Mexiko und der Fluch der fünften Partie
Mexiko ist zum 18. Mal an einer WM dabei und zum dritten Mal als Gastgeber. Wie 1986 und 1970 soll mindestens der Viertelfinal herausspringen.
Anders als in den USA und in Kanada griff die Vorfreude auf die Weltmeisterschaft in Mexiko schon früh. In der Hauptstadt, wo am 11. Juni mit dem Spiel gegen Südafrika das Turnier beginnt, wurde der Eröffnungstag zum Feiertag erklärt. Vom legendären Aztekenstadion aus, indem Pelé (1970) und Diego Maradona (1986) WM-Finals gewannen, soll Mexikos Nationalteam sich endlich wieder einmal mindestens durch einen Teil der K.o.-Phase spielen.
40 Jahre ist es her, dass Mexiko zum bislang einzigen Mal eine Partie der WM-K.o.-Runde überstanden und zum zweiten Mal nach 1970 die Viertelfinals erreicht hat. Im Aztekenstadion vor über 110'000 Zuschauern schlug das von Bora Milutinovic trainierte Team um Starstürmer Hugo Sanchez damals im Achtelfinal Bulgarien mit 2:0, bevor es im Penaltyschiessen am späteren Finalisten Deutschland scheiterte.
Seither wurde die Kapazität der Heimarena zwar auf 80'000 reduziert, aber die Fussball-Euphorie ist in Mexiko nicht kleiner geworden. Vier Sportzeitungen berichten täglich über das Fussballgeschehen. Die Klubs der höchsten Liga spielen im Schnitt vor über 20'000 Zuschauern und bezahlen ihre besten Aushängeschilder so gut, dass es erstaunlich wenige Spieler aus Mexiko in Europas Ligen gibt. Die bekanntesten unter ihnen sind Stürmer Raul Jimenez von Fulham und Captain Edson Alvarez von Fenerbahce Istanbul.
Über die Erfolgsaussichten der aktuellen Ausgabe von "El Tri" sind sich die Experten uneinig. Verletzungspech sorgte dafür, dass der eine oder andere erhoffte Leistungsträger in diesem Jahr schon pausieren musste und gar nicht oder mit unsicherem Formstand ans Turnier kommt. Auch wenn Mexiko am Gold Cup, dem Kontinentalwettbewerb von Mittelamerika und der Karibik, im letzten Sommer triumphiert hat, bleiben Fragezeichen hinter dem Potenzial des Teams, das bereits zum dritten Mal von Javier Aguirre trainiert wird.
Der 67-jährige Aguirre, wegen seiner baskischen Wurzeln "el Vasco" genannt, setzt viel Wert auf Disziplin und Zusammenhalt. Das bewies er auch in seiner dritten Amtszeit, die seit dem letzten Juli läuft und nach der WM mit der Stabsübergabe an seinen Assistenten Rafael Marquez endet. Gut einen Monat vor dem WM-Eröffnungsspiel beorderte er alle heimischen Nationalspieler zum gemeinsamen Nachtessen, obwohl diese in der Heimat zum Teil noch im Playoff oder in internationalen Wettbewerben engagiert waren. "Wer nicht erscheint, kommt nicht an die WM", entschied Aguirre.
Mit Spannung verfolgten die Medien live das Auflaufen der Spieler, deren Klubs sich zunächst gegen die Order der Nationalmannschaft gesträubt hatten. Alle erschienen, gefilmt von geduldigen Medienleuten, rechtzeitig. ESPN schrieb dazu: "Das Team ist vollständig. Damit enden die chaotischsten 24 Stunden, die die Nationalmannschaft in den letzten Jahren erlebt hat." Nach dieser denkwürdigen Episode zum Start der langen Vorbereitungsphase stiessen kontinuierlich auch die Legionäre zum Team.
"Unser Ziel ist es, die beste WM in Mexikos Geschichte zu zeigen, und daran arbeiten wir hart", sagt Aguirre, der 2002 und 2010 mit "El Tri" im WM-Achtelfinal gescheitert ist. Wie alle anderen mexikanischen Nationalcoaches seit 1986 verpasste auch er den WM-Viertelfinal, "El Quinto Partido" wie die Fans in einem Atemzug sagen. Zwischen 1994 und 2018 scheiterte Mexiko siebenmal in Serie im Achtelfinal; in Katar war das Turnier zuletzt schon nach der Vorrunde zu Ende.
In diesem Sommer ist die Ausgangslage besser, auch wenn Mexiko schon talentiertere Teams ins WM-Rennen geschickt hat. Mit Südafrika, Südkorea und Tschechien sind die Vorrundengegner in der Gruppe A alle schlagbar, ganz speziell vor heimischem Publikum. Danach fänden als Gruppenerster auch der Sechzehntelfinal und der allfällige Achtelfinal in Mexiko statt. Erst der so lange ersehnte Viertelfinal wäre ausserhalb der Landesgrenzen. Sollte es so weit kommen, würde sicher auch die Partie in Miami zum Heimspiel werden.