wochen erstmals seit 16 Jahren wieder ein Schweizer Schiedsrichter an einer WM im Einsatz. Es ist für den 37-jährigen Schwyzer die Erfüllung eines Traums.

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Ist mit 38 Jahren erstmals für eine WM nominiert: FIFA-Schiedsrichter Sandro Schärer © KEYSTONE/ANTHONY ANEX

Sandro Schärer ist ein Schiedsrichter moderner Prägung: jung, eloquent, gewinnendes Auftreten. Kurz: ein hervorragender Kommunikator. Von Ungefähr kommen diese Qualitäten nicht. Sie entsprechen einem zentralen Element in der Jobbeschreibung, wie Schärer seine Aufgabe sieht. "Was richtig und falsch ist, wissen wir alle mehr oder weniger selber", erklärt der gelernte Lehrer aus Buttikon am oberen Zürichsee. "Entscheidend auf diesem Niveau sind Kommunikation, Management, Leadership, der Umgang mit Menschen. "Ich treffe wichtige Entscheide, aber für das Spiel bin ich null wichtig."

Dazu gehört auch, dass die Unparteiischen ihre Arbeit erklären. Im Vorfeld der WM lud der Schweizerische Fussballverband an seinem Sitz in Muri bei Bern zu einer Medienrunde. Der Anlass ist ein erfreulicher: Erstmals seit Massimo Busacca 2010 wurde mit Schärer wieder ein Schweizer Schiedsrichter für eine WM-Endrunde aufgeboten. Dazu reisen auch der Aargauer Fedayi San als VAR und der Genfer Stéphane De Almeida als Schiedsrichter-Assistent nach Nordamerika.

Um fit zu sein und auf dem Rasen gut mit den Spielern (und Coaches) kommunizieren zu können, ist die Vorbereitung essentiell. Bereits am Sonntag, knapp eine Woche vor Schärers 38. Geburtstag, reisen die Unparteiischen in die USA, Schärer und De Almeida ins Schiedsrichter-Camp nach Miami, San zur VAR-Instruktion nach Dallas. Schärer sammelte bereits vor zwei Jahren an der EM in Deutschland Erfahrung - und doch ist eine WM noch einmal eine ganz andere Hausnummer. Nicht nur wegen der Länge und der Reisedistanzen, sondern auch wegen der unterschiedlichen Mentalitäten. Es kommen Schiedsrichter aus allen Kontinenten zusammen, nun geht es darum, eine einheitliche Linie zu finden.

Für Schärer, der einst beim FC Buttikon in der 3. Liga spielte, geht mit dem Aufgebot ein Traum in Erfüllung. Eine mit Ansage, denn in den letzten Jahren mauserte er sich zu einem der besten Schiedsrichter Europas. Erst vor einem Monat arbitrierte er beim begeisternden 5:4-Heimsieg von Paris Saint-Germain gegen Bayern München, notabene auch hier als erster Schweizer in einem Champions-League-Halbfinal seit Busacca vor sechzehn Jahren, und erhielt hervorragende Noten. Der oft kritisch eingestellte ehemalige Spitzen-Schiedsrichter und TV-Experte Urs Meier sprach von einer "Weltklasseleistung". Er habe in den letzten paar Monaten keine solche Leistung gesehen, schwärmte er bei "Blue". "Sandro hat es bei seiner Halbfinal-Feuertaufe exzellent gemacht. Einfach genial."

Das war kurz, nachdem der Schwyzer bereits sein WM-Aufgebot erhalten hatte. Er wäre enttäuscht gewesen, wenn er übergangen worden wäre, das gibt er offen zu. "Es war für mich ein emotionaler Moment, wenn man ein Lebensziel erreicht", erinnert er sich. "Mit allen Widrigkeiten, die der Weg als Schiedsrichter so mit sich bringt." Schärer zieht den Vergleich mit den aktiven Fussballern. "Hätte ich es nicht ins Kader geschafft, wäre ich enttäuscht gewesen. Aber ich hätte auch das selbstkritisch reflektiert und auch Argumente gefunden, warum es eben nicht gereicht hat."

Er betont, dass er mit bald 38 Jahren noch relativ jung sei für einen Schiedsrichter, und dass es natürlich viel schwieriger sei, für eine WM aufgeboten zu werden als für eine EM, weil es für Europäer weniger Plätze hat.

Die Vorbereitung sei nun auch gar nicht so unähnlich wie bei den Fussballern. "Wir müssen uns um nichts kümmern", erklärt Schärer. "Wir haben ebenfalls einen Staff, der alles so zu machen versucht, dass du am Tag X die bestmögliche Leistung abrufen kannst." Das Hotel sei gebucht, der Flug reserviert, das Essen vorbereitet, der Physiotherapeut bereite Nahrungsergänzungsmittel vor, die Beine würden massiert und die Analytiker bereiteten die taktische Spielvorbereitung auf.

Gerade der letzte Punkt sei enorm wichtig, so Schärer, da die Mentalitäten der einzelnen Spieler und Teilnehmer sehr unterschiedlich seien. "Wir werden manchmal ein bisschen belächelt, wenn wir im Nahen Osten, auf Zypern oder in Griechenland Spiele leiten gehen, aber das ist ungemein wertvoll, weil du da anders mit den Spielern umgehen musst als in der Schweiz. Hier kannst du zum Teil jemanden anschauen, und dieser weiss sofort, was es 'gschället' hat. Wenn du das in einer anderen Kultur machst, kann es unter Umständen erst richtig losgehen."

Man spürt es, der Umgang mit den Spielern auf dem Platz liegt Schärer sehr am Herzen. "Ich behandle jeden mit dem gleichen Respekt, egal, ob 45-jähriger Senior des FC Trübbach oder Weltstar", betont er. "Aber der Erfahrungsschatz hilft, dass man vorbereitet ist und nicht überrascht wird."

Viel Vorbereitungszeit auf die WM-Einsätze in den USA, Mexiko oder Kanada bleibt Schärer vor Ort nicht. Die Schiedsrichter erfahren erst wenige Tage vor dem jeweiligen Spiel, wo sie zum Einsatz kommen. "Da ist man wie ein Pferd, das mit den Hufen scharrt", meint der Schwyzer schmunzelnd. Die Erwartungen erhält er bewusst tief. "Ich sehe mich noch nicht als Teil der Stammelf", vergleicht er sich mit einem Jung-Nationalspieler. "Ich würde unter Realitätsverlust leiden, wenn ich mir jetzt den WM-Final als Ziel setzen würde." Die erste muss ja auch nicht Schärers letzte WM sein.

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