Harter Kampf um die Startplätze an den Europameisterschaften
Im Letzigrund geht es am Wochenende um mehr als um Schweizer Meisterschafts-Medaillen. In mehreren Disziplinen werden die letzten EM-Tickets für Birmingham im Trials-Format vergeben.
Über 100 m der Frauen, 800 m der Frauen und 400 m der Männer erhalten die Schweizer Meisterschaften einen Charakter, der an die US-Trials erinnert. In den drei erwähnten Disziplinen sind aktuell mehr als drei Athletinnen oder Athleten auf Grund einer erfüllten Limite oder ihrer Position in der "Road to Birmingham" (über dieses Ranking werden die EM-Felder aufgefüllt) selektionierbar. Die Rennen im Letzigrund entscheiden also, wer die Schweizer Farben vom 10. bis 16. August in England vertreten darf.
Zu den grössten Attraktionen zählt Audrey Werro. Die 22-jährige Freiburgerin reist als Jahres-Weltbeste und Beinahe-Weltrekordhalterin über 800 m nach Zürich und wagt mit Blick auf Birmingham einen besonderen Härtetest. Vor ihrem Vorlauf über 800 m startet sie auch über 400 m, um die Belastung zu simulieren, die sie an der EM mit Halbfinal und Final innerhalb kurzer Zeit erwartet. Gleichzeitig kämpfen Lore Hoffmann, Veronica Vancardo und Valentina Rosamilia um die noch zwei verbleibenden EM-Startplätze.
Im Sprint der Frauen richtet sich der Blick auf die Rückkehr von Mujinga Kambundji. Die mehrfache Europameisterin ist erst vor wenigen Wochen nach der Geburt ihres Sohnes Léon wieder ins Wettkampfgeschehen eingestiegen. Mit Géraldine Di Tizio-Frey, Salomé Kora, Ajla Del Pont und Xenia Buri haben vier Athletinnen die 100-m-Limite von 11,18 Sekunden erfüllt. Und mehrere weitere Sprinterinnen dürfen sich auf Grund ihrer Platzierung im Ranking realistische Hoffnungen auf einen EM-Start machen.
Zu einer Premiere kommt es im 400-m-Sprint der Männer. Mit 45,20 Sekunden unterbot der in den USA lebende Haydn Brotschi Mitte Mai in Princeton (USA) die EM-Limite. Die Schweizer Meisterschaften bilden den ersten Wettkampf des 21-Jährigen in der Schweiz und er wird sich dabei gegen den Titelverteidiger Lionel Spitz, Ricky Petrucciani (den EM-Zweiten von 2022) und Vincent Gendre beweisen müssen.
Die Schweizer Top-Stars sind in Zürich nahezu vollständig vertreten. Der Europameister Timothé Mumenthaler und William Reais führen die Sprint-Felder der Männer an. Jason Joseph peilt über 110 m Hürden seinen neunten Outdoor-Titel in Serie an. Die Stabhochsprung-Europameisterin Angelica Moser greift vor Heimpublikum nach ihrem zehnten Outdoor-Titel und dem 20. Schweizer Meistertitel in Folge. Im Speerwerfen zählen die Schweizer Rekordhalterin Leonie Hügli und der Rekordhalter Simon Wieland zu den grössten Attraktionen.
Nicht am Start stehen allerdings drei prominente Schweizer Asse. Ditaji Kambundji, die Weltmeisterin über 100 m Hürden, verzichtet nach ihrer Oberschenkelverletzung ebenso auf die nationalen Titelkämpfe wie Simon Ehammer, der nach einer leichten Zerrung mit Blick auf Birmingham kein Risiko eingehen will. Favoritin auf Hürden-Gold ist somit die Mehrkämpferin Annik Kälin. Ehammer wäre im Weitsprung plus über 110 m Hürden angetreten. Und 10'000-m-Europameister Dominic Lobalu lässt nach einer Muskelverhärtung ebenfalls Vorsicht walten und steht über 1500 m nicht am Start.
30 Schweizer Athletinnen und Athleten haben die EM-Limite bereits erfüllt oder sich als Titelverteidigerinnen beziehungsweise Titelverteidiger einen persönlichen Startplatz gesichert - Mujinga Kambundji (200 m), Angelica Moser (Stab), Mumenthaler (200 m) und Lobalu (10'000 m). Die zweite Hälfte wird sich noch über die "Road to Birmingham" für den Saisonhöhepunkt empfehlen. Vor zwei Jahren im Rom umfasste die Schweizer Equipe 60 Startende, das Team für Birmingham wird ähnlich gross sein.