Nach dem Thuner Märchen beginnt das grosse Neuordnen
Sechs Tage nach Spaniens WM-Triumph beginnt am Samstag die neue Super-League-Saison. Nach Thuns sensationellem Meistertitel ist vieles offen. Basel und die Young Boys wollen zurück an die Spitze.
Neben dem FCB und YB stehen weitere Traditionsklubs für einen Neustart. Mit dem hierzulande als bieder wahrgenommenen FC Vaduz kehrt ein alter Bekannter anstelle des bunten FC Winterthur zurück. Ein Überblick in sieben Punkten.
Vor einem Jahr galt der FC Thun als Abstiegskandidat, heute ist er Schweizer Meister und versucht sich in diesen Tagen an der Pforte zur Champions League. Einen grösseren Überraschungsmeister hat die Schweizer Liga noch nie erlebt.
Angesichts gewichtiger Abgänge und eines trotz des sportlichen Erfolgs finanziell engen Korsetts präsentiert sich die Ausgangslage für die Berner Oberländer im Jahr danach delikat. Trainer Mauro Lustrinelli ist ebenso weg wie mehrere Leistungsträger, unter ihnen Leonardo Bertone, Elmin Rastoder und Ethan Meichtry. Mit Gian-Luca Privitelli hat ein neuer Trainer eine Mannschaft übernommen, die nach dem Höhenflug mit einer ganz anderen Erwartungshaltung umgehen muss. Gelingt es, den Schwung mitzunehmen, oder holt die Realität den vermeintlichen Underdog wieder ein? Die Fallhöhe ist hoch.
Die beiden finanziellen Schwergewichte der Liga haben eine Saison zum Vergessen hinter sich. Basel wurde nur Fünfter, die Young Boys enttäuschten als Sechster. Beide setzen dennoch auf Kontinuität auf der Trainerbank.
Stephan Lichtsteiner erhält in Basel trotz durchwachsener erster Halbsaison die Chance, die Mannschaft zurück in die Spitzengruppe zu führen. Gerardo Seoane geniesst in Bern weiter das Vertrauen, obwohl die Mannschaft nach anfänglichem Aufschwung bei seiner Rückkehr im letzten Oktober stagnierte. Beide Klubs bauten ihre Kader auf Schlüsselpositionen um respektive sind noch dabei. Gemessen an ihren Möglichkeiten spüren YB und Basel den grössten Druck.
Die Buchmacher sehen denn auch Basel knapp vor den Young Boys als Titelanwärter Nummer 1. Dahinter folgen Thun, Lugano und St. Gallen.
Die vergangene Saison steht exemplarisch dafür, dass Ruhe und Geduld in der Tendenz belohnt werden: Mit Thun (1.), St. Gallen (2.), Lugano (3.) und Sion (4.) belegten vier Teams die ersten Plätze, die auf Kontinuität setzten.
St. Gallen startet als Cupsieger und Meisterschafts-Zweiter mit viel Selbstvertrauen. Lugano scheint nach dem missratenen Auftakt vor einem Jahr und der deutlichen Steigerung im weiteren Saisonverlauf bereit, den nächsten Schritt zum Meisterkandidat zu machen. Die erste komplette Saison im neuen Stadion könnte die Mannschaft zusätzlich beflügeln.
Auch Sion geht einen für Walliser Verhältnisse ungewohnt ruhigen Weg. Statt ständigem Umbruch setzt der Klub nunmehr auf Kontinuität - eine Strategie, die Thun, Lugano und St. Gallen bereits Erfolg gebracht haben. Entsprechend überrascht es kaum, dass diese vier Klubs hinter Basel und YB zum erweiterten Favoritenkreis zählen.
Nicht nur Basel und YB wollen einen Neustart. Auch die (früheren) Zürcher Schwergewichte hoffen auf bessere Zeiten.
Beim FC Zürich soll der weit herum gekommene Marcel Koller nach den Turbulenzen unter dem inzwischen entlassenen Sportchef Milos Malenovic als erfahrener und erprobter Trainer wieder Ruhe und Stabilität bringen. Die Grasshoppers setzen ihre Hoffnungen auf die neue Eigentümerschaft.
Die von den Niederlanden aus geführte Bridge Football Group verspricht einen langfristigen Aufbau und will die Fehler der chinesischen und amerikanischen Vorgänger vermeiden. Nach mehreren Jahren im Abstiegskampf wäre allein mehr Stabilität bereits ein Fortschritt.
Schwer einzuschätzen ist vor Saisonbeginn das aktuelle Level des FC Luzern. Nach dem Abgang von Mario Frick hat Jörg "Udo" Portmann das Traineramt übernommen. Gleichzeitig muss der Klub den Verlust von Goalie Pascal Loretz auffangen. Bis kurz vor dem Saisonbeginn stand mit dem von Schaffhausen verpflichteten ehemaligen FCL-Junior Raphael Radtke (24) lediglich ein Torhüter im Profikader - eine aussergewöhnliche Ausgangslage wenige Tage vor Saisonbeginn. Erst am Dienstag füllten die Zentralschweizer mit der Verpflichtung des 22-jährigen albanischen Internationalen Simon Simoni die Lücke.
Mit dem Abstieg von Winterthur hat die Liga einen Farbtupfer verloren, einen Klub, der in den letzten Jahren mit seinem unkonventionellen Auftreten und seiner besonderen Atmosphäre viele Sympathien gewann. An seine Stelle tritt der FC Vaduz, der nach fünf Jahren in der Challenge League zurückkehrt.
Der Vertreter aus Liechtenstein bringt mit den Routiniers Nicolas Hasler (35-jährig, Captain), Denis Simani (34), Benjamin Büchel (37), Dominik Schwizer (30) und Neuzugang Dejan Sorgic (36) reichlich Erfahrung mit. Emotional dürfte er bei vielen neutralen Zuschauern weniger Begeisterung auslösen als Winterthur.